Am 3. Dezember 1965 herrschte in der Chefetage der Staatlichen Plankommission der DDR in Berlin eine überaus gedrückte Atmosphäre. Erich Apel, der Chef der Plankommission, hatte sich das Leben genommen. Dabei sollte er gerade an diesem Tag ein großes Handelsabkommen mit der Sowjetunion unterzeichnen.Die Jugendjahre des gelernten Werkzeugmachers waren vom Leben im NS-Staat geprägt. Als 20jähriger Ingenieur zum Wehrdienst eingezogen, wurde er nach Peenemünde dienstverpflichtet und Mitarbeiter des Raketenspezialisten Wernher von Braun. Apel leitete in der Raketenversuchsanstalt eine Forschungsabteilung. 1944 wurde er mit der Verlegung von V-2-Anlagen in den Harz beauftragt. Hier traf er noch einmal mit von Braun zusammen, der den fähigen Ingenieur mit nach Amerika nehmen wollte. Apel lehnte ab. Er wurde Lehrer an einer Berufsschule. Rote Armee griff zu Sein Wissen um die Geheimnisse der V 2 blieb jedoch den Spezialkommandos der Roten Armee nicht lange verborgen. Apel wurde erneut dienstverpflichtet - dieses Mal von den Siegern. Bis Oktober 1946 arbeitete er mit Hunderten anderen deutschen Spezialisten in den "Mittelwerken" in Bleicherode. Danach als Oberingenieur in Gorodomlia in der UdSSR. Von der Utopie des Kommunismus beseelt, kehrte er im Sommer 1952 in die DDR zurück. Nun begann eine Bilderbuchkarriere. Bereits 1953 wurde der ehemalige Mitarbeiter Wernher von Brauns Stellvertretender Minister und 1955 Minister für Schwermaschinenbau. 1957 erhielt er das Parteibuch der SED. Nach dem Selbstmord von Gerhard Ziller, der Verantwortliche für Wirtschaft im SED-Politbüro - eine Geschichte für sich -, übernahm Apel auf ausdrücklichen Wunsch von Ulbricht im Februar 1958 die Leitung der neugebildeten Wirtschaftskommission.Noch im gleichen Jahr wurde er Kandidat und 1960 Mitglied des Zentralkomitees der SED. Ein ungeahnter Aufstieg für einen Mann, der nicht zum Kreis der Moskauer KPD-Emigranten gehörte. Apel fühlte sich zunächst nicht wohl in seiner neuen Rolle, doch Ulbricht setzte auf die fachlichen Fähigkeiten des Ingenieurs und ließ nicht locker. Im Januar 1963 übernahm Apel die Leitung der staatlichen Plankommission. Jetzt war er ganz oben.Mit großem Eifer begann er, gemeinsam mit anderen Vertretern der "jungen Garde" aus Wirtschaft und Wissenschaft, ein Reformwerk auf den Weg zu bringen. Die starre Planwirtschaft sollte zurückgedrängt werden. Die Reformer wollten den Betrieben weitgehende Rechte zubilligen und den Gewinn ins Zentrum der Wirtschaftstätigkeit rücken. Ein dritter Weg zwischen sozialistischer Plan- und kapitalistischer Marktwirtschaft? Das erste und damit auch letzte Mal in der Geschichte des Ostblocks ging ein Reformversuch von Ost-Berlin aus.Die Gegnerschaft formierte sich jedoch rasch. Die handstreichartige Ablösung von Kreml-Chef Chruschtschow im Jahr 1964 ließ auch für die DDR nichts Gutes ahnen. Chruschtschows stockkonservativem Nachfolger Breschnew waren jegliche Reformen, die über bloße Kosmetik hinausgingen, in seinem Machtbereich suspekt. Im Streit mit Moskau Apel bekam das sowjetische Mißtrauen gegenüber dem Reformkurs in den Wirtschaftsverhandlungen deutlich zu spüren. Im September 1965 blieben seine sowjetischen Gesprächspartner weit hinter den Lieferwünschen der DDR bei Erdöl und Walzstahl zurück. Auch die von ihm angestrebte Ausweitung der Handelsbeziehungen mit Westeuropa wurde von den Sowjets kritisiert. Nach heftigen Wortgefechten verließ Apel Moskau ergebnislos. Ende November, nachdem Breschnew zu einem Blitzbesuch nach Berlin gekommen war, mußte die DDR-Führung schließlich klein beigeben und die sowjetischen Vorgaben für den Handelsvertrag akzeptieren. Zuvor war Apel aus den Verhandlungen ausgeschaltet worden. Doch das waren nicht die einzigen Schwierigkeiten. Auch innerhalb der Parteispitze hatte sich die "Betonfraktion" auf Apel und seine Mitstreiter eingeschossen. Apel war aus ihrer Sicht ein Außenseiter. Und im übrigen - was könnte passieren, wenn seine Rolle bei der Produktion der "Wunderwaffen" allgemein bekannt würde?Große Bedenken, ja Angst hatten die Hardliner um Honecker, Stoph, "Ali" Neumann und Finanzminister Rumpf vor einem Machtverlust des Parteiapparates. Wenn alle wichtigen Entscheidungen in der Wirtschaft von den Betriebsdirektoren gefällt würden, welche Rolle käme dann noch dem Parteiapparat zu? Kurzum, den Konservativen ging Machterhalt vor wirtschaftliche Effizienz. Die Angriffe auf Apel häuften sich. Am 2. Dezember 1965 erreichte der Konflikt seinen Höhepunkt. Auf einer außerordentlichen Politbürositzung wurde Apels Fünfjahrplan-Entwurf abgeschmettert. Willy Rumpf warf dem Plankommissionschef Versagen und eine übermäßige Westorientierung vor. Auch Günter Mittag, damals Leiter des Büros für Industrie und Bauwesen des SED-Zentralkomitees, war gegenüber Apel auf Distanz gegangen. Darüber war Apel besonders betroffen, hatte er doch bis dahin Mittag für einen Verbündeten, ja Freund gehalten. Nach der Sitzung vom 2. Dezember kam es zwischen beiden in Wandlitz zu einer scharfen Auseinandersetzung.Völlige Klarheit über das Ende von Erich Apel wird es wohl niemals geben. Er hatte wohl mehrere Beweggründe, um aus dem Leben zu scheiden: den Schatten der Vergangenheit, die Niederlagen im Kampf mit den Reformgegnern und der Bruch mit Mittag sowie das ungleiche Handelsabkommen mit der Sowjetunion, das er unterzeichnen sollte. An Strukturen zerbrochen Mit dem Ende von Erich Apel war das Ende der Wirtschaftsreformen in der DDR nicht direkt verbunden. Sie liefen noch bis 1970 weiter, jedoch ohne größeren Erfolg. Dennoch markierte der Dezember 1965 einen innenpolitischen Wendepunkt. Einer der wenigen damaligen Hoffnungsträger in der DDR war freiwillig von der Bühne abgetreten.Letztlich ist Apel, wie Gerhard Ziller, an den verkrusteten Machtstrukturen in der DDR zerbrochen. Das planwirtschaftliche System war nicht reformfähig. Eine Entwicklung in Richtung Marktmechanismen, Kreativität und Selbstbestimmung hätte die Macht der Herrschenden in Frage gestellt. +++

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