Was ist Ihr Lieblingssatz von Heiner Müller?"Arbeit, die wir gern tun, ist keine. " Das sagt ein Diener in "Macbeth", und Macbeth antwortet: "Arbeit ist Arbeit".Ist Regieführen Arbeit?Es ist eine wunderbare Erfahrung. Ich war anfangs wahnsinnig aufgeregt, aber die ersten Wochen waren ganz wunderbar. Die Schauspieler haben mir einen großen Kredit gegeben und ich bemühe mich, das denen zurückzuzahlen.Vor drei Jahren haben Sie gesagt, Schauspieler, die anfangen, Regie zu führen, stünden unter dem Druck, das Theater neu zu erfinden.Das habe ich mal gesagt, ja. Wenn Schauspieler inszenieren, dann schreiben die Kritiker, sie mögen doch lieber Schauspieler bleiben. Ein billiger Satz, der sich schnell ergibt. Davor hatte ich Schiss. Jetzt nicht mehr, es ist mir relativ egal, ob das geschrieben wird. Ich habe mir etwas vorgenommen und hoffe, dass es angenommen wird. Wenn nicht, tut es mir für die Schauspieler Leid. Aber für mich hängt da keine Regie-Karriere dran.Was interessiert Sie an Heiner Müllers "Auftrag"?"Der Auftrag" ist zuerst ein Stück über den Verrat. Es kreist um Interesse und Verantwortung. Wie viel Verantwortung muss das Individuum empfinden für das Ganze, damit eine Gesellschaft sich erhält, damit sie nicht zum Spielball wird von Rändern.Im "Auftrag" treffen drei Emissäre der französischen Revolution auf Jamaica aufeinander. Die Revolution ist in Frankreich schon gescheitert, Napoleon hat die Macht übernommen. Die drei streiten, was zu tun sei. Sollen sie - wie es ihr Auftrag vorsieht - einen Sklavenaufstand auf Jamaica organisieren? Einer von ihnen, Debuisson, plädiert dafür, sich aufs private Glück zu besinnen. Ist das Ihr Thema?Im Blickwinkel der Anderen verrät Debuisson den Auftrag und zieht sich ins Privatleben zurück. Die anderen beiden wollen das nicht mitmachen, sie finden auch nicht so viel vor, wenn sie sich zurückziehen. Debuisson ist Sohn reicher Eltern.In einer Münchener Inszenierung, Mitte der achtziger Jahre, stand der "Verräter" Debuisson am Ende als Intellektueller im Anzug mit weißem Kaschmirschal auf der Bühne.Ein Vertreter der Toskana-Fraktion. Nein. Ich würde ihn nicht auf eine bestimmte Berufsgruppe festlegen. Das wäre zu simpel. Mir geht es um das Thema der Krise in der menschlichen Biografie. Diese Krise kommt ja immer, bei dem einen zwischen 20 und 30, beim anderen zwischen 40 und 50. Die Krise, die eintritt, wenn einem klar wird, dass sich die Blütenträume, die man als junger Mensch hatte, nicht erfüllen. An diesem Punkt muss man sich fragen, wie es weiter geht - und wenn man dann von seinen Idealen Abschied nimmt, definiert Müller das ziemlich brutal als Verrat. Das ist mir zu ideologisch.Lösen Sie sich mit der Inszenierung von Müller?Ich möchte den "Verrat" von Ideologie befreien. Ich möchte, dass der Mensch die Krise, in die er unweigerlich kommt, selbstbestimmt und bewusst durchlebt. Dass man sich dessen bewusst ist, wenn man sein Leben ändert. Wenn sich ein Mensch entscheidet, ich will jetzt den Porsche, dann sollte ich das nicht reflexartig verurteilen, und unser Porschefahrer sollte sich nicht abgewöhnen, den Pfützen am Gehweg auszuweichen.Fahren Sie Porsche?Nein, um Gottes Willen.Volvo?So ähnlich. So eine Familienkutsche halt. Das war nun alles versimpelnd. Aber es geht darum, ob es noch