Ein Geheimnis der großen Schauspieler ist ihre Präsenz. Draußen auf der Straße können sie unauffällige Passanten sein, aber wenn sie ihren Beruf ausüben, auf der Bühne oder vor einer Kamera, verfügen sie über ein Leuchten. Sogar wenn sie stumm im Hintergrund stehen, saugen sie die Aufmerksamkeit an. So ein Schauspieler war Ulrich Mühe. Er war. Seine Präsenz wird nur noch in seinen Filmen erlebt werden können. Für die Gegenwart ist sie verloren. Am Mittwoch wurde Ulrich Mühe begraben.Es ging ganz schnell. Nach der Oscar-Verleihung im Februar für den Film "Das Leben der Anderen" musste sich Ulrich Mühe wieder am Magen operieren lassen, fühlte sich besser, aber schwach. Er sagte bereits verabredete Projekte ab - neue Folgen der Fernsehserie "Der letzte Zeuge", auch einen Film über den NS-Kriegsverbrecher Klaus Barbie. Auf neue Angebote ging er nicht mehr ein. Mühes Rückzug, sein Verstummen führte zu Gerüchten, Fotografen belagerten sein Haus. Vor wenigen Tagen sprach Ulrich Mühe zum ersten Mal öffentlich über seine Krankheit. "Ja, ich habe Krebs." Er gab das Ende seiner beruflichen Karriere bekannt. Und starb.Fast genau ein Jahr nach dem Tod seiner zweiten, lange von ihm geschiedenen Frau, der Schauspielerin Jenny Gröllmann, die auch einem Krebsleiden erlag. Sie hatten sich 1984 bei Dreharbeiten für einen Fernsehfilm kennen gelernt und bald geheiratet. Ein Jahr später wurde ihre Tochter Anna Maria geboren. 1985 hatte auch der Defa-Film "Hälfte des Lebens" Premiere. Mühe spielte Friedrich Hölderlin, den Dichter, der am Ende des Films unter einer braunen Gesichtsledermaske in einer Irrenanstalt verschwindet. Jenny Gröllmann spielte seine geliebte, aber mit einem anderen Mann verheiratete Susette Gontard.Für diesen Film erhielt Ulrich Mühe seinen ersten Preis: Es war die "Große Klappe", der Kritikerpreis des Film- und Fernsehverbandes der DDR - ein Stück Sperrholz auf zwei Leisten, das ein handwerklich begabter Regisseur gebastelt, schwarz angemalt und mit einem Zierknopf aus dem Kurzwarenladen als funkelndes Auge geschmückt hatte. Den letzten Preis hielt Ulrich Mühe 2007 in Los Angeles in der Hand. Das war der Oscar.So begann der Ruhm im Osten, so endete er in der weiten Welt. Dazwischen erfüllte sich ein Schauspielerleben, Aufstieg, Auszeichnungen, Arbeit mit den besten Regisseuren und Kollegen.Ulrich Mühe kommt aus der Provinz und aus kleinen Verhältnissen. Er wird am 20. Juni 1953 in Grimma geboren, einer sächsischen Kleinstadt. Sein Vater ist Kürschnermeister, sein Bruder Andreas wird später die Werkstatt übernehmen. Ulrich Mühe lernt in Leipzig Baufacharbeiter mit Abitur, und er erzählt seinen Kollegen, mörtelbekleckert wie er, dass er später mal ein Schauspieler werden will. Manchmal darf er da schon beim Theater als Komparse auftreten.Dann muss er zur Armee. Ein halbes Jahr steht er mit schussbereitem Gewehr an der Grenze, was bei ihm zu Magengeschwüren, zu einer schweren Operation und zur vorzeitigen Entlassung führt. 1975 wird er an der Leipziger Schauspielschule angenommen und muss seinen sächsischen Akzent bekämpfen, der auch später manchmal noch ganz, ganz leicht aufscheinen wird. Das erste Engagement erhält Ulrich Mühe 1979 in Karl-Marx-Stadt, ein hoch geschätztes DDR-Theater. Hier heiratet er eine Dramaturgin, das Paar bekommt zwei Kinder.Mühe fällt Leuten auf, die Talente suchen. Die Fernseh-Regisseurin Vera Loebner gibt ihm eine erste Hauptrolle, in "Ein Mann und sein Name" nach einer Erzählung von Anna Seghers. Heiner Müller holt ihn 1982 für "Macbeth" an die Berliner Volksbühne. Bald danach wird Mühe ein Ensemble-Mitglied des Deutschen Theaters und gibt dort 1983, zur Wiedereröffnung nach langer Renovierung, einen überwältigenden Einstand - mit Ibsens "Gespenster". Jetzt kennen ihn Kritiker und Zuschauer.Von nun an arbeitet Ulrich Mühe am Theater, im Film und im Fernsehen. Der Erfolg öffnet ihm auch Türen in die Welt. Der kleine, zerbrechlich aussehende Mann mit der melancholischen Aura verfügt über eine Leibhaftigkeit, die viele Facetten ermöglicht: etwas unerwartet Explosives. In sich Gekehrtes. Schneidende Schärfe. Ein Tasten im Abgründigen. Oder die Gratwanderung des Tragikomischen, wie in Kai Wessels "Goebbels und Geduldig". Oder, auch das kann Mühe, sehr komisch sein, Helmut Dietl zum Beispiel hat es für "Schtonk" erkannt.Ulrich Mühe darf seit 1986 im Westen arbeiten. Er kommt immer zurück, zu seiner Familie und zur Arbeit. Er beobachtet das untergehende Land und engagiert sich, noch im Zweifel, dafür. Er