Der Schriftsteller Ludvik Vaculik verfasste vor vierzig Jahren das Reform-Manifest, das die Menschen in Prag inspirierte. Doch dann kamen die Panzer: Die Erinnerungen eines Enttäuschten

PRAG. So sieht er also aus, der Mann, der die Ereignisse angestoßen hat, die später als Prager Frühling Geschichte machen werden: Das Haar ist weiß, jedoch noch voll und wild. Die Augen hinter den dicken Brillengläsern wirken verschmitzt, aber auch ein wenig müde. Ludvik Vaculik hat sich einen Ecktisch im legendären Prager "Slavia" ausgesucht. So früh am Morgen ist der Saal des Cafés an der geschäftigen Straßenkreuzung noch fast leer. Vaculik bestellt Kakao mit Schlagsahne. Kaffee verträgt der 82-Jährige nicht mehr.In der Ecke des "Slavia" muss damals, in jenem Frühling vor vierzig Jahren, die Geheimpolizei gesessen haben. Das jedenfalls sagt Vaculik. Damals brodelt es in der kommunistischen Partei der Tschechoslowakei. Altstalinisten und Reformer sitzen sich unversöhnlich gegenüber. Die Zahl derjenigen, die Veränderungen wollen, wächst. Im "Slavia" sitzen die Intellektuellen und diskutieren die demokratischen Erneuerungen, die der neue KP-Chef Alexander Dubcek eingeleitet hat. Sie träumen von mehr Offenheit, Meinungspluralismus, einem echten Rechtsstaat. Sie träumen, bis in der Nacht zum 21. August die russischen Panzer Richtung Prag fahren. Jahre später wird der Schriftsteller Ludvik Vaculik die Ereignisse in seinem Roman "Tagträume" verarbeiten.Es sei zunächst tatsächlich um einen besseren Sozialismus gegangen, sagt Vaculik heute. So liest sich auch jenes Pamphlet, das ihn damals berühmt gemacht hat. Am 27. Juni 1968 erscheint in drei großen Zeitungen der tschechoslowakischen Hauptstadt das Manifest der "2 000 Worte". Der Text fordert eine Fortführung der Reformpolitik, gegen die reaktionären Kräfte. Siebzig bekannte Persönlichkeiten haben unterschrieben. Die Kommunistische Partei fasst das Manifest als Misstrauensvotum auf. Der Autor: Ludvik Vaculik. Keine zwei Monate später liefern die angeblich konterrevolutionären Gedanken einen Vorwand für den Einmarsch der Truppen des Warschauer Paktes.Ausgerechnet Vaculik, dem das Prager Bürgertum lange fremd blieb. Er stammt aus der Provinz Mähren, hat ursprünglich Schuster gelernt. Die einzige Intellektuelle in seiner Heimat, so Vaculik, sei seine Grundschullehrerin gewesen. Kommunist, Mitglied der Partei seit 1946, ist er obendrein. Der Provinzler erlangt Zugang zum erlauchten "Slavia"-Kreis, weil er ein respektables Erstlingswerk vorzuweisen hat, "Das Beil". Außerdem hat er auf dem Schriftstellerkongress 1967 eine aufsehenerregende Rede gehalten. Er hatte für die Abschaffung der Zensur argumentiert. "Und zum ersten Mal gab es niemanden, der einem das Mikrofon abdrehte", erinnert er sich.Seine Offenheit kostete Vaculik die Parteimitgliedschaft - jedoch nur für kurze Zeit. Im April 1968, der Reformer Alexander Dubcek ist seit ein paar Monaten Parteichef, wird er rehabilitiert. Vaculik kehrt mit gespaltenen Gefühlen zurück. "Viele Jahre schon hatte ich das Parteibuch nur noch als Last empfunden. Jetzt hatte man mir diese Last zurückgegeben." Sein Manifest verfasst er nicht gegen die Partei. "Wir wenden uns gegen die Ansicht, die manchmal zu hören ist, dass eine demokratische Wiedergeburt nur ohne die Kommunisten oder gar in Opposition zu ihnen errungen werden kann", schrieb er.Schritt