BERLIN, im Februar. Wenn alles mit rechten Dingen zugegangen wäre, dürfte es diesen Film gar nicht geben. Dann wäre das Drehbuch bereits nach der ersten Sichtung unter irgendeinem Stapel auf irgendeinem Schreibtisch begraben worden. Herzlichen Dank, hätte ein Redakteur gesagt und sich die Sonnenbrille auf die Stirn geschoben, aber wer bitte soll sich denn so etwas anschauen. Wir brauchen Stoffe mit witzigen Leuten in spannender Umgebung. "Eine Geschichte über Schwule, Aids und Neger interessiert doch keinen Menschen." Nun stammt dieses Zitat jedoch aus dem bereits fertig gestellten Film "Zurück auf los!", einer Geschichte über Schwule, Aids und Neger. Es muss etwas Unvorhergesehenes passiert sein.Der Film wurde also gedreht. Jetzt hätte man von dem Regisseur normalerweise zu hören bekommen, wie verflucht schwer es gewesen sei, das Budget zusammenzubekommen und wie es ihn beleidigt, dass sein kammerspielartiges Meisterwerk im Nachtprogramm versenkt wird oder wenigstens, dass der Film von einem unsensiblen Schnittmeister verhunzt worden ist. Dann hätte man das Lied vom Ende der Kunst anstimmen können und alles wäre wie immer. Ein Regisseur, der nicht klagt Aber auch in dieser Hinsicht gilt es eine Fehlanzeige zu melden: Pierre Sanoussi-Bliss grinst über das ganze Gesicht, wenn er auf seinen Film angesprochen wird. "Ich finde ihn großartig. Es ist alles drin, was ich zeigen wollte, es sind alle Freunde drin. Ich kann mich nicht beklagen." Ein deutscher Regisseur, der sich nicht beklagen kann schön, dass es ihn gibt.In dieser Geschichte kommt manches anders, als man denkt. Mitunter geschehen noch Wunder, auch wenn es nur Low-budget-Wunder sind. Mit "Zurück auf los!" gibt der Schauspieler Pierre Sanoussi-Bliss, bekannt als Assistent aus dem ZDF-Krimi "Der Alte", sein Debüt als Regisseur, und das nicht im Mitternachtsprogramm auf Arte, sondern im Panorama der Berliner Filmfestspiele. Sollte da ein hilfreicher Engel im Spiel gewesen sein? Nein, es war ein Redakteur des "Kleinen Fernsehspiels" beim ZDF. Er hat das Manuskript gelesen und bei Sanoussi-Bliss angerufen: Wir wollen Ihren Film machen. Das war schon alles.Es empfiehlt sich dieser Tage dennoch, die Engel nicht zu vergessen. Schließlich sind die Filmfestspiele an jenen Ort gezogen, wo Wim Wenders einst seine Engel Cassiel und Damiel vom Himmel über Berlin auf die Erde schweben ließ. Jetzt eröffnet Wenders mit "The Million Dollar Hotel" an eben diesem Potsdamer Platz die 50. Ausgabe des Filmfestes. Im richtigen Leben steht das Titel stiftende Hotel in Los Angeles, bekannt als Stadt der Engel. Auch Sam, eine der Hauptfiguren in "Zurück auf los!", kommt eigentlich vom Himmel her. Er landet im Stadtbezirk Prenzlauer Berg. Für Leute, die sich dort auskennen, sein Landeplatz liegt an der Lychener Straße, Ecke Stargarder. Filmfreunde werden sich auf den ersten Blick an diesen Mann mit den staksigen Beinen erinnern. Als Sam vor fünf Jahren von der Bildfläche, genauer gesagt von der Kino-Leinwand, verschwand, wusste niemand genau, was mit ihm passiert war. Möglicherweise hatten ihn außerirdische Freunde auf ihren Planeten Arcturus mitgenommen. Er hatte einmal so etwas angedeutet. Damals nannte sich Sam noch Orfeo de Altamar und diente der Regisseurin Doris Dörrie als Todesbote. Das mag jetzt ein wenig verwirrend klingen, ist aber im Grunde ganz einfach. Aus dem Knochenmann Orfeo in Dörries Film "Keiner liebt mich" ist über die Jahre wo auch immer Sam geworden. Dessen Todessehnsucht hat sich glücklicherweise in Lebenssehnsucht verwandelt. Auch so etwas soll es geben.Orfeo kehrt zurückPierre Sanoussi-Bliss hat seine Rolle von damals weitergesponnen und sich und seinen Freunden um diese Figur herum einen eigenen Film geschrieben. "Ich habe mich gefragt, wie es mit Orfeo weitergegangen