mehr gibt als nur die Verantwortung für sich selbst. Funktioniert eine demokratische Gesellschaft auch dann, wenn alle auseinander rennen und jeder seinen Egoismus auslebt. Hält es eine Gesellschaft aus, ohne Auftrag zu existieren.Was glauben Sie?Ich halte die Demokratie für ein fragiles Gebilde. Es ist immer wieder zu beobachten, dass sie nach rechts oder nach links abdriftet. Trotzdem nimmt die Zahl der Nichtwähler gewaltig zu, ein Zeichen dafür, dass sich immer weniger Menschen überhaupt für Politik interesssieren, obwohl Wahlen die simpelste Möglichkeit von politischer Meinungsäußerung sind. Ich habe in der DDR jahrelang gewusst, was bei den Wahlen passiert: Ich lasse mir das Wahlrecht nicht mehr nehmen.Im "Auftrag" geht es auch darum, Ideen von Freiheit und Humanität zu den "Barbaren" zu bringen. Man könnte darin Parallelen zur amerikanischen Außenpolitik sehen.Ja, das kann man alles mitdenken, es ist aber für mich kein inszenatorischer Ansatzpunkt, überhaupt nicht. Da wäre mir so ein ganzer Abend zu schade für Herrn Bush. Ich möchte das Stück von den ideologischen Fesseln befreien, und ich möchte, dass man den Debuisson nicht verurteilt für das, was er tut.Identifizieren Sie sich mit der Figur des Verräters?Ich kann sehr vieles verstehen. Er hat ein unglaubliches Argumentationsgerüst, mit dem er unterfüttert, was er tut. Das hat natürlich ganz viel mit Müller zu tun, der sich als Grenzgänger zwischen den Welten ja auch als Verräter sah. Das Thema Verrat zieht sich durch alle seine Texte.War Heiner Müller ein Zyniker?Nein. Das finde ich gar nicht. In der persönlichen Begegnung war das eine Ausprägung seines Intellekts, aber in seinen Texten selber finde ich das gar nicht. Da spüre ich wirklich, wie er sich diese Texte von der Hirnrinde abgeschabt hat. Ich habe mir immer gesagt, mit dem, was der Müller im Kopf hat, möchte ich nicht leben. Es ist nach wie vor eine Stimme, die fehlt. Er war radikal, hatte eine freundliche Radikalität - die fehlt Berlin - fehlt in Deutschland.In Ihrem Nachruf auf Müller haben Sie geschrieben: "Ich habe Heiner geliebt - kleiner kann ich s nicht sagen". Waren Sie ihm so nahe, dass sie ihn gar nicht mehr sehen konnten?Dafür war er insgesamt zu weit weg. Er hatte einen anderen Blick - den Blick von außen auf die DDR. Wir steckten bis zum Hals im Kampf gegen die Widrigkeiten des Systems. Darüber sind wir so grau geworden wie die Häuser in der DDR. Die DDR war ja keine bunte Veranstaltung, die war grau , grauslich. Und Müller, der ja mit geschichtlichen Verbindungslinien brillieren konnte, hatte die Fähigkeit, dieses kleine Land aufzusprengen und von außen Scheinwerferlicht drauf zu werfen. Dadurch war er nie so nahe, dass man ihn hätte nicht mehr sehen können. Ich habe ihn einmal an einem Morgen draußen in seiner Wohnung am Tierpark abgeholt. Er hatte verschlafen, weil es am Abend vorher spät geworden war, und ich wollte ihm einen Kaffee machen. Aber er hatte keinen im Haus. Er hatte eigentlich gar nichts im Haus. Irgendwo in dieser leeren Küche habe ich dann noch einen Teebeutel gefunden, den ich ihm aufgebrühen konnte. Dieser Morgen war ziemlich depremierend, weil er da auf einmal so schwach und verletzlich war. Er hatte auch einen sehr zarten Körper. Man spürte die Einsamkeit, wenn die Gemeinde