POTSDAM. Der sowjetische Diktator Stalin reiste verspätet zur zur Potsdamer Konferenz an. Während Amerikaner und Briten schon am 16. Juni 1945 da waren, kam der Sowjetdiktator selbst erst am einen Tag darauf mit seinem Express-Zug aus Moskau im Potsdamer Hauptbahnhof an. Stalin litt unter Flugangst.Der sowjetische Geheimdienst hatte für den Diktator die prachtvolle Villa Herpich als Unterkunft ausgesucht: Ein dunkles, abgelegenes Haus mit Blick über den Griebnitzsee. Als Stalin in der Villa ankam, war das kostbare, großbürgerliche Mobiliar schon aus der Villa geschafft worden. Die Sowjets hatten eigens eine Deponie für die Möbel und Bücher eingerichtet, die die betuchten Bewohner der Villenkolonie zurücklassen mussten. Stalin selbst nