BERLIN, 28. Februar. Vor ein paar Wochen hatte es noch den Anschein, als sei die Zukunft des Schweizers Joseph Blatter an der Spitze des Fußball-Weltverbandes (Fifa) fest zementiert. Doch drei Monate vor dem Fifa-Wahlkongress Ende Mai in Seoul gerät der skandalerprobte Blatter wieder schärfer unter Druck. Auf Drängen von 13 Mitgliedern des Fifa-Exekutivkomitees muss Blatter nächsten Donnerstag in Zürich die Finanzlage seines Verbandes erläutern. Hintergrund ist unter anderem die prekäre Situation des Kirch-Konzerns, der für die Fifa die Fernsehrechte an den Weltmeisterschaften 2002 und 2006 makelt - ein Geschäft in Höhe von 2,8 Milliarden Schweizer Franken. Pünktlich zur Krisensitzung im Fifa-Hauptquartier sieht sich Blatter mit weiterem Ungemach konfrontiert. Erstmals hat ein hoher afrikanischer Fußballfunktionär Geldsummen und andere Details darüber ausgeplaudert, wie Blatter 1998 die Fifa-Präsidentschaftswahl gegen den Schweden Lennart Johansson gewonnen haben soll.Farah Addo (Somalia), Vizepräsident des kontinentalen Verbandes Caf, unterlegte seine Aussagen gegenüber dem Schweizer Fernsehen und der englischen Tageszeitung "Daily Mail" sogar mit Dokumenten. Addo erklärte, dass ihm im Frühjahr 1998, kurz vor dem Fifa-Kongress in Paris, 100 000 Dollar angeboten wurden, um für Joseph Blatter zu stimmen. Diese Offerte erhielt Addo über Mittelsmänner: "Ein Botschafter Somalias in einem der Golfstaaten rief mich an", so Addo, "er sagte: Einer meiner Freunde bietet dir 100 000 Dollar, wenn du dein Votum änderst. Zur Hälfte in bar, zur Hälfte als Äquivalent in Sport-Materialien."Addo lehnte das Angebot ab. Für ihn sollte der Beschluss des Caf-Kongresses gelten, wonach alle 51 afrikanischen Nationalverbände in Paris für Lennart Johansson stimmen wollten. Als Addo später in Paris eintraf, musste er zu seiner großen Überraschung konstatieren, dass er nicht mehr für den Kongress zugelassen war. Statt Addo zählte plötzlich ein Funktionär zur dreiköpfigen somalischen Delegation, der später zugeben sollte, von Blatters Fraktion bestochen worden zu sein.Addo informierte sofort die beiden Fifa-Vizepräsidenten Issa Hayatou (Kamerun) und Lennart Johansson über den unglaublichen Zwischenfall. Gemeinsam setzten sie durch, dass Addo wieder ordnungsgemäß akkreditiert wurde. Addo stimmte schließlich, wie im Kontinentalverband Caf vereinbart, für Johansson.Nach dem WM-Turnier 1998 ging Addo auf Spurensuche. Er forcierte die Einberufung eines außerordentlichen Kongresses des somalischen Verbandes und erwirkte von jenen Funktionären, die ihm in den Rücken gefallen waren, schriftliche Erklärungen. Mohiadin Hassan Ali, Vizepräsident des Verbandes, gab zu Protokoll: "Wir haben Geld genommen, um in Paris für Blatter zu stimmen." Das Geld sei vom einschlägig bekannten Fifa-Exekutivmitglied Mohamed Bin Hammam (Katar) gezahlt worden. Hassan Ali sagte nun der "Daily Mail", Bin Hammam habe auch die Intrige organisiert, Farah Addo vom Fifa-Kongress auszuschließen. Bin Hamman bestritt dies auf Nachfrage.Im Saal Equinoxe hatte sich Blatter am 8. Juni 1998 im ersten Wahlgang gegen den Uefa-Präsidenten Johansson überraschend mit 111:80 Stimmen durchgesetzt. Zwar war dies nicht die geforderte Zweidrittelmehrheit, doch Johansson gab das ungleiche Spiel anschließend auf. "The game is over", brummte er ins Saal-Mikrofon und verzichtete auf eine zweite Wahlrunde.18 gekaufte Stimmen?Addo behauptet, dass von Blatters Wahlkämpfern 18 der 51 afrikanischen Stimmen gekauft worden seien. "Ich habe gesehen, wie im Hotel Meridien die Leute nach Geld angestanden haben. Einige Delegierten sagten mir, sie hätten vor und nach der Wahl jeweils 5 000 Dollar erhalten." Addo sagte auch: "Blatter wusste von der Geschichte." Ohne jene 18 Voten hätte Blatter die Abstimmung verloren - Johansson wäre Fifa-Präsident geworden.Unmittelbar nach der Wahl in Paris hatten Augenzeugen von Geldübergaben im Hotel Meridien berichtet. "Die Wahl wurde in Afrika gewonnen", sagte damals Blatters Tochter Corinne, seine Wahlkampfmanagerin: "Die Afrikaner haben sich nicht an das gehalten, was ihr Konföderationspräsident vorgegeben hat." Caf-Präsident Issa Hayatou erklärte seinerzeit der "Berliner Zeitung", dass plötzlich 20 afrikanische Verbände von Johansson auf Blatter umgeschwenkt seien. Insofern stehen die schweren Anschuldigungen, die Addo nun erhebt, keinesfalls im luftleeren Raum."Achtzehn Afrikaner haben Bestechungsgeld erhalten und für Blatter gestimmt. " Farah Addo, Caf-Vizepräsident