wäre", sagt Sanoussi-Bliss. Weil er sich in Prenzlauer Berg besser zurechtfindet als auf dem Arcturus, lebt Sam, den er natürlich selber spielt, in seiner unmittelbaren Nachbarschaft. "Diese Überlebenskünstler treffe ich hier in jeder zweiten Kneipe, diese Leute, bei denen man nie so genau weiß, was haben sie mal gemacht, was machen sie jetzt. Sie schreiben n bisschen, sie malen n bisschen und sie brauchen immer Geld." Das sieht n bisschen nach Sozialkitsch aus. Gegen Kitsch hat Sanoussi-Bliss nichts einzuwenden immerhin interpretiert er im Film inbrünstig Schlager von Veronika Fischer und Holger Biege. Er nennt sich selbst "eine alte Kitschjule". Den Vorwurf, seine Figuren entsprächen in etwa jenen Typen, die man in einem Film über Lebenskünstler erwarten würde, will er allerdings nicht auf sich sitzen lassen. Alle Personen seines Films besäßen eine klar umrissene Biografie, sagt Sanoussi-Bliss und wird auf eine entsprechende Nachfrage prinzipiell: "Wenn Sie richtig hingesehen hätten, wäre Ihnen das nicht entgangen. Was Sie vermissen, wird im Film gezeigt. Aber sie haben in dieser Szene auf Ihren Block geschaut und sich Notizen gemacht." So etwas passiert einem, wenn der Regisseur bei der Filmvorführung im Fernsehsessel gegenüber sitzt. Fassen wir die genau umrissene soziale Lage zusammen, wie man sie auch auf der Homepage des Films im Internet nachlesen kann. Achtung, es kommt ziemlich dick: Sam ist ein "schwarzer, waschechter Ossi um die Dreißig. Nach einer geregelten DDR-typischen Kinder-, Jugend- und Armeezeit wollte er seine Kreativität ausleben und ernährt sich im vereinten Deutschland hauptsächlich mit Hilfe der ,Stütze ." Sam ist schwul und liebt Manne, einen belgischen Bauarbeiter. Sam s bester Freund Bastl war Tänzer und verdient sich nach einem Bühnenunfall seinen Lebensunterhalt mit einer Barbra-Streisand-Travestie. Sam trennt sich von Manne und erfährt, dass der ihn mit HIV infiziert hat. Sam und Bastl ziehen zusammen, Bastl säuft, Manne stirbt. Sam lernt Rainer kennen, einen weißen, waschechten Westler, der nach einem Unfall recht bald erblindet. Bastl lernt Mike kennen, Mike ist Gott sei Dank mit keinem größeren gesundheitlichen Handicap geschlagen. Der Film des NachbarnWie es ihm gelungen ist, aus diesem zentnerschweren Problempapier einen so liebenswerten und leichten Film zu zaubern, bleibt ein Geheimnis des Regisseurs, das kann er nicht erklären. Muss er ja auch nicht. Vielleicht nennt man es Talent. "Doris sagt immer, ,leben heißt leiden ", sagt Sanoussi-Bliss, und er meint Doris Dörrie. "Damit hat sie sicher Recht. Aber man kann auch humorvoll leiden. Und das zu zeigen haben wir eigentlich mit unserem Film angestrebt."Wie auf ein Stichwort klingelt es an der Tür, Matthias Freihof steht draußen, "mein Nachbar", stellt Sanoussi-Bliss ihn vor. Vor zehn Jahren erhielt Freihof für seine Hauptrolle in Heiner Carows Defa-Film "Coming out" bei der Berlinale einen Silbernen Bären. Jetzt spielt er hier den Bastl. Ein Vergleich zu "Coming out" drängt sich auf, wird aber von Sanoussi-Bliss eindeutig beantwortet. "Ich fand den Film nicht so gut, es ging da viel zu didaktisch zu. Bloß weil die größte DDR der Welt es mal gepackt hat, eine Geschichte über Schwule zu drehen, muss man das nun nicht gleich als bedeutendes Ereignis der Filmgeschichte feiern." Für ein historisches Ereignis hält Sanoussi-Bliss "Zurück auf los!" auch nicht. Für den besseren Film schon. Der Nachbar reicht die Rezension eines Stadtmagazins herein und verschwindet wieder. Die Kritik ist gut, der Regisseur lässt sich aber nichts anmerken. Seine Kritik-bedeutet-mir-nichts-Attitüde gelingt dem debütierenden Filmemacher gut. Er konnte sie bereits als Schauspieler üben. Auch in seinem Leben ist manches anders gekommen als gedacht. Seine Mutter