Der Schweizer Peter Gross saß bis 1978 in DDR-Haft: Mit der Freundin im Kofferraum zum Kudamm

Einmal Kudamm und zurück", lautet der Titel einer Ausstellung, die in der Stasi-Gedenkstätte Hohenschönhausen zu sehen ist. Es geht um die Geschichte des ehemaligen Kochs der Schweizer Botschaft Peter Gross (52), der seine Ost-Berliner Freundin Christa Feurich 1974 im Kofferraum eines Mini-Coopers nach West-Berlin schmuggelte, um ihr den Kudamm zu zeigen. Gross brachte die junge Frau danach wieder zurück. Vor dem zweiten Ausflug wurden sie an der Grenze festgenommen. Zunächst saßen in U-Haft in Hohenschönhausen, danach bis 1978 in Bautzen.In den früheren Vernehmerzimmern wird zurzeit Ihr Schicksal dokumentiert. Was empfinden Sie, wenn Sie durch die Räume gehen?Es ist eine Art Genugtuung für mich: Da wird an einem Ort, der bis 1989 noch für die Öffentlichkeit tabu war, eine Ausstellung über Stasi-Opfer gezeigt. Dennoch gehe ich mit einem mulmigen Gefühl durch die Räume. Rachegefühle habe ich aber keine. Rache macht blind.Unmittelbar nach Ihrer Haft haben Sie Ihre Freundin geheiratet, sie gingen in die Schweiz. In den dreieinhalb Jahren der Haft durften Sie sie nur einmal kurz sehen. Wie haben Sie das ausgehalten?Es war für uns beide eine schwere Zeit. Heimlichen Brief-Kontakt hatten wir trotzdem. Sie arbeitete in der Küche und schickte mir Briefe im Brot. Zu einem ihrer Geburtstage ließ ich von ihren Eltern einen Rosenstrauß fotografieren. Sie schickten Christa das Foto nach Bautzen.Wie fühlten Sie sich nach der Haft?Erleichtert. Sieben Jahre haben wir die Sache aber verdrängt. Es gab Wichtigeres, der Job, unsere Zukunft in der Schweiz.Sie sind 1978 aus der Haft entlassen worden. Wann erfuhren Sie, wer Sie verraten hat?Wir haben 1994 die Akten eingesehen und gelesen, dass uns ein guter Freund verraten hat. Der hatte eine Autowerkstatt, wo er auch die Fahrzeuge des MfS reparierte.Haben Sie den Freund von damals nach dem Fall der Mauer einmal wieder gesehen?Ja. Ich hatte ihn aufgefordert, eine Entschädigung für die Haftzeit zu zahlen. Er schrieb mir später, dass alles, was in den Akten steht, frei erfunden sei.Was würden Sie ihm sagen, wenn Sie ihm zufällig begegnen würden?Ich möchte mit ihm überhaupt nicht mehr darüber sprechen.Wann waren Sie das letzte Mal auf dem Kudamm?Gestern. Wir waren schlendern, haben Kaffee getrunken .. und an 1974 gedacht?Ja. Der Kudamm war für DDR-Bürger ein Symbol der Freiheit. Viele wollten dort hin, um zu sehen, wie es dort aussieht.Das Gespräch führte Marcel Gäding.Einmal Kudamm und zurück, bis 31. Oktober, täglich 9-18 Uhr, Gedenkstätte Hohenschönhausen, Genslerstraße 66. Eintritt frei.FOTO GEDENKSTÄTTE Im Mini-Cooper brachte Peter Gross seine Freundin zum Kudamm.