Sie war ein Kind der Gründerzeit und brachte es zu Weltruhm: Die Firma F.W. Müller jr. stellte nicht etwa Glühlampen oder Kanonen her, sondern Nähmaschinen für Kinder. Jungs hatten mit Eisenbahnen oder Säbeln zu spielen, die Mädchen sollten sich auf ihre Rolle als Hausfrau vorbereiten und nähen lernen. So war das im 19. Jahrhundert, als die Industrie im Aufbruch war und sich Arbeitswelt und Privatsphäre voneinander trennten, als der Vater morgens in eine Fabrik oder in ein Kontor ging und die Mutter das Heim putzte.Seit den 80er-Jahren des 19. Jahrhunderts montierte die Firma F.W. Müller an der Cuvrystraße Kindernähmaschinen und wurde später zur größten Kindernähmaschinenfabrik der Welt. Jetzt sind fast 400 solcher Apparate "made in Kreuzberg" zu besichtigen: Das Kreuzberg-Museum an der Adalbertstraße 95a zeigt sie ab Sonnabend. Die Familie Rita und Manfred Koym aus Oranienburg stellt ihre Sammlung zur Verfügung. Musik gibt es auch. Museumschef Martin Düspohl und der Grafiker Pit Mischke hatten dazu eine Idee: Zur Uraufführung kommt ein Konzert für Kindernähmaschinen, das Experimentalmusiker Frieder Butzmann (Keyboard) und Pit Mischke, (E-Gitarre) arrangiert haben.Digitales TackernIn einem Hinterhof an der Oranienstraße 6 studieren sie zurzeit ihr Werk ein. Als Pit Mischke zufällig mit den Oranienburger Sammlern zusammentraf, war er vom Rattern der Nähmaschinen fasziniert. "Irgendwas musste man mit den Geräten machen", sagt er, "weil das ja ein schöner Beat ist." Mischke und Butzmann haben also die Geräusche von 14 Maschinen in Oranienburg digital aufgezeichnet. Dieses hohe und tiefe Tackern sampelten sie, es ist jetzt über die Tasten eines Keyboards abrufbar. Bislang fehlte eigentlich nur noch ein Kinderlied zum Thema Nähen. Die beiden haben es in einem Musikarchiv gefunden. Titel: "Unser Schneider, der heißt Hansel". Am Sonnabend wird Pit Mischke es singen. Zwischen den Strophen dürfen bei der Uraufführung fünf Kinder auf Handzeichen Nähmaschinen bedienen.Butzmanns Studio und Mischkes Atelier liegen in jenem ehemaligen Fabrikhof, in dem einst Konrad Zuse seinen ersten Computer gebaut hat. Von der Industrie, die Kreuzberg einmal groß gemacht hat, blieb die "Kreuzberger Mischung" aus Gewerbe, Ateliers und Wohnen übrig, von der die beiden Künstler heute schwärmen. Tatsächlich kann man die Kreuzberger Geschichte kaum konkreter erleben, als am Sonnabend im Museum: Industriegeschichte und Hausbesetzergeschichte, Nähmaschinen-Exemplare und einen Rückblick auf 20 Jahre Leben und Arbeiten im "Kerngehäuse" - so nennt man das Fabrikgelände heute. Als es mit der Industrie abwärts ging, und als der Senat leer stehende Fabriken und Wohnhäuser abreißen wollte, kamen 1980 die "Instandbesetzer". Die "Müller-Hallen" an der Cuvrystraße 20-23 sind heute ein Zentrum für alternatives Leben und Arbeiten. Heute sind dort Architekten, Künstler und Handwerker zu Hause. Viele von ihnen gehörten damals zu den ersten Besetzern der Fabrik. Aus dieser Zeit stammt auch die Band "Pille-Palle und die Ötter-Pötter", die zur Ausstellungseröffnung ihre eigene Sicht auf die Dinge vermitteln wird.Nachdem die Hausbesetzer