seiner Jünger abwesend war. Damals habe ich viel über ihn erfahren.Wann war das?In den achtziger Jahren. Während der zehn Jahre, die wir miteinander verbrachten, war er ja, wie man heute sagt, Single. Später hat er noch mal geheiratet, eine Familie gegründet und da wird es sicher auch Kaffee gegeben haben.Wie haben Sie Heiner Müller kennen gelernt?Das war 1981, im Stadttheater in Chemnitz. Ich spielte den Sklaven Sasportas, einen der drei Protagonisten im "Auftrag". Müller kam nach Chemnitz, um sich die Inszenierung anzuschauen, und wir waren sehr stolz darauf, dass der Autor zu uns kam. Nach der Diskussion um das Stück hat er mich beiseite genommen und mich gefragt, ob ich Lust hätte, in Berlin bei seiner Macbeth-Inszenierung an der Volksbühne mitzuarbeiten.War die Tragweite der Begegnung für Sie gleich erkennbar?Es war keine beiläufige Begegnung. Ich war ja literarisch nicht so vorgebildet, als ich anfing zu studieren, zumindest mit modernen Autoren kannte ich mich nicht so gut aus. Als ich zum ersten Mal einen Text von Müller las, war ich ganz erstaunt, als ich erfuhr, dass er ein DDR-Bürger ist, dass er im selben Land wohnt wie ich. Und dass ich ihn dann kennen lernen konnte, war sehr aufregend. Dass wir dann zusammenarbeiteten und eine Form der Freundschaft pflegten, war etwas sehr Besonderes. Ich habe später einmal zu ihm gesagt, dass ich das Gefühl habe, dass ich jeden seiner Texte sprechen kann, egal ob er für einen Mann oder für eine Frau geschrieben ist. Man kann die Texte sicher nicht alle begreifen, aber man kann viel erfühlen, und das macht es mir möglich, diese Texte auch laut zu sprechen.Müller hat einen Text über Sie geschrieben. Darin heißt es, es sei sehr selten, dass ein Schauspieler hochintelligent ist und trotzdem die Fähigkeit zum Pathos besitzt, trotzdem die Kontrolle verlieren kann. Fühlten Sie sich von ihm erkannt?Es gibt ja die grobe Einteilung in Bauch- und Kopfschauspieler. Wenn ich gefragt wurde, welcher Kategorie ich angehöre, konnte ich mich keiner der beiden Kategorien zuordnen. Ich gehe intellektuell vorbereitet auf eine Probe, bin dann aber dort auch fähig, mich fallen und treiben zu lassen und erst im Nachhinein zu analysieren, was ich gemacht habe. Die intellektuelle Vorbereitung hindert mich nicht, einen emotionalen Ansatz zu fixieren. Das hat Müller gemeint. Ich fand den ganzen Text von ihm wunderschön.Wie haben Sie Müllers Tod erlebt?Ich war mit meiner Familie im Winterurlaub in Österreich, da habe ich es in den Nachrichten gesehen. Dann sind wir nach Hamburg zurück, wo wir damals wohnten, und ich habe mir überlegt, was ich jetzt machen kann. Ich war damals sehr weit weg vom Theater. Nach der Beerdigung habe ich meinen Hut in den Ring geworfen für die Intendanz am Berliner Ensemble, vollkommen naiv. Denn da waren die Messer schon gewetzt und das Fell verteilt, und es war klar, dass Wuttke es macht. Kurze Zeit später war das Theater dann reif geschossen für Peymann. Das hätte ich gerne anders gemacht.Theater spielen Sie zur Zeit gar nicht. Zuletzt vor einem knappen Jahr in "Drei Mal Leben" von Yasmina Reza zusammen mit Ihrer Frau und Kollegin Susanne Lothar. Sie spielten die Rolle eines frustrierten Akademikers.Ja, und zu Hause spiele ich meiner Frau vor, wie ich früher Theater gespielt