Gäbe es Hinweise für Galeriebesucher, wie man die jeweils aktuelle Ausstellung im richtigen Maß und Modus verdaut, müsste diesmal auf dem Beipackzettel stehen: Setzen Sie sich hin! Stühle und Bank stehen aus gutem Grunde da.Wir sehen in einer großformatigen Videoarbeit in der Galerie Campagne Première die Figur von Ettore Majorana, einem Physikgenie aus Italien. Der Wissenschaftler lebte Anfang des letzten Jahrhunderts und starb im Jahr 1938. Es hieß, Majorana sei unter absolut mysteriösen Umständen bei einer Bootstour von Palermo nach Neapel verschwunden. Weil seine Leiche nie gefunden wurde, und somit niemals zu belegen war, wie er wirklich zu Tode kam, birgt seine Lebensgeschichte bis heute Stoff für gewagte Spekulationen. Lange glaubte man, der junge Physiker selbst hätte sein Verschwinden mit voller Absicht inszeniert, weil er Konflikte um die praktische Anwendung seiner nuklearen Forschungsergebnisse fürchtete. Auch in einer Novelle von Leonardo Sciascia, 1975, ging es um das spektakulär stille "Verschwinden des Ettore Majorana".Dieser Text und die dramatische Lebensgeschichte wurden nun zum thematischen Hintergrund für Polonis aktuelle Einzelausstellung. Vor allem die darin präsentierten filmischen Arbeiten funktionieren bestens und sorgen für stilistische Aufladung und Spannung. Der große, aufwendig gedrehte neue Film dauert 46 Minuten. Der alte Filmstreifen im Nachbarraum ist nach gerade nur vier Minuten vorbei.Das Video des Schweizers entfaltet sich - perfekt gemacht - in der aktuell sehr angesagten Manier wie "bewegte Malerei" vor unseren Augen. Langsame Schwenks, monochromatische Effekte und dazu die technische Delikatesse, die bei einer konzentrierten Kamerafahrt mit Parallel-Perspektive entstand. Eine Doppelkamera filmt, zeitlich um Nuancen versetzt, immer wieder zwei Räume: Schiffskabine und Hotelzimmer. Poloni zelebriert die Wiederholung des scheinbar immer Gleichen im offensichtlich doch Veränderten: Ein Mann im Bett, rauchend, lesend, schweigend, allein. Oder stehend vor den Bullaugen der Schiffkabine. Bis sich am Ende nur noch Spuren finden; Majorana selbst ist einfach weg.Nach dem High-Definition-Video mit Sound begegnet uns im anderen Galerieraum ein Stummfilm auf 16-mm-Color. Hier rasselt allein nur ein alter Schul-Projektor. Doch schon die Geschichte dieser Filmspule ist wild und abenteuerlich. Sie beginnt in Teheran und findet sich aufgeschrieben in einer ausführlichen Notiz an der Galeriewand. Der Filmstreifen selbst dauert ganze vier Minuten. Auch hier sieht man einen Mann, gekleidet im Stil der Dreißigerjahre, an Bord eines Schiffes auf See. Eine Person, die seltsam frappierende Ähnlichkeiten mit jenem Majorana aus dem Video hat.Die Identität der Person bleibt ungeklärt und in der Schwebe; die Filmspule selbst trägt authentische Spuren eines Verschwindens. Man hatte diese offensichtlich über Bord gegangene Kassette irgendwann wieder aus dem Wasser gefischt. Auch davon sind vor allem die Spuren zu sehen: Wasserschlieren, Salzreste, Kratzer und Blindstellen auf dem Filmträger. Das alles führt zu Unschärfen aller Art als Folge chemischer Reaktionen, also zu einem Verwirrspiel. Der Künstler gab dieser Arbeit den zutreffenden Titel "the sea rejected me" (Das Meer spuckte mich wieder aus).Auch im dritten Raum dieser reizvoll inszenierten Ausstellung dreht es sich um die heute so wichtige Frage nach der Glaubwürdigkeit von Medien. Darum, wie sich Fakt und Fiktion unterscheiden lassen, wo sie sich doch so oft mischen. Der Medienkünstler Marco Poloni thematisierte den Problemstoff schon seit Jahren immer wieder in konzeptuellen Fotografien. Authentische Aufnahmen und sinnkräftige Zufallsmotive mischt er zu einem rätselhaften Tableau seiner computerbearbeiteten "archival pigment prints". Der prächtige Spielplatz für Spekulationen reicht thematisch von der Ölkrise bis zum Terroranschlag am elften September 2001 in New York.Insgesamt ist Poloni dank seiner historischen Bild-Forschungen eine brandaktuelle Ausstellung gelungen, sich mit einem der wichtigsten Probleme unserer Gegenwart befasst: Mit dem Verschwinden von immer gültigen Sicherheiten im verwirrenden Spiegelprisma einer immer mehr digitalisierten Welt.------------------------------Campagne Première, Chausseestraße 116 (Mitte). Bis 20. Juni, Di-Fr 14-18/Sa 10-20 Uhr.------------------------------Foto: Szene aus dem Video, das vom Verschwinden erzählt: "The Majorana Experiment".

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