arbeitete als Lehrerin, sein Vater, "der Herr Sanoussi", hat im sächsischen Mittweida "irgendwas mit Ökonomie" studiert. Er ging dann in seine Heimat Guinea zurück. Pierre Bliss, wie er damals noch etwas schlichter hieß, lernte zunächst Koch und wollte "hotelmäßig" Gastronomie studieren. "Auf einer Party hat dann ein Sprecherzieher meine Stimme gehört und mich gefragt, ob ich was mit Theater zu tun hätte. Ich sagte nein. Und er sagte: Sollten sie aber." Vor dem Studium an der Ernst-Busch-Schule war er zweimal in seinem Leben im Theater gewesen. "Ich hatte nichts von Wolfgang Heinz gehört und wusste nicht, wer ,die Grusche ist, von der sie da alle redeten." Inzwischen hat er Theater in Dresden und Berlin gespielt, hat gesungen und getanzt, und er weiß jetzt, dass Wolfgang Heinz Intendant des Deutschen Theaters war und "die Grusche" die Magd in Brechts "Kaukasischem Kreidekreis". Aber eigentlich nützt ihm das jetzt auch nichts mehr. Als Kommissar beim "Alten" spricht Pierre Sanoussi-Bliss immer wieder diesen Satz: "Wo waren sie gestern Abend zwischen 22 und 23 Uhr?" Letzten Freitag bei der MDR-Talkshow "Riverboat" hat Moderator Jan Hofer den "Assi vom ,Alten " als "den Ossi vom ,Alten " angekündigt. Bei solchen Wortspielen legt Sanoussi-Bliss die Stirn in Falten. Der "Ossi", der "Farbige", hier eine Schublade, dort ein Fach. "Sollen sie doch gleich Neger sagen." Mit dem Wort, das es im politisch korrekten Sprachgebrauch nicht gibt, hat Sanoussi-Bliss kein Problem, sagt er. "Mich haben sie immer Neger genannt, höchstens mal Farbiger, was mir noch viel näher geht. Die Leute denken ja doch nur Neger, also sollen sie es sagen." In seinem Film gibt es eine Passage, in der Sam im Hausflur von einem Besoffenen angepöbelt wird: "Piss woanders hin, du Negernülle." Dieser Satz stand ursprünglich nicht im Buch. Sanoussi-Bliss hat ihn erst kurz vor Beginn der Dreharbeiten hineingeschrieben, nachdem er genau diese Worte zu hören bekommen hatte, übrigens von einer Frau. Dealer und MörderDas Thema Diskriminierung ist endlich erreicht. Wir haben stundenlang drum herum geredet, man traut sich nicht zu fragen, möchte alles völlig normal finden, aber will es ja dann doch wissen: Wie fühlt sich ein schwarzer Schauspieler heute in Deutschland? "Ich fühle mich absolut wohl in meiner Haut und trage sie auch gern zu Markte", sagt Pierre Sanoussi-Bliss. "Ich bin in den 37 Jahren meines Lebens weder härter, noch weicher, noch sonst irgendwie geworden. Mein Leben macht mir Spaß. Ich kann nicht alles, was mir passiert, auf meine Hautfarbe schieben." Das ist auch so eine Auskunft, die nicht ganz ins Konzept passt. Gibt es denn keinen Rassismus bei den Sendern, nicht mal in Ansätzen? Keine Angst in der S-Bahn?"Ich habe keine Angst in der S-Bahn, tut mir Leid", sagt Sanoussi-Bliss. Das kann natürlich auch daran liegen, dass er Auto fährt. "Es gibt eine subtilere Form von Rassismus", sagt der Schauspieler. Rollen würden ihm nur angeboten, wenn im Drehbuch in Klammern "farbig" hinter dem Namen stünde. Gern wird er als Dealer oder Mörder besetzt, "weil ja, wie alle wissen, Dealer und Mörder in Deutschland eine dunkle Hautfarbe haben.", sagt er. "Ich kann gar nicht so schwarz sein, wie das Brett vor dem Kopf mancher Produzenten groß ist." Der Schauspieler Pierre Sanoussi-Bliss versucht, solche Klischees zu meiden. Manchmal gelingt es ihm, manchmal fügt er sich. Ähnlich geht es ihm als Filmemacher. Dem Kameramann hat er bei Strafe verboten, den Fernsehturm ins Bild zu rücken. Techno war untersagt. Sämtliche Berliner Verkehrsmittel standen auf dem Index, nicht eine mit Schlägern voll geladene U-Bahn ist zu sehen. "Zurück auf los!" dürfte somit seit langem der erste Berlin-Film auf der Berlinale sein, der nicht wie ein Berlin-Film auf der Berlinale aussieht.