habe, als Hamlet oder Egmont am Boden, die Welt aus den Angeln hebend, und was mach ich jetzt - jetzt spiele ich den kleinen Versager. So weit bin ich gekommen. Manchmal leide ich auch ein bisschen darunter.Wann stehen Sie wieder auf der Bühne?Am 9. Januar, nach der Premiere. Und übernächstes Jahr spiele ich den Papageno in Luc Bondys Inszenierung der Zauberflöte für die Wiener Oper.Wollen Sie lieber vor der Filmkamera stehen?Das ist mein Wunsch. Aber da wir in Deutschland noch keine Filmindustrie haben, wo man regelmäßig arbeiten kann, sind Kinoproduktionen eher die Ausnahme, zumindest bei mir. Ich würde gerne größere Rollen spielen. Ich werde oft gebeten, das Zubrot zu liefern für andere, das kann Spaß machen, ist aber auf die Dauer frustrierend. "Der Stellvertreter" unter der Regie von Costa-Gavras war mein letzter Kinofilm. Darüber hat die Berliner Zeitung übrigens eine Kritik gebracht, woraufhin ich die Zeitung abbestellt habe.Es wurde die traditionelle Erzählweise des Films kritisiert.Ich wurde auch kritisiert. Und als zweifacher Kunstpreisträger eben dieser Zeitung hatte ich mit so viel Boshaftigkeit nicht gerechnet.Nächstes Jahr sind Sie wieder als Gerichtsmediziner in der ZDF-Serie "Der letzte Zeuge" zu sehen. Hat die Figur noch Entwicklungsmöglichkeiten?Nein. Das ist eine gut funktionierende Figur, und wenn die Grundkonstanten der Serie erhalten bleiben, kann ich das auch noch eine Weile machen. Es macht nach wie vor Freude.Wann war Ihre Krise?Anfang der neunziger Jahre. Ich wusste damals nicht mehr, warum ich Theater spiele. Denn ich bin immer noch der Überzeugung: Beim Theaterspielen muss die Welt zur Debatte stehen, sonst macht es keinen Spaß, da oben zu stehen. Nun ist ja ein Jahrzehnt eine lange Zeit in einem Menschenleben, das vielleicht aus sieben oder acht Jahrzehnten besteht. In der Zeit sollte man sich auch verändern können, verändern müssen. In der Zeit sollte man auch etwas geleistet haben. Ich habe die Lust am Spielen dann durch Stücke wie "Gesäubert" von Sarah Kane wiederentdeckt. Ich spürte, dass es auch in diesem System Bruchstellen gibt, die nur etwas eleganter verkittet sind. Aber auch hier gibt es Möglichkeiten für das Theater, in diese Bruchstellen reinzugehen, den Kitt aufzuschneiden und zu gucken, was ist da nicht in Ordnung. Ich brauche einen Auftrag, um Theater zu spielen, sonst kann ich es nicht. Es fällt mir einfach schwer, beliebig zu sein.Wissen Sie noch, warum Sie Schauspieler werden wollten?Das kann ich gar nicht sagen. Ich wusste es einfach irgendwann, so in der siebten, achten Klasse. Als als wir in der Schule Fragebögen ausfüllen mussten, was wir mal werden wollten, habe ich mir immer etwas anderes ausgedacht. Ich wollte das für mich behalten, weil es mir unangenehm war in dieser Kleinstadt Grimma, in der ich aufgewachsen bin. Ich habe nie Laienspiel betrieben, kann das auch bis heute nicht ertragen. Vielleicht hatte ich Angst, dass mir jemand sagt, das kannst du überhaupt nicht, und zum anderen habe ich mir gedacht, wenn man Theater spielt, muss man das professionell machen. Ich habe es erst in der Familie veröffentlicht, als ich mich auf die Eignungsprüfung für die Theaterhochschule in Leipzig vorbereitet habe.Wie hat die Familie reagiert?Sie waren nicht dagegen, fanden es aber auch