die Fabrikhallen eingenommen hatten, bewahrte einer von ihnen die Akten auf, die die Firmenleitung hinterlassen hatte. Daraus konnte die Sammler-Familie Koym die Geschichte der Firma F.W. Müller rekonstruieren. Zwischen 1900 und 1914 produzierte die Firma bis zu 400 000 Kindernähmaschinen, die hauptsächlich in die USA exportiert wurden. Für Jungs stellte sie Laubsägemaschinen und Kindertresore her. Doch mit den Sechzigern kam die Emanzipationswelle. Und Nähmaschinen-Billigimporte aus Fernost machten der Firma das Leben schwer. "Unerklärliche Wut"Das Jahr 1977 war das letzte Jahr der Firma F.W. Müller jr. Damals stellte sie ihr letztes Modell, das zum Teil aus Plastik bestand, vor. Doch die amerikanischen Partner kündigten ihre Verträge, die Firma musste Konkurs anmelden. Trotz der sechs Jahre langen Recherchen kann sich die Sammlerfamilie Koym eines nicht erklären: "Die Arbeitnehmer, die wir noch finden konnten, waren alle sauer auf die Firma." Das Ehepaar hat eine "unerklärliche Wut" festgestellt - "und das offensichtlich heute noch genauso wie vor 23 Jahren." Offenbar hatte sich der letzte Chef mit der Belegschaft zerstritten.Frieder Butzmann und Pit Mischke sehen das Thema weniger ernst. Sie wollen es mit ihrem Konzert für Kindernähmaschinen eher verballhornen, wie sie sagen, und sind entzückt von den antiquierten Bedienungsanleitungen der Geräte, von Worten wie "Doppelsteppstichmaschine Müller 25" oder "oszillierender Kettenstichgreifer". Und während Butzmann sein Keyboard drückt, wird er, begleitet vom Nadeltackern, am Ende des Konzerts sagen: "Auch das letzte Modell kann die Firma vor dem drohenden Konkurs nicht mehr retten ." Dann hat es sich ausgetackert - wie schon vor 23 Jahren.Die erste Kindernähmaschine // 1853 werden die ersten Nähmaschinen aus Amerika präsentiert.Zwischen 1860 und 1890 entstehen in Berlin mehr als 100 kleinere Nähmaschinenfabriken. Die Firma F. W. Müller, die 1868 von dem 26-jährigen Friedrich Wilhelm Müller an der Mariannenstraße 9 gegründet wird, ist eine davon. Die Firma hat zwischendurch ihren Sitz in der Skalitzer Straße 117, der Eisenbahnstraße 11 und der Mariannenstraße 31/32.1888 bringt das Unternehmen F. W. Müller die erste Kindernähmaschine auf den Markt.1893 zieht die Firma auf ein größeres Gelände an der Cuvrystraße. Das Unternehmen kann sich bis 1977 halten. In dem Jahr geht die Firma in Konkurs.1980 ziehen in die Gebäude auf dem Firmengelände Hausbesetzer ein und gründen später den Verein "Kerngehäuse". Mit der langen Nacht der Museen begeht dieser Verein auch sein 20-jähriges Jubiläum.Im Kreuzberg-Museum an der Adalbertstraße 95a wird am Sonnabend um 19 Uhr eine Ausstellung über die Firma eröffnet. Zu sehen sind fast 400 Kindernähmaschinen. Die Ausstellung geht bis zum 5. November und ist mittwochs bis sonntags von 12 bis 18 Uhr geöffnet. Der Eintritt ist frei.KREUZBERG MUSEUM Für die kleine Hausfrau: Jahrhundertwende-Werbung der Firma Müller.BERLINER ZEITUNG/MAX LAUTENSCHLÄGER Vom Rattern der Nähmaschinen fasziniert: Experimentalmusiker Frieder Butzmann (l. ) und Pit Mischke.

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