denkt, dass nur ein paar Weichen anders gestellt werden müssten. Mühe ist einer der Redner bei der Demonstration vom 4. November 1989 auf dem Alexanderplatz.1990 spielt er unter der Regie von Thomas Langhoff am Theater in Zürich und verliebt sich in die Schauspielerin Susanne Lothar. Bald darauf sind Ulrich Mühe und Jenny Gröllmann geschiedene Leute.Deutschland ist wiedervereinigt, und Ulrich Mühe startet auf einem guten Platz in die veränderte Zeit. Er hat einen Namen, er kennt schon wichtige Leute, und er hat nun eine Frau, die berühmte Tochter des berühmten Schauspielers Hanns Lothar, die noch mehr wichtige Leute kennt. Mühe muss nirgendwo um Einlass bitten, er wird ein Mitglied der Familie, auch im weiteren Sinn.Oft spielt er mit seiner Frau zusammen, und wer zum Beispiel Michael Hanekes "Funny Games" gesehen hat, diesen Solitär unter den verstörenden Filmen, fühlt die zum Äußersten entschlossene, gemeinsame Energie dieses Paares.Ein Sohn und eine Tochter werden geboren. Sie sind eine glückliche Familie, ohne Skandale. Nur der Kontakt zu Mühes zweiter Ehefrau, zu Jenny Gröllmann, ist nicht gut. Dazwischen steht auch die Tochter Anna Maria, hin- und hergerissen zwischen Mutter und Vater. Sie liebt beide. Den Eltern geht es wie vielen Paaren, die in einer neuen Beziehung betonen oder glauben, betonen zu müssen, dass es ihnen nun viel besser geht. Mühe nabelt sich vom Osten ab, und auch von allem, was ihn noch daran erinnert.Inzwischen sind Susanne Lothar und Ulrich Mühe von Hamburg nach Berlin-Charlottenburg gezogen. Sie leben ganz in der Nähe von Jenny Gröllmann, die seit 2004 mit einem Filmszenenbildner glücklich verheiratet ist. Die Paare gehen sich aus dem Weg, wenn sie sich zufällig auf der Straße treffen.Jenny Gröllmann weiß schon seit 1999, dass sie Krebs hat. Sie hat seitdem mehrere Chemotherapien überstanden. Wenn sie dreht, dann dreht sie mit Perücke.2001 recherchiert ein Journalist der "Bild am Sonntag" bei der Birthler-Behörde. Er überprüft mehrere ehemalige DDR-Stars auf IM-Tätigkeit - "Und wer fliegt als Nächster auf...?" beginnt sein Text, der im Fall von Jenny Gröllmann auf belastende Akten verweist. Die Schauspielerin bestreitet die Vorwürfe sofort. Die Geschichte bleibt zunächst ohne große Resonanz.Das wird sich ändern. Im Oktober 2006 gibt Mühe in Vorbereitung des Films "Das Leben der Anderen" dem Regisseur ein Interview, das im Frühjahr 2006 als Buch zum Film erscheint. Er wirft Jenny Gröllmann vor, für die Staatssicherheit gearbeitet zu haben. Nach einem Gerichtsurteil müssen die betreffenden Passagen später geschwärzt werden, Aber die ersten, ungeschwärzten, Bücher waren im Verkauf. Man kann Mühes Äußerungen, insgesamt sind es knapp vier Seiten zu diesem Thema, nachlesen. Auch wenn sie ihn nicht selbst bespitzelt habe, sagt er, hätte sie es im Extremfall wahrscheinlich doch getan. Eine schlimme Unterstellung.Wie fest und tief muss das alles in diesem Mann gesessen haben, der sich sein früheres Leben erklären wollte. Und man fragt sich, welchen Sinn es hat, wenn Menschen, die sich einmal geliebt haben, unversöhnt sterben.Jenny Gröllmann hat bis zum letzten um ihre Unschuld gekämpft. Deshalb gibt sie auch - schwer von der Krankheit gezeichnet - dem "Stern" ein letztes Interview. Bis zu ihrem Tod im August 2006 sind Gerichte und Medien mit den Auseinandersetzungen zwischen den verfeindeten Parteien beschäftigt. Und darüber hinaus.Vielleicht ist Mühe auch daran gestorben, nahezu erstickt, dass er keinen Ausstieg aus seiner Geschichte gefunden hat. Keine Erlösung. Und auf der anderen Seite stand eine sterbende Frau. Mühe übersteht das nicht unbeschadet.Er muss erleben, dass sich Kollegen abwenden, manche lehnen Angebote ab, mit ihm zu arbeiten. Manche Zuschauer sagen, dass sie den so geliebten Schauspieler nun nicht mehr so lieben können. Der, tief verletzt, betritt den Osten der Stadt nicht mehr.Ulrich Mühe verstummt irgendwann. Er wird mit noch größeren Augen noch durchsichtiger. Schon bei der Oscar-Verleihung weiß er, dass er wahrscheinlich sehr krank ist. Er steht abseits, er hält sich an der Frau fest, die er liebt. Er geht dann früh weg vom großen Fest über den Bergen von Hollywood. Mit ihr zusammen. In guten wie in schlechten Zeiten.------------------------------Der kleine, zerbrechlich aussehende Mann mit der melancholischen Aura verfügt über eine Leibhaftigkeit, die alle Facetten ermöglicht.------------------------------Foto: Ulrich Mühe. Sein Ruhm begann im Osten und endete in der weiten Welt.