Gemütlich ist es nicht in der Gottschedstraße. Ein Pizza-Service und triste Telefonläden, viel steht leer. Wir sind im tiefsten Wedding; es ist ein harter Kiez mit gewalttätigen Fehden zwischen türkischen und arabischen Jugendgangs. Um die Ecke ist der Nauener Platz, berüchtigt als Drogenumschlagsort. Den Deutschen geht es hier nicht besser als den Migranten. "In Wahrheit sorgen die Türken mit ihren Geschäften und den familiären Strukturen dafür, dass das Viertel nicht vollständig kippt", berichtet Les Schliesser. Der 42-Jährige weiß, wovon er spricht, denn er und Daniela Brahm haben ihre Ateliers seit über sechs Jahren auf dem ehemaligen Rotaprint-Gelände zwischen Gottsched- und Reinickendorfer Straße und sind mittlerweile hier mehr involviert, als sie es sich je hätten vorstellen können.Brahm und Schliesser sind Künstler, die sich intensiv mit der Architektur der Moderne beschäftigen, vor allem mit deren "Bodensatz", wie sie es nennen. "Durch die Sackgassen der Verwertung von Architektur kommt es immer wieder zu faszinierenden, auch absurden Neudefinitionen, was Architektur ausmacht", erklärt Schliesser. Ausdruck gewinnt das bei ihm etwa in pseudokonstruktivistischen Miniaturbauten oder einem Videofilm über einen fiktiven Architekten. Gegenwärtig entsteht im Atelier ein großes abstraktes Gemälde, auf dem sich düstere Farben auf der Leinwand zusammenziehen und dann wie eine Brandbombe explodieren. Es wäre schon längst fertig, wenn der Kampf um das Rotaprint-Gelände derzeit nicht fast die ganze Arbeitskraft absorbieren würde.Daniela Brahm ist vor allem für ihre Gemälde bekannt geworden, auf denen Versatzstücke aus den versteckten Zeichenwelten der Moderne und aus der Absurditätenkammer der Architektur zusammentreffen. "Ich bin ein Stadtstreicher", sagt sie von sich selbst und meint damit ihre unermüdliche Suche nach Motiven. So hat sie ganze Serien von brutalistischen Betonhäusern fotografiert.Bei einem dieser Streifzüge entdeckte sie ein merkwürdiges Ensemble, das in Berlin noch kaum bekannt ist. Zur Gottschedstraße erhebt sich ein Betonturm mit spitzen Kanten, exzentrisch ineinander verschränkten Baukörpern, auskragenden Fensterkästen und anderen eigenwilligen Details. Es ist das Gelände der Druckmaschinenfabrik Rotaprint, die hier seit 1904 ansässig war und zu einem führenden Hersteller von Kleinoffset-Druckmaschinen heranwuchs. Im Wirtschaftswunder wollte das wiedererstarkte Unternehmen 1958 ein architektonisches Zeichen des Optimismus und des Zukunftsglaubens setzen und beauftragte den Berliner Architekten Klaus Kirsten mit der Neubebauung des im Krieg verwüsteten Areals, wobei die unversehrten Produktionshallen der Gründerzeit integriert wurden.Zur Straße hin setzte Kirsten den expressiven Direktionsturm, den die Anwohner bald "Bunker" tauften (Bild oben). In der Achse des Hofs baute er einen lichten Zweistöcker für die Zeichnerbüros. Der spektakulärste Bauteil jedoch ist vom Fabrikhof gar nicht zu sehen: ein Turm für die Maschinenbau-Experimente, der mit seinen exaltiert übereinandergestapelten Blöcken aussieht, als sei er direkt aus einem Science-Fiction-Film der Sixties herbeigesegelt (Bild unten).Wie oft bei experimenteller Architektur aus dieser Zeit war der Turm in traurigem Zustand. Als Brahm und Schliesser sahen, dass er leerstand, ließen sie nicht locker, bis sie das Gebäude vom Bezirk anmieten konnten. Rotaprint war 1989 in Konkurs gegangen, das Areal gehörte