In amerikanischen Filmen gehört es zum guten Ton, dass Journalisten ungepflegte Kerle sind, die in ihrem Leben nicht viel auf die Reihe bekommen - außer von Fall zu Fall die ganz große Geschichte. Nehmen wir Steve Lopez. Er arbeitet für die Los Angeles Times, eine der großen Zeitungen in den USA, die aber auch schon bessere Zeiten gesehen hat. Gleich zu Beginn des Films "Der Solist" baut Steve einen kapitalen Fahrradunfall, der ihm eine ordentliche Schramme quer über das Gesicht einträgt. Wenig später rutscht Steve auf seinem eigenen Urin aus und fällt gewissermaßen direkt in das berufliche und persönliche Elend. Tiefer geht es kaum noch, aber in solchen Situationen erweist sich der wahre Profi.Bei einem Denkmal für Ludwig van Beethoven trifft Lopez (Robert Downey Jr.) auf einen Mann, der auf einer Geige mit nur zwei Saiten herumfummelt. Nathaniel Anthony Ayers redet wirres Zeug, wenn es aber um Musik geht, scheint er ganz bei Sinnen. Lopez begreift, dass da gerade ein Talent vor die Hunde geht, ein schizophrener Obdachloser, der sich aber eine einzigartige Liebe zur Musik bewahrt hat. Das ist eine Geschichte, nach der die Leserschaft der Los Angeles Times verlangt: Sie hat den menschlichen "Touch", den es zwischen all den harten und abstrakten Nachrichten braucht, und auch das amerikanische Kino hat eine Vorliebe für Geschichten, die zu Herzen gehen."Der Solist" geht gleich mehrfach zu Herzen, denn hier wird geschickt die Hochkultur mit den Unwägbarkeiten des Schicksals vermittelt. Die Menschen, die in der Disney Hall sitzen, fein angezogen und mit Deodorant unter den Achseln, kommen selten in Berührung mit den Menschen, die auf den Straßen von Los Angeles leben und eher ein wenig streng riechen. "Der Solist" inszeniert diese Berührung, und Steve Lopez reicht dazu die Hand. Er schreibt auf, was er mit Anthony Ayers erlebt, und von diesem Moment an folgt das Drehbuch von Susannah Grant ("Erin Brockovich"), das wiederum auf dem Buch des echten Steve Lopez basiert, einer Kettenreaktion der Herzen.Eine arthritische Dame schickt ihr Cello in die Redaktion, auf dass es an Anthony Ayers weitergegeben werde. Steve Lopez schließt Freundschaft mit dem schwierigen Musikus und gesundet an dieser Beziehung selbst vollkommen. "Der Solist" steht in der Tradition von Hollywood-Hits wie "Rain Man"; im Zentrum steht immer eine Schauspielerleistung, die direkt aufs Virtuose zielt. Jamie Foxx übertreibt es zum Glück nicht hemmungslos, aber auch er kann nicht verhindern, dass Regisseur Joe Wright insgesamt recht dick aufträgt. Ganz so, als müsste der Film selbst wie eine Symphonie von Beethoven sein.Bis heute weiß niemand ganz genau, was im Gehirn von Menschen vorgeht, die an Schizophrenie leiden. Es gibt aber Indizien dafür, dass positive Gefühle sich in den neuronalen Bereichen niederschlagen. Es verwundert deswegen nicht, dass "Der Solist" so viele positive Gefühle wie möglich mitnimmt, am Ende aber immerhin auf die ganz große Nummer verzichtet. Manchmal ist eine große Bekehrung und eine gute Tat auch dann schon perfekt, wenn ein Journalist sich wieder wäscht. Wie etwa Steve Lopez.------------------------------Der Solist USA 2008. 117 Min.,Farbe.