Napoleon Seyfarth wird bald sterben. Fünf Wochen will er noch durchhalten, denn dann soll er in der Talkshow von Alfred Biolek auftreten. Thema der Sendung: Wie Menschen mit dem Tod umgehen. "Danach setze ich die Medikamente ab", sagt der schwule Schriftsteller, der sich als "Lebens- und Sterbenskünstler" versteht. Angst vorm Tod habe er nicht. Den Sarg hat der 47-Jährige schon ausgesucht: Er steht in seiner Wohnung in der Motzstraße. Bewusst inszeniert Seyfarth sein Ableben, mit eher schriller Würde."Lebenssatt!", "Todestrunken!" steht auf den Grabsteinen, die der aidskranke Schriftsteller ausgesucht hat. Er und sein Freund Schlomo Schlotto wollen auf dem St.-Matthäus-Kirchhof beerdigt werden. Die Form des Grabsteins erinnert an einen Penis. "Schriller sterben" nennt das Seyfarth. Ja, nickt er, damit breche er ein Tabu, ganz bewusst. "Stiefmütterchen auf Gräbern und Betroffenheit bei Beerdigungen sind mir ein Gräuel", sagt Seyfarth. Seine Lebensfreude wolle er, so widersinnig das erstmal klingt, mit in den Tod nehmen. Deshalb ist auf seinem Grabstein ein ejakulierendes Schwein gezeichnet. Auch auf seinem himmelblauen Sarg sind die Tiere zu finden: Die dort aufgemalten Engel tragen Schweinegesichter. "Schweine sind ein Symbol für Wollust. Außerdem sind sie auch schwul", sagt Seyfarth. Bei Partys hat der Sarg, mit Eis gefüllt, schon als Sektkühler gedient. Seyfarth: "Der Sarg war so teuer, da wollte ich auch zu Lebzeiten was von haben."Seyfarth kokettiert mit seinem Schwul-Sein. Fast in jedem Satz versteckt er zwei-, häufig auch eindeutige Andeutungen, als wolle er ständig auf seine Homosexualität hinweisen. Er erzählt von ersten sexuellen Erfahrungen, die er als Zwölfjähriger mit einem 25-Jährigen auf einem Friedhof gemacht habe. Dann zitiert der frühere Psychologiestudent - etwas unvermittelt - Bibelstellen, die er als Anspielungen auf homosexuelle Praktiken deutet. Ebenso häufig wie mit seinen sexuellen Vorlieben beschäftigt Seyfarth sich und seine Zuhörer mit seiner Krankheit und dem nahen Tod. Mal scheint es, als rede der Schriftsteller über den Protagonisten eines neuen Buchs, dann wird er wieder sehr persönlich und nachdenklich. Die Krankheit, sagt er, habe ihn so geschwächt, so dass er täglich 16 Stunden schlafen muss. In seine Lieblingskneipe, die Schwulenbar "Hafen", die keine Minute von seiner Wohnung an der Motzstraße liegt, schafft er es nur noch einmal in der Woche.Falls er deswegen traurig ist, lässt er es sich nicht anmerken. "Aber sonst nehme ich morgens mein Morphium und lebe normal weiter." An Selbstmord habe er nie gedacht. "Das wäre wie ein Coitus interruptus." Auf seine Sterbeminuten freut er sich. "Ich habe das bei einem Freund gesehen. Der hatte einen Gesichtsausdruck wie bei 80 Orgasmen gleichzeitig."Bis zu seinem Fernsehauftritt bei "Boulevard Bio" hat Napoleon Seyfarth (der auf den Namen Hans Joachim getauft wurde) noch einiges zu tun. Derzeit schreibt er sein autobiografisches Buch "Schweine müssen nackt sein" um, für einen Kinofilm über sein Leben. Bei seiner Beerdigung wird ein Kamerateam filmen.BERLINER ZEITUNG/MARKUS WÄCHTER Napoleon Seyfarth in seiner Wohnung in der Motzstraße. Seinen Sarg hat er auch schon als Sektkühler benutzt.