Vor zehn Jahren, zum siebzigsten Geburtstag des Schauspielers Fred Düren, gratulierte in dieser Zeitung der Regisseur Adolf Dresen selig, der natürlich ohne Umschweife auf das Zentralereignis der DDR-Theatergeschichte zu sprechen kam, den "Faust" am Deutschen Theater, mit Düren in der Titelrolle. Dresen: "Es war das Ende des Jahres 1968, einer unserer großen Träume, der vom Prager Frühling, war ausgeträumt. Ich glaubte nicht mehr daran, dass es mit der DDR oder mit dem Sozialismus noch gut enden könne. Der 'positive Held' sah jetzt anders aus. Düren war ein solcher positiver Held, sein Heldentum war die kompromisslose menschliche Wahrheit. Er war der Faust für diese Zeit. Da wurden auch unsere Klassiker zu Helden neuer Art, nicht mehr Matadore von Weiheveranstaltungen, sondern Klassik als Widerstand. Man musste ihre Stücke dafür keineswegs entstellen, man musste sie nur zur Wirkung bringen."Am Schluss seines Artikels sprach Dresen einen Wunsch aus: "Lieber Fred, obwohl Du sie nie zur Agitation missbraucht hast, weißt Du wie keiner, dass die Bühne auch eine Kanzel ist. Sie hat sich zwar, seit wir zusammenarbeiteten, so ziemlich verändert, auch das Land hat sich so ziemlich verändert, und ich ahne, dass viele dieser Veränderungen Dir sowenig gefallen wie mir. Die Wahrheit hat leider nicht zugenommen. Manchmal denke ich sogar, jetzt bringen sie das Theater um. Doch wie oft haben sie das Theater schon umgebracht, und immer ist es wieder aufgestanden. Fred, da wäre etwa noch Shakespeares Prospero zu spielen, und da wäre vor allem auch noch dieses Stück zu spielen, das sein Autor in böser Zeit noch einmal schrieb, weil er unfähig war, sich aus dem Streit der Welt zu halten, und für das Du nun jahrelang Studien getrieben hast, wie wäre es also mit Lessings Nathan dem Weisen?"Mit den jahrelangen "Studien" meinte Dresen, dass Fred Düren seit 1988 in Jerusalem lebt, Jude und Rabbiner geworden ist. Seit zwanzig Jahren nun spielt Düren kein Theater mehr und will es aus religiösen Gründen wohl auch nicht, doch unsere Erinnerung an ihn als Schauspieler ist frisch und lebendig, vielleicht auch, weil Düren in den letzten Jahren einige Male wieder in Berlin war und halb so getan hat, uns zur Freude, als spiele er Theater. In Wahrheit war es Predigt, wenn er im Theater 89 die biblische Geschichte von Jona erzählte, der nicht für Gott nach Ninive wollte und doch musste, oder den 94. Psalm zitierte, der am deutlichsten aussagt, was den Rabbi Düren innerlich treibt: "Merkt doch auf, ihr Narren im Volk! / Und ihr Toren, wann wollt ihr klug werden?" Heute an seinem achtzigsten Geburtstag, das Alte Testament kennt für alte Männer seiner Art das Wort Methusalem, werden wir einsehen müssen, dass Düren den Nathan kaum noch spielen wird. Das ist über alle Maßen traurig, denn kein Stück deutscher Zunge ist so aktuell wie Lessings Nathan, doch dass Düren achtzig ist, macht über alle Maßen froh.Fred Düren hat in langer Reihe die großen Rollen der Weltdramatik gespielt, unter Bertolt Brecht am Berliner Ensemble, unter Wolfgang Langhoff, Benno Besson, Wolfgang Heinz, Adolf Dresen und Friedo Solter am Deutschen Theater, an dem er dreißig Jahre engagiert war und das ihn im Mai dieses Jahres, was längst überfällig war, zum Ehrenmitglied ernannte. Eine Auswahl: Vor also jetzt fünfzig Jahren, als Dreißigjähriger, begann er in der Schumannstraße mit dem Woyzeck, unter Langhoff. Schon mit 48 Jahren spielte Düren (1976) den Lear, dann den Grafen Terzky im "Wallenstein", den Herzog Alfons in "Torquato Tasso" (alle unter Solter). Sein "Tartüff", unter Besson, ist in dem Buch "100 Jahre Deutsches Theater" so beschrieben: "Mit weithin hallendem Basstremolo und pathetischer Predigergeste unterlegte er den religiösen Eifer, während das erotische Gelüst zu kindischer Zappelei verführte oder das Verfolgen geschäftlicher Interessen einen sachlich schnellen, beiläufigen Ton herbeizwang". Listiger Spaß am Text, so könnte man Dürens Spielweise zusammenfassen. Dieser Schauspieler jonglierte nicht mit der Sprache, die nahm er heilig ernst, aber mit den Vokalen und Konsonanten machte er gern ein bisschen Spaß, schmeckte den Rhythmus der Worte ab als wären sie Honig oder Sandpapier, und wenn er sang, das Olivenlied aus dem "Frieden" zum Beispiel, waren die Zuschauer wie berauscht. Den "Frieden" von Hacks machte er als unheldischer Plebejer Trygaios mit seiner unnachahmlichen Ironie und Lebenslust zum Ereignis mit den längsten Beifallsstürmen. Als Faust ist Düren eine Legende, vergleichbar nur mit der Legende Gustaf Gründgens als Mephisto. Noch einmal sprach Fred Düren den Faust, auf einer CD, die 2005 herauskam, Jörg Gudzuhn sprach den Mephistopheles, die Zwischentexte las Dieter Mann. Seine letzte große Rolle im DT war 1985 der Shylock im "Kaufmann von Venedig", Regie Thomas Langhoff. Dann hat Düren vor seiner Übersiedlung aus der DDR nach Israel kaum noch etwas gespielt. Sein Buch "Ich muss ja den Weg gehen, den ich gehen kann. Schauspieler in Berlin - Jahre in Jerusalem", Berlin 2007, gibt über seine Beweggründe Auskunft. Dürens prophetische Bemühungen als Rabbi wider das Beharrungsvermögen hienieden auf Erden sind nie ohne irdische Ironie.Nach dem Leseabend vor vier Jahren im Theater 89 entließ er das anhaltend applaudierende Publikum mit dem Satz "Ein schwerpunktreicher Tag liegt hinter uns, und dennoch das Leben geht weiter." Und von einer Aufführung des "Frieden", bei der selbst der Eiserne Vorhang dem dauernden Applaus kein Ende setzte, ist diese Anekdote überliefert: Düren trat mit dem Jungen, mit dem zusammen er das Schlusslied gesungen hatte, an die Rampe und sagte: "Meine Damen und Herren, ich bitte Sie um Verständnis: Der Junge muss morgen früh zur Schule."------------------------------Foto: Überfällig: Im Mai 2008 wurde Fred Düren DT-Ehrenmitglied.