für Schritt entwickelt er sein Programm für den Wandel der Gesellschaft. Kommunale Selbstverwaltung und Arbeiterräte in den Betrieben werden da gefordert, öffentliche Sitzungen der Partei und Komitees zur Verteidigung der Freiheit des Wortes. In einer Passage wird gar vorgeschlagen: Lasst uns Streit zwischen Nachbarn sowie Besäufnisse aus politischem Anlass vermeiden. Das Manifest liest sich aus heutiger Sicht euphorisch und naiv zugleich.Vaculik kann es immer noch auswendig, was die Gäste im Café, die den Saal nun langsam füllen und frühstücken wollen, sichtlich verwirrt. Das ist dem Schriftsteller unangenehm. Eigentlich wolle er sowieso gehen. Er erzählt aber doch weiter, was nach der Veröffentlichung geschah. "An jeder Ecke Prags, auf offener Straße und in den Cafés und Kneipen wurde mein Manifest diskutiert", erinnert sich Vaculik. Zehntausende Menschen reden über seinen Text. Dies ist sein Moment des Ruhmes, er weiß es. "Ich hatte große Angst, hochmütig zu werden." Der tschechische Geheimdienst, fest in der Hand der Betonköpfe, lässt seiner Paranoia freien Lauf.Wochenlang versuchen mehrere Arbeitsgruppen dahinterzukommen, welcher westliche Geheimdienst dem Autor die Feder geführt haben mochte. "Es konnte nicht sein, dass das alles meinem Kopf entsprungen sein sollte", sagt Vaculik. "Es konnte nicht sein, dass jemand die Macht tatsächlich ohne jeden Hintergedanken für das Volk forderte und nicht für sich selbst oder den Klassenfeind." Doch Hintermänner finden sich nicht, weil es sie nicht gibt, ebenso wenig wie die organisierte konterrevolutionäre Verschwörung, die die Regierung in Moskau als Vorwand für die Intervention erfindet.In der Nacht vom 20. auf den 21. August 1968 beginnt der Einmarsch, den Vaculik in seinem Manifest schon düster ahnt. Um 23 Uhr überschreiten die ersten Truppen des Warschauer Vertrages die Grenze. Insgesamt sind es über 500 000 Soldaten, mit 7 500 Panzern, 2 000 schweren Geschützen und 1 000 Flugzeugen. Die Prager errichten Barrikaden, stellen Laster und Skoda-Busse auf den Straßen quer und zünden sie an. Junge Leute werfen Brandsätze auf die russischen Panzer. Die Mutigen versuchen, die Sehschlitze mit ihren Jacken zu verstopfen. 98 Tschechoslowaken sterben. 50 Soldaten kommen ums Leben. Das Jahr 1968 in Prag und das Jahr der Revolte der Jugend im Westen des Kontinents hatten nichts miteinander zu tun, meint Vaculik heute. "Im Westen sind sie mit roten Fahnen durch die Straßen gelaufen. Bei uns haben nach dem sowjetischen Einmarsch die roten Fahnen gebrannt."Vaculik hat diese düsteren Tage fern von Prag erlebt. Er besuchte die Familie in Mähren. Sein Vetter weckte ihn an jenem Morgen, laut schreiend: "Ludek, die Russen sind da! Was sollen wir machen?" Vaculik brauchte eine Weile, um zu sich zu kommen. "Dann zündete ich mir eine Zigarette an und sagte: Heißen wir sie willkommen! Aber womit? Den Slivovic haben wir ausgetrunken und Granaten besitzen wir nicht." Ganz so locker scheint er den Einmarsch jedoch nicht genommen haben, wie er es heute ironisch schildert. Er wagte sich die folgenden zwei Wochen nicht in die Hauptstadt, sondern blieb im friedlichen Mähren.In Prag wehren sich vor allem die Studenten gegen die Invasion. Der Schriftsteller aber hält vor der Juristischen Fakultät der Prager Uni eine Rede mit einem resignierenden Hauptgedanken. Das Ende dieser Besatzung, sagt