BERLIN. Sanktionen, davon ist Pawel Chodorkowski überzeugt, würden auch seinem Vater helfen. "Die meisten an dem Verfahren gegen ihn Beteiligten, die Ermittler und Richter, haben Konten im Westen oder ihre Kinder studieren dort. Würde man die Gelder einfrieren oder ihnen die Einreise verweigern, wäre das echt schmerzhaft", sagt der Sohn des einst reichsten Mannes Russlands, Michail Chodorkowski. Der ist im Dezember vergangenen Jahres erneut zu einer Haftstrafe verurteilt worden, nach deren Verbüßung er erst 2017 aus dem Gefängnis käme. Die Anwälte Chodorkowskis haben dagegen Berufung eingelegt über die in den nächsten Wochen entschieden werden muss."Das bringt gar nichts", ist der 25-jährige Sohn überzeugt. Schließlich entscheide gerade jene höhere Instanz über den Einspruch, die das Urteil im Dezember in Wahrheit geschrieben habe. "Richter Danilkin war doch mit dem Vorlesen sichtbar überfordert. Er hat den Urteilstext, den seine Vorgesetzten verfasst haben, während des Lesens zum ersten Mal gesehen", sagt Chodorkowski junior. Eine Gerichtsangestellte habe das kürzlich praktisch in aller Öffentlichkeit bestätigt.Einer von vielenPawel - in seinem dunklen Maßanzug mit der Seidenkrawatte - ist das, was man smart nennt. Einer, der seinen Weg macht. Und dazu gehört, dass er für seinen Vater eintritt: auf Reisen, öffentlichen Veranstaltungen und im Gespräch mit westlichen Politikern. Er hat den Charme des Vaters geerbt und spielt ihn gekonnt aus. Unprätentiös und mit echter Freundlichkeit tritt er seinen Gesprächspartnern entgegen. Immer bemüht, seine Argumente nicht zu emotionalisieren. Er kennt die russischen Gesetze inzwischen gut und weist sachlich und überzeugend nach, wie sie im Chodorkowski-Verfahren verbogen wurden. Allein, seine Forderung nach Sanktionen gegen russische Offizielle scheint eine Mischung aus verzweifelter Weltfremdheit und bitterem Sarkasmus. Noch nie, gibt er zu, sei er damit auf offene Ohren gestoßen. Selbst wenn seine Gegenüber immer wieder einräumten, dass die Prozesse jeder Vorstellung von Rechtsstaatlichkeit Hohn sprächen.Sein Vater Michail war unter den Gestalten aus dem Zwielicht des wilden russischen Kapitalismus der 90-er Jahre diejenige mit dem freundlichsten Gesicht. Aber um in jener Zeit das große Geld zu machen, waren auch ganz andere Qualitäten nötig. Chodorkowski nutzte wie ausnahmslos alle anderen Oligarchen und die meisten Staatsfunktionäre, den rechtlosen Zustand der Jelzin-Jahre, in denen ein paar Leute steinreich werden konnten während alle anderen in Angst um ihr tägliches Auskommen lebten.Es war eine Zeit, in der die Russen zusehen mussten, wie sich ihre Ersparnisse in Luft auflösten und wenige daraus auch noch Profit zogen. Eine Zeit, in der in den Straßen der großen Städte Banden um ihre Pfründe kämpften, während sich Familien wie die Chodorkowskis an der Côte d'Azur in der Sonne aalten und ihre Kinder an sündhaft teure amerikanische Eliteuniversitäten schickten.Russlands Oligarchen sind reich geworden, weil sie schneller als andere die Lücken in den Gesetzen nutzen. Eine Zeit lang gab es mehr Lücken als Gesetze und man nannte es Wirtschaftsliberalismus. Diese Bereicherung kann man dreist und skrupellos nennen, zynisch und unmoralisch auch. Aber illegal war sie damals nicht. In diesen Erinnerungen liegt jedoch der Hauptgrund, warum viele, vielleicht die meisten Russen Chodorkowski nicht als das Opfer von Justizwillkür, sondern als Betrüger und Dieb ansehen, der seine gerechte Strafe erhielt.Pawel, der Sohn von Chodorkowskis erster Frau, hatte gerade in den USA ein Studium begonnen, als sein Vater 2003 verhaftet wurde. Auf dessen Wunsch blieb er dort und arbeitet heute als IT-Manager in New York. "Ich will nicht, dass mich jemand benutzt, um auf meinen Vater Druck auszuüben, ein Schuldeingeständnis abzulegen", begründet Chodorkowski, warum er nicht zurückkehrt. "Das wäre der vollständige Sieg Putins. Darauf wird sich mein Vater niemals einlassen."Wenig OptimismusDenkt Medwedew da vielleicht anders? Immerhin hat der russische Präsident jetzt zugestimmt, dass unabhängige Juristen das zweite Verfahren überprüfen können. Der Sohn ist skeptisch. "Medwedew hat schon viel geredet. Er hat versprochen, gegen den Rechtsnihilismus in Russland anzugehen. Er hat versprochen, die Unabhängigkeit der Gerichte zu stärken und eine Justizreform anzugehen", zählt Chodorkowski auf. "Das alles sind nur Worte, denen noch nie konkretes Handeln folgte."Auch die unabhängige Überprüfung des Urteils, so fürchtet er, werde folgenlos bleiben. Eine Chance bestehe jedoch, wenn sich tatsächlich internationale Rechtsexperten beteiligen. "Dann kann man die Ergebnisse nicht verschweigen und auch nicht einfach ignorieren", sagt Pawel Chodorkowski. Dass diese Untersuchung zugunsten seines Vaters ausfallen wird, davon ist der Sohn natürlich fest überzeugt.------------------------------Hohe Strafen für den OligarchenEine erste Karriere als Komsomolfunktionär hatte Michail Chodorkowski, geboren 1963, bereits hinter sich, als er in der Endphase der Sowjetunion gemeinsam mit Freunden die Menatep-Bank gründete.In dieser Bank waren in den 90er-Jahren Einlagen des staatlichen Pensionsfonds deponiert. Das Geschäftsmodell bestand darin, die galoppierende Inflation auszunutzen. Dafür wurden die Geldbestände von Rubeln und Dollar umgetauscht, um sie wenig später und völlig legal in sehr viel mehr Rubel zurückzutauschen.Das Schlüsseljahr wurde 1995, in dem Jelzins "Kredite für Aktien"-Programm über die Bühne ging. Die Oligarchen stützten den bankrotten russischen Staat, indem sie ihn finanzierten und als Sicherheit Anteile vor allem von Ölfirmen erhielten. Der Staat konnte seine Schulden nicht bedienen, so gelangte Chodorkowski in den Besitz des Ölkonzerns Yukos.In zwei Prozessen wurde Chodorkowski Unterschlagung und Steuerhinterziehung vorgeworfen. 2005 wurde er zu neun Jahren Haft verurteilt. Das zweite Urteil ist noch nicht rechtskräftig.------------------------------"Das Urteil und das gesamte Verfahren zeigen, wie weit Russland von einem Rechtsstaat entfernt ist. Die Macht steht über dem Recht." Amnesty InternationalFoto: Pawel Chodorkowski sieht eine Chance für seinen Vater, wenn internationale Experten das Urteil überprüfen.Foto: Michail Chodorkowski, einst Russlands reichster Mann