Herr Professor Hacker, nach zwei Jahren als Präsident des Robert Koch-Instituts (RKI) werden Sie am Montag verabschiedet. Wie würden Sie die Zeit als oberster Seuchenwächter der Nation mit einem Satz zusammenfassen?Es war spannend, interessant, lehrreich -und im letzten dreiviertel Jahr geprägt von der Neuen Grippe.Zurzeit verhält sich das H1N1-Virus aber doch recht ruhig.Seit Anfang des Jahres sind es nur noch relativ wenige Fälle, zurzeit werden etwa hundert pro Woche gemeldet. In Spitzenzeiten waren es mehr als 40 000 Fälle pro Woche. Allerdings gibt es bei der Neuen Grippe inzwischen auch eine gewisse Dunkelziffer, weil die Meldepflicht im November aufgehoben wurde.Verhindert der lange, kalte Winter die Ausbreitung der Viren?Bei Minusgraden und in trockener Umgebung vermehren sich Grippeviren nicht so gut. Sie mögen es feucht. Den Rückgang der Erkrankungszahlen mit dem kalten Winter in Verbindung zu bringen, wäre allerdings reine Spekulation.Wann gibt das RKI endlich Schweinegrippe-Entwarnung?Die Grippesaison geht noch bis März oder April. Wir müssen abwarten, wie sich das Geschehen bis dahin entwickelt. Doch auch wenn die Neue Grippe weiterhin milde verläuft: Das H1N1-Virus wird uns mit einiger Sicherheit erhalten bleiben. Es wird sich vermutlich als saisonales Grippevirus etablieren und damit ist es ein Kandidat für den nächsten Impfstoff gegen die saisonale Grippe.Die Deutschen haben in den Zeiten der Schweinegrippe einiges gelernt -zum Beispiel in die Ellenbeuge zu niesen und Türklinken mit dem Ellenbogen zu bedienen. Ist das für Sie ein Zeichen, dass Ihr Infektionsschutzkonzept gegriffen hat?Die veränderte Technik beim Niesen ist vielleicht ein ganz guter Indikator dafür, dass unsere Empfehlungen auch beherzigt wurden. Vor allem in der Zeit, in der uns der Impfstoff noch nicht zur Verfügung stand, war es wichtig, auf derartige seuchenhygienische Maßnahmen zu setzen. Deutschland steht mit seinen Neue-Grippe-Fallzahlen weltweit am unteren Ende der Skala. Das hat sicher auch mit guter Seuchenhygiene zu tun.Wären Sie gerne noch rigoroser vorgegangen -etwa mit mehr zeitweiligen Schulschließungen?Insgesamt haben wir mit Augenmaß agiert, denke ich. Es war richtig, einzelne Schulen zwischenzeitlich zu schließen, aber nicht das ganze öffentliche Leben lahm zu legen. Auch die Kommunikation zwischen dem RKI und den Einrichtungen der Länder hat gut geklappt.Mit dem Impfstoff ist es aber nicht gut gelaufen. Erst gab es die Diskussion um die Verträglichkeit, dann das Liefer- und Verteilungsproblem, und nun ist viel zu viel da.Das war in der Tat ein Problem. Allerdings muss man auch sehen, dass es eine große Leistung war, in so kurzer Zeit einen Impfstoff herzustellen. Anfangs wusste man noch nicht, dass eine einzige Impfung ausreichen würde und dann haben sich wohl wegen der überwiegend milden Krankheitsverläufe und der Diskussionen um den Impfstoff weniger Personen impfen lassen. Man hätte die Vor- und Nachteile des Impfstoffs und die Relevanz der Impfung in den wissenschaftlichen Fachgesellschaften vielleicht besser kommunizieren sollen. Dann hätte es vermutlich auch mehr Einigkeit unter den Experten gegeben. Die Entscheidung für den GSK-Impfstoff Pandemrix mit seinen umstrittenen Hilfsstoffen halten Sie aber nach wie vor für richtig?Ja, denn ein Impfstoff ohne Adjuvanzien wäre nicht so schnell verfügbar gewesen. Dafür hätte man viel mehr Virusteile, Antigene genannt, gebraucht. Außerdem schlägt der adjuvantierte Impfstoff schnell an und schützt auch vor Varianten des Virus. Allerdings war das RKI an der Auswahl nicht direkt beteiligt. Das Paul-Ehrlich-Institut in Langen war viel stärker eingebunden. Es wird viel Kritik geübt an der Pharmaindustrie. Der Pandemieimpfstoff sei überteuert, die Vertragsbedingungen zu hart für die Bundesländer. Was sagen Sie dazu?Da halte ich mich mit einem Urteil zurück. Schließlich war ich bei den Vertragsverhandlungen nicht dabei. Auch die Ständige Impfkommission am RKI, die die Impfempfehlungen ausspricht, hat bei der Beschaffung und Prüfung der Impfstoffe keine Aufgaben. Das RKI hatte im Vorfeld der Bestellung die Aufgabe, die epidemiologische Situation einzuschätzen. Und die hat im Frühsommer 2009 nahegelegt, einen Impfstoff zu beschaffen. Das war auch im Nachhinein richtig und so haben ja auch die meisten anderen Länder entschieden. Kann man die Schweinegrippe als eine Art Übung ansehen