nicht so ganz ideal. Aber da mein älterer Bruder den traditionellen Beruf unserer Familie übernahm - er wurde Kürschner - war das abgedeckt. Ich, als Zweiter, konnte dann machen, was ich wollte.Wissen Sie noch, was Sie vorgesprochen haben?Ja, unter anderem den Diener aus Gogols "Revisor". Der erste Satz heißt: "Es rumort in den Gedärmen, als ob ein ganzes Regiment darin Posaune bläst. " Der hat nämlich Hunger.Wie war Leipzig für Sie in der Studienzeit?Leipzig war von Grimma aus gesehen die Großstadt. Da gab es Straßenbahnen und S-Bahnen, das war alles aufregend für mich. Und Leipzig hatte auch eine ganz tolle Studentenszene. An der Hochschule für Grafik und Buchkunst fanden die wildesten Faschingsfeste statt, an der Musikhochschule studierten die hübschesten Mädchen - wobei wir dann merkten, dass es vor allem das Introvertierte der Musiker war, das uns Schauspielschüler so anzog, weil wir ja so nach außen explodierten. Es gab ein bekanntes, in der DDR berühmtes Studententheater, aber da durfte ich nicht mitspielen, weil es uns im Studium verboten war, nebenbei aufzutreten.Vor dem Studium waren Sie Soldat an der Mauer in Berlin. In dieser Zeit hatten Sie eine schwere Magenoperation. Mussten Sie das alles noch mal durchleben während der Mauerschützen-Prozesse in den neunziger Jahren?Nein. Das war abgeschlossen für mich. Während der Armee-Zeit war das ein Problem. Es war nicht einfach, an der Mauer zu stehen mit sechzig Schuss Munition.Haben Sie die Armee auch als Studienobjekt betrachtet?Nein. So habe ich das nie gesehen. Machtstrukturen funktionieren viel differenzierter und vielschichtiger, wo es keine Rangabzeichen gibt. In der Familie oder zwischen Lehrern und Schülern. Ich fand es einfach nur grauenvoll, dass ein Gleichaltriger, nur weil er einen Balken mehr auf der Schulter hatte, zu mir "linksum" sagen konnte, und ich musste dann "linksum" machen. Darunter habe ich einfach gelitten. Aber seitdem ich den Beruf des Schauspielers erlernen und ausüben durfte, hatte ich für die Misere DDR ein Ventil. In den ersten Jahren, das habe ich mir später eingestehen können, war dieser Beruf ein Gutteil Therapie. Den Frust, den man als ganz normaler DDR-Bürger auf sich lud, konnte man in diesem Beruf wunderbar abarbeiten. Wenn man als "Egmont" oder als Oswald in Ibsens "Gespenster" etwas extrem aus sich herauspolken konnte, im Bewusstsein, dass einem vierhundert Leute zuhören, dann hatte das etwas unglaublich Befriedigendes, Erleichterndes.Als Sie die klassischen Helden als fragile Figuren spielten, wurde das als Metapher für das ganze Land gesehen. War es so gedacht?Ja. Aber Schauspielerei unterliegt ja auch Moden. Das Bild von einem Helden wechselt. Sicher hatte das Bild des zarten Helden etwas mit der Ausprägung dieses kleinen Landes zu tun, in dem man so schnell anecken konnte, wo man so schnell an Mauern stand. Bei einem zarteren Körper wurde die Verletzlichkeit schneller spürbar. Sicher konnte sich das Publikum mit so einem Körper eher identifizieren als mit einem Supertypen, der auf der Bühne den Helden macht. Diese Helden gab es einfach nicht. Man hätte es gar nicht so weit bringen können, so ein Typ zu werden in einem so beschränkten Land. Und da war meine Darstellung sozusagen eine Form von Trost für den Zuschauer - indem der