der damals 42-Jährige den laut protestierenden 20-Jährigen, werden wir alle nicht mehr erleben. Dass er ein Pessimist sei, bestreitet Vaculik. Er nennt sich einen skeptischen Optimisten. Das sei, sagt er, einfach der böhmische Nationalcharakter.Im Herbst 1969 wird gegen Vaculik Strafverfolgung eingeleitet, wegen Unterhöhlung der Partei. Er hat an einem weiteren Manifest gegen die Obrigkeit mitgeschrieben. Zum Prozess kommt es nicht. Auch bei späteren Gelegenheiten bleibt es bei Drangsalierungen. Ihm wird der Pass abgenommen. Vaculik hätte ihn zurückbekommen können, wenn er für immer ins Ausland gegangen wäre. Immerhin seine Bücher erschienen im Westen. Davon und von Veröffentlichungen in Untergrund-Verlagen lebt er zu dieser Zeit. Bruno Kreisky, der österreichische Bundeskanzler, bietet den Dissidenten politisches Asyl an. Der Schriftsteller lehnt ab: "Das wäre feige gewesen."Er erträgt lieber die Demütigungen in der Heimat. Er wird vom Oberleutnant der Reserve zum einfachen Soldaten degradiert - offenbar in der Vorstellung, man könne ihm damit die Ehre nehmen. Alle seine Kontakte unterliegen der Kontrolle. Er ist gesellschaftlich isoliert, darf offiziell im eigenen Land nichts veröffentlichen. Ins Gefängnis muss Vaculik aber nie."Ich fühlte mich beleidigt, war aber zugleich froh, dass nichts Schlimmeres passierte", sagt Vaculik. Die Monate, die Jahre vergingen und dem Schriftsteller wird bewusst, womit er alle Zeit, die noch kommen würde, zu leben hatte: Mit der Angst, dass sie ihn vorladen lassen und mit dem Gefühl "einer elenden Dankbarkeit für jeden Tag, an dem nichts geschieht."Doch dann kommt alles anders. Es ist im Herbst 1989, wieder ist ganz Prag auf den Straßen. Massen pilgern hinauf auf den Letna, den Hügel hoch über den Moldau. Dort finden die Kundgebungen der "samtenen Revolution" statt. Auch Vaculik, der Veteran des Prager Frühlings, will zu den Zehntausenden sprechen. Der damals 63-Jährige kämpft sich vorbei an den sehr jungen Ordnungskräften. Studenten zumeist, die mit seinem Namen nichts anzufangen wissen.Er trägt seinen Wunsch den Organisatoren vor. Die drucksen herum, wollen wissen, was er zu sagen habe. Diese Skepsis hatte der berühmte Dissident nicht erwartet. Er erinnert sich: "Das hatte nicht einmal die Partei vor meiner Rede auf dem Schriftstellerkongress 1967 von mir verlangt." In diesem Augenblick habe er gewusst, "dass das wieder nicht die richtige Revolution ist", sagt er heute. An jenem Tag im Herbst 1989 drehte sich Vaculik um und ging weg. Er war auch in seiner Eitelkeit gekränkt.Das "Slavia" hat sich langsam mit Touristen gefüllt, was Vaculik gar nicht gefällt. Er fühlt sich fremd. Er drängt, will fort. Warum er es plötzlich so eilig habe? Kartoffeln, sagt er nur. Den Rentner zieht es auf sein Grundstück vor der Stadt. Er will nachsehen, ob seine Pflanzen ausgetrieben haben. Die Kartoffeln seien in diesem kalten Frühjahr spät in die Erde gekommen. Der Garten, das sei das Einzige, was ihn vom Verrücktwerden bewahrt habe, sagt der alte Idealist zum Abschied.------------------------------Foto: "1968 hier und die Revolte im Westen hatten nichts miteinander zu tun." Schriftsteller Ludvik Vaculik------------------------------Foto: Ein Arbeiter stellt sich todesmutig gegen die Panzer des Warschauer Pakts. Doch die Truppen beendeten im August 1968 den Prager Frühling mit Gewalt.