für eine schlimme Pandemie?Eine Übung war das nicht. Das war ein akutes Geschehen, das ernst zu nehmen war und weiterhin ernst zu nehmen ist. Das Virus kann sich jederzeit verändern und gefährlicher werden. Ich bin aber erleichtert, dass es bislang nicht so gekommen ist. Das RKI ist ein Institut des Bundesgesundheitsministeriums. Wie groß ist der Einfluss der Politik auf Ihre Arbeit?Als Institut im Geschäftsbereich des Ministeriums haben wir bestimmte gesetzliche Aufträge zu erfüllen. Im Rahmen des Stammzellgesetzes prüfen wir zum Beispiel Forschungsvorhaben. Unsere Aufgaben führen wir aber eigenständig durch, dazu gehört auch die unabhängige Beratung der Politik. In der wissenschaftlichen Forschung, die Grundlage der Beratung ist, steht das Institut im internationalen Wettbewerb. Wir werben hierfür nicht unerhebliche Drittmittel ein, etwa von der Deutschen Forschungsgemeinschaft und der EU. Was wünschen Sie dem Robert Koch-Institut?Dass das gute Arbeitsklima erhalten bleibt und dass das RKI-2010-Programm gut gedeiht. Was ist das für ein Programm?Es wurde vor meiner Amtszeit auf den Weg gebracht und verbessert die Ausstattung des Instituts erheblich. Binnen vier Jahren bringt es dem RKI 147 neue Stellen für wichtige Zukunftsthemen, etwa zum demografischen Wandel der Gesellschaft und zur zunehmenden Problematik von Antibiotikaresistenzen.Wer wird Ihr Nachfolger am RKI?Das steht noch nicht fest.Sie wechseln zum 1. März nach Halle, als Präsident der Leopoldina, der neuen Nationalen Akademie der Wissenschaften. Was war so unwiderstehlich an dem Angebot, dass Sie dem RKI schon nach zwei Jahren den Rücken kehren?An der Leopoldina wird in der nächsten Zeit viel Neues entstehen und ich sehe es als faszinierende Aufgabe an, diesen Prozess als Präsident zu begleiten und zu steuern. Die Leopoldina wurde im Juli 2008 als Nationalakademie ausgewählt. Sie soll die Politik und die Gesellschaft in komplexen Themen beraten, im Ausland wird sie eine Stimme der deutschen Wissenschaft sein. Da wartet eine Menge anspruchsvolle Arbeit auf mich.Fühlen Sie sich der Leopoldina auch persönlich verpflichtet? Sie haben in Halle studiert und sind seit zwölf Jahren Mitglied der Akademie.Die Leopoldina war schon immer etwas Besonderes. Auch zu DDR-Zeiten, als ich in Halle studierte. Sie gehörte nicht zur Akademie der Wissenschaften sondern war unabhängig. Wissenschaftler aus dem Westen hielten dort Vorträge. Das habe ich mir als Student nicht entgehen lassen.Mit Ihrem Wechsel nach Halle schließt sich nun der Kreis.In gewisser Weise ja, das ist schön. Berlin werde ich aber nicht ganz den Rücken kehren, schließlich hat die Leopoldina hier seit neuestem ein Büro. In Halle habe ich eine kleine Wohnung gemietet.Werden Sie dieses Mal länger bleiben als zwei Jahre?Das habe ich fest vor. Ich bin für fünf Jahre gewählt. Man kann sogar für eine weitere Amtszeit wiedergewählt werden.Interview: Anne Brüning------------------------------Von Berlin nach HalleJörg Hacker (58) wurde in Grevesmühlen in Mecklenburg geboren. Er studierte von 1970 bis 1974 Biologie mit Schwerpunkt Genetik und Mikrobiologie in Halle. Anfang der 80er Jahre durfte er aus der DDR ausreisen. Er kam an die Universität Würzburg, wurde Professor für Mikrobiologie und leitete ein großes Institut bevor er 2008 als RKI-Präsident nach Berlin wechselte. Nun wird er Präsident der Nationalakademie Leopoldina in Halle.Das Robert Koch-Institut ist eine Einrichtung der Bundesregierung und gehört zum Geschäftsbereich des Gesundheitsministeriums. Aufgabe des Instituts ist es, Krankheiten zu erkennen, verhüten und bekämpfen. Das RKI hat seinen Hauptsitz am Nordufer in Berlin-Wedding.Die Deutsche Akademie der Naturforscher Leopoldina in Halle darf sich seit dem Sommer 2008 mit dem Zusatz "Nationale Akademie der Wissenschaften" schmücken. Sie ist die älteste naturwissenschaftlich-medizinische Gelehrtengesellschaft der Welt. 1652 wurde sie in Schweinfurt gegründet und hat seit 1878 ihren Sitz in Halle. Als Nationalakademie soll sie Politikberatung leisten, auf internationaler Ebene die deutsche Wissenschaft repräsentieren.------------------------------Foto: Gut vorbereitet: Wegen der Schweinegrippe wurden in vielen Krankenhäusern Isolierstationen eingerichtet. Benutzt wurden sie aber nur selten.Foto: Das kaiserliche Siegel der Leopoldina aus dem Jahr 1677.

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