Was ist s denn, daß der Mensch soviel will.", schrieb der Schriftsteller Alfred Wellm einer Freundin zum Abschied nach einem Besuch als Widmung in eines seiner Bücher. In Klammern setzte er bescheiden hinzu "(natürlich nicht von mir - leider)". 1993 war das, auf seinem idyllischen Bauernhäuschen in Lohmen bei Güstrow, wo er seit Jahrzehnten wohnte; die Schrift zeigt an, dass ihn das Schreiben schon physisch anstrengte. Alfred Wellm ist am Montag dieser Woche im Alter von 74 Jahren nach langer Krankheit gestorben. Dass man es erst gestern aus der "Schweriner Volkszeitung" erfahren konnte, passt zum Wesen dieses Mannes, der die Stille brauchte, um dem Leben nah zu sein, von sich selbst und seinen literarischen Werkstattgeheimnissen kaum etwas preisgab. Auch die Helden seines nicht eben umfangreichen vres sind die eher Leisen und Nachdenklichen. Deren Eigenwilligkeit aber konnte für Aufruhr sorgen wie im Falle des eigenbrötlerischen Lehrers Gustav Wanzka, der im bewegten 68er-Jahr nicht nur den Volksbildungsapparat der DDR in Wallung brachte. Wie das? Der fein beobachtende, poetische Erzähler Wellm hat mit "Pause für Wanzka" doch nur eine kleine Geschichte aus einer kleinen Mecklenburger Schule dargebracht? Aber was für eine im jenem Lande! Dieser Lehrer Wanzka, der die Fenster des Klassenzimmers öffnen und seine Schüler für ein paar Minuten in den Regen lauschen lässt, einfach nur so - der war nicht lehrplangerecht. Dieser Wanzka, der sich vor dem stromlinienförmigen Klassenprimus fürchtet, dessen Seele aber jubelt, als er in seinem unscheinbaren Schüler "Konsequent" das eine große Mathematiktalent erkennt und sich nicht aufhalten lässt, es gegen alle bornierten Richtlinien zu fördern - der rüttelte an den geheiligten Prinzipien der kollektiven Menschengemeinschaft. In diese Figur hat der in sich gekehrte, verletzliche und heitere Alfred Wellm vieles von sich selbst gegeben: Der Fischersohn aus dem ostpreußischen Neukrug bei Elbing war in der DDR Lehrer geworden, rasch zum Kreisschulrat aufgestiegen und - wie Wanzka - auf eigenen Wunsch wieder zu seinen Kindern in die Schule zurückgegangen. Er schrieb einige Kinderbücher, bevor er freier Schriftsteller wurde. Die Volksbildungsministerin Margot Honecker hatte alles daran gesetzt, das "Wanzka"-Buch zu verbieten. Glück für Wellm: Aus Gnatz gegen ihren Mann, den damals bereits eigenwillig nach der Macht greifenden Erich Honecker, entschied Walter Ulbricht persönlich für den Druck. Wellm hatte sich zuvor auf einen versöhnlicheren Ausgang des "Konsequent"-Abenteuers einlassen müssen; im Ur-Manuskript scheitert es. Das Volksbildungsministerium und seine "Deutsche Lehrerzeitung" entfalteten eine Kampagne gegen den Roman, die den Autor tief deprimierte und fast zerstörte. Für aufgeweckte Geister in der DDR aber wurde "Pause für Wanzka" zu einem Schlüsselbuch: Dieses wunderbare Stück Literatur forderte Individualität ein, die versprochene, aber nicht eingelöste "freie Entwicklung eines jeden". Wellm war ein gründlicher, selbstquälerischer Schreiber, der länger als ein Jahrzehnt an einem Buch zu arbeiten vermochte. Auf den wiederum biografisch gefärbten Roman "Pugowitza oder Die goldene Schlüsseluhr", die Geschichte von der Freundschaft zwischen einem alten Mann und einem zwölfjährigen Jungen, folgte Mitte der 80er-Jahre "Morisco". Alfred Wellm hat dieses letzte Buch seine vorweggenommene "Wende-Geschichte" genannt. Sie erzählt von dem Architekten Andreas Lenk, der sein angepasstes Leben bilanziert und sich den Verrat an seinen Träumen eingestehen muss.