Hauptheld auf der Bühne auch eher verletzbar wirkt, als dass er über alles hinweggehen kann.Sind Sie noch mit einem starken Heldenbild aufgewachsen?Ja. Das wurde immer an die Arbeiterklasse geknüpft. Die Helden der Arbeit - das waren die neuen Helden. Als ich erwachsen wurde in den Siebzigern, haben wir aber schon unsere argen Zweifel daran gehabt, ob das funktionieren kann, wenn die Dachdecker die Macht haben.Gehen Sie oft als Zuschauer ins Theater?Nein, weniger.Warum nicht?Ich mag Theater gern, in dem es noch etwas zu erleben gibt. Das habe ich im Kino im Moment öfter als im Theater.Haben Sie "Dogville" von Lars von Trier gesehen? Der verbindet ja Film und Theater.Ja. toll. Der schafft es ja, dass man ungerührt zusieht, wie ein Baby vor den Augen seiner Mutter erschossen wird und man sich dabei ertappt, dass man denkt: Besser so, bevor es so wird wie seine Eltern.Das Gespräch führte Christina Bylow.Ulrich Mühe // SEIN ERSTES ENGAGEMENT hatte Mühe (Jahrgang 1953) in Chemnitz, wo er bereits den Sasportas in Heiner Müllers "Der Auftrag" gab. 1982 verpflichtete ihn Müller für seine "Macbeth"-Inszenierung an die Berliner Volksbühne. Ab 1983 war Mühe Ensemble-Mitglied des Deutschen Theaters. Seine Präsenz in wesentlichen Rollen machte ihn zu einem der bekanntesten Schauspieler des Ostens, und nach Verpflichtungen in Salzburg, Wien, Hamburg war er in die erste Reihe der deutschen Bühnenschauspieler aufgenommen.DER DURCHBRUCH beim Film kam in Hermann Zschoches Hölderlin-Film "Hälfte des Lebens" (1984). Nach der Wende arbeitete Mühe verstärkt bei Film und Fernsehen, zuletzt als Gerichtspathologe in der preisgekrönten Fernsehserie "Der letzte Zeuge".MIT HEINER MÜLLER verbindet Ulrich Mühe eine lange persönliche und künstlerische Beziehung. Er war Protagonist in wichtigen Inszenierungen Müllers unter anderem als Hamlet in Müllers "Hamlet/Hamletmaschine" im März 1990. Nach dem Soloabend "Einen Dichter denken - LAUT" mit ausgewählten Müller-Texten folgt mit der Inszenierung des Müller-Stückes "Der Auftrag" Mühes erste Regiearbeit.Heiner Müller: "Der Auftrag" // 1979 schrieb Heiner Müller (1929-1995) dieses in der Zeit der Französischen Revolution angesiedelte Stück, das den Wert individuellen Handelns und dessen Relevanz für die Gesellschaft spiegelt. Müller führte selber Regie bei der Premiere 1980 in der Berliner Volksbühne und 1982 bei der Bochumer Inszenierung.ANLÄSSLICH des 75. Geburtstages von Heiner Müller am 9. Januar 2004 inszeniert Ulrich Mühe das Stück im Haus der Berliner Festspiele (ehemals Freie Volksbühne) in der Schaperstraße. Es hat am 9. Januar Premiere und bleibt bis Ende Januar im Programm. Im Sommer wird die Inszenierung dann bei den Wiener Festwochen gezeigt, eine Tournee ist in Planung.DIE SCHAUSPIELER, von Ulrich Mühe für diese Inszenierung verpflichtet, ergeben ein einzigartiges Ensemble: Herbert Knaup ist Debuisson, Florian Lukas Sasportas, Ekkehard Schall Galloudec. Die Rolle des Antoine und den legendären Fahrstuhl-Monolog übernimmt Udo Samel, die Erste Liebe wird von Inge Keller gespielt, und in der Doppelrolle Matrose/Engel der Verzweiflung steht Christiane Paul zum ersten Mal auf einer Theaterbühne.BERLINER ZEITUNG/PAULUS PONIZAK Ulrich Mühe im Haus der Berliner Festspiele, wo er den "Auftrag" inszeniert.