BERLIN, 4. Oktober. Dass im Jahr 1942 die Siege der deutschen Wehrmacht an der West- und Ostfront auf sich warten ließen, rettete Bruno Balz das Leben. Zum zweiten Mal bereits saß der Berliner Textdichter im Gestapo-Gefängnis und wartete darauf, in ein Konzentrationslager deportiert zu werden - wenn er nicht zuvor bereits an den Folgen der Folter sterben sollte, wie nur kurz zuvor der jüdische Komponist und Schöpfer der Operette "Schwarzwaldmädel" Leon Jessel. Joseph Goebbels aber forderte in diesen Tagen "auf besonderen Wunsch des Führers" von den reichsdeutschen Schlagerautoren optimistische "Durchhaltelieder". Und die, ließ der Komponist Michael Jary den Propagandaminister wissen, könne er ohne seinen langjährigen Texter Bruno Balz nicht schreiben. Noch am selben Tag kam Balz aus der Haft frei, um in kürzester Frist das gewünschte Lied zu liefern: "Davon geht die Welt nicht unter". Es wurde auf Goebbels Wunsch noch nachträglich in den bereits fertigen Film "Die große Liebe" eingebaut - gesungen von Zarah Leander. Zu spät ging Goebbels die eigentliche Botschaft dieses Lieds auf, nämlich dass auch die Diktatur der Nazis eines Tages ein Ende haben werde. Mit einem nachträglichen Verbot aber hätte er sich lächerlich gemacht. Alles begann mit dem TonfilmOb Balz sich tatsächlich, wie ihm damals vorgeworfen wurde, unsittlich einem Hitlerjungen genähert hat, ist fraglich. Seine Homosexualität allerdings war kein Geheimnis. Bereits als 17-Jähriger war sich Balz seiner Homosexualität bewusst und tauchte auch im Berliner Institut für Sexualforschung des Magnus Hirschfeld auf, um dessen "Psychobiologischen Fragebogen" auszufüllen, den dieser für seine sexualwissenschaftlichen Studien entwickelt hatte. Balz engagierte sich früh innerhalb der Homosexuellenbewegung, ließ sich gar vom Berliner Verleger Adolf Brand als Aktmodell für dessen homoerotische Zeitschriften gewinnen und veröffentlichte dort auch Gedichte, Aufsätze und Erzählungen. Mit seinen Liebesgeschichten von einer heilen schwulen Welt befriedigte er ein entscheidendes Bedürfnis der Leser dieser Zeitschriften. Seine eigentliche Karriere allerdings begann Balz mit einem Lied, das er 1929 für den ersten deutschen Tonfilm "Dich hab ich geliebt" schrieb. Für rund 200 weitere Filme lieferte er danach passende Schlager. Mehr als 1 000 Titel allein zählt sein Gesamtwerk an Liedern, für die er zum Teil auch die Musik komponiert hatte. Hinzu kamen Libretti für Opern und Operetten, Gedichte und Prosa. Ein Comeback mit HeintjeBruno Balz traf stets Geschmack und Humor der Zeit, und zudem half ihm sein Ideenreichtum, über Jahrzehnte hinweg kontinuierlich Evergreens zu schaffen. Heinz Rühmann schrieb er "Ich brech die Herzen der stolzesten Frau n", Rosita Serrano sang "Roter Mohn", Eveline Künnecke "Winke winke". Und selbst die Schöneberger Sängerknaben bauten mit der Hymne "Berlin bleibt doch Berlin" auf seine Zeilen. Auch Zarah Leander verdankte ihre Karriere in Deutschland zu einem erheblichen Teil dem Duo Jary/Balz. Ob "Der Wind hat mir ein Lied erzählt" oder "Kann denn Liebe Sünde sein?" - alle großen Schlager der Leander sind deren Gemeinschaftswerk. Für Zarah Leanders Comeback nach dem Kriege hatte ihr Balz ein neues Lied geschrieben. Jary aber, der sich längst nach neuen, jungen Talenten umgeschaut hatte, nahm es heimlich mit einer noch unbekannten jungen Sängerin auf - und Heidi Brühl wurde mit "Wir wollen niemals auseinandergehn" zum Star. Balz fühlte sich hintergangen, die jahrelange Freundschaft und künstlerische Zusammenarbeit mit Jary zerbrach jäh. Balz erklärte daraufhin seine Karriere für beendet und zog sich in sein Landhaus am Tegernsee zurück - bis dort 1967 der junge Produzent Wolfgang Roloff auftauchte. Er suchte ein Lied für einen neuen, ziemlich jungen Interpreten, einen Niederländer namens Heintje. Balz hatte wenig Lust auf Kinderlieder, überließ ihm aber ein abgelegtes Werk, das er bereits 1941 für Benjamin Gigli geschrieben hatte, das aber damals keinen Zuspruch fand. Man änderte den Titel von "Mutter" in "Mama" - und Millionen Frauen waren fortan zu Tränen gerührt. Bruno Balz starb 1988 im Alter von 85 Jahren in Bad Wiessee. Alleinerbe wurde der Schauspieler und Maler Jürgen Draeger, den Balz 1960 als Zwanzigjährigen durch den Kauf eines Bildes kennen gelernt hatte. Als Hommage an seinen Lebensgefährten hat Draeger aus Anlass des 100. Geburtstags eine CD mit Liedern des Textdichters veröffentlicht und dafür eigens eine Firma gegründet. Sie hat den sinnigen Namen "Evergreens Comeback!".Er verfasste mehr als tausend Lieder // Der Texter Bruno Balz wurde vor 100 Jahren - am 6. Oktober 1902 - in Berlin geboren. Er starb am 14. März 1988. Sein Werk umfasst 1037 Liedtexte. Zu seinen bekanntesten Hits gehören "Das kann doch einen Seemann nicht erschüttern", "Wir wollen niemals auseinandergehn" und "Ich weiß, es wird einmal ein Wunder geschehn".Zu seinen Interpreten gehörten unter anderen Marika Rökk, Zarah Leander, Caterina Valente, Hans Albers, Heidi Brühl, Heintje und Heinz Rühmann.Zum 100. Geburtstag des Texters erscheint nun die Doppel-CD "Der Wind hat mir ein Lied erzählt" (Monopol Records) mit 36 Originalaufnahmen.