seither dem Bezirk, der es aufgrund des Denkmalschutzes, des sozialen Umfelds und erheblicher Altlasten seit 1992 vergeblich zum Verkauf anbot.2001 übernahm es der Liegenschaftsfonds des Senats in seine Verwaltung. Er wurde es ebenfalls nicht los und tat sich auch mit dem Kleingewerbe schwer, das sich hier als Zwischennutzer angesiedelt hatte. Erst seit die Mieten dem niedrigen Wedding-Standard angepasst wurden, ist das Gelände zu über 60 Prozent vermietet. Es ist eine bunte Mischung, wie sie sich jeder Stadtentwickler und jeder Sozialpolitiker wünscht: Rund hundert Menschen arbeiten hier in einem halb mittelständischen, halb alternativen Umfeld verschiedener Nationen. Es gibt eine türkische Metallbaufirma, eine deutsche Tischlerei, eine Dreherei und einen Elektriker, aber auch eine kleine Filmproduktion, ein Zen-Zentrum, den Lernstatt-Verein, wo Ausländer Deutsch lernen, den Landesjugendring, schließlich rund 15 Künstlerateliers. Und Brahm und Schliesser betreiben in ihrem Turm neben ihrer künstlerischen Arbeit mit Freunden die Agentur Soup für Architektur- und Design-Projekte.Das Rotaprint-Gelände ist zu einem Herzstück des Viertels geworden. Der Vandalismus im Hof hat abgenommen, auch wenn die Situation immer noch fragil ist. Alle 40 Mieter leiden unter der unsicheren Zukunft des Areals und den kurzen Mietverträgen. Vor zwei Jahren initiierten Brahm und Schliesser daher den ExRotaprint Verein, mit dem Ziel, den Hof zu pachten oder zu kaufen und in Eigenregie zu bewirtschaften. Unermüdlich sind die beiden seither unterwegs, wurden zu Hausverwaltungsexperten, stiegen in die Schlangengruben der Berliner Politik hinab, entwickelten Machbarkeitsstudien mit Architekten und Immobilienexperten.Bis letzten Sommer sah es so aus, als könnten sie den Rotaprint-Komplex übernehmen. Doch dann wurde bekannt, dass der Liegenschaftsfonds das lästige Grundstück in einem Immobilienpaket aus 45 Objekten an einen ausländischen Investor loswerden will. Dem Liegenschaftsfonds ist das nicht vorzuwerfen, denn er hat den politischen Auftrag, unbrauchbare Landesareale bestmöglich zu Geld zu machen. Hier muss die Politik intervenieren, und sie tut es neuerdings auch. Der ehemalige Kultursenator Thomas Flierl hat sich das Anliegen von ExRotaprint sowie von einem Atelierhaus in der benachbarten Wiesenstraße, das die Künstler dort gemeinsam übernehmen wollten und das nun ebenfalls im Verkaufspaket gelandet ist, auf seine Fahnen geschrieben. Auch Bezirksbürgermeister Christian Hanke sieht die positiven Impulse für das Problemviertel gefährdet und fordert, die beiden Objekte aus dem Paket herauszunehmen.Ephraim Gothe, der neue Baustadtrat von Mitte, intervenierte bereits bei der Finanzverwaltung, die den Liegenschaftsfonds beaufsichtigt. Zudem ermittelte sein Vermessungsamt, dass die bislang angegebenen Grundstückswerte zu hoch seien. Jetzt soll ein unabhängiger Gutachterausschuss klären, auf welche Forderungen sich die kaufwilligen Nutzer überhaupt einstellen müssten. Bis Ende Januar soll über den Immobilien-Deal entschieden werden. Noch hat die Politik die Chance, nach ihren eigenen Maximen zu handeln: Es geht um Gründergeist und um Kultur, aber auch um das Zusammenleben von Deutschen und Ausländern in heiklem Umfeld.------------------------------Foto: Utopie in Beton: Klaus Kirstens Kubenstapelei, erbaut 1958.------------------------------Foto: Daniela Brahm und Les Schliesser vor der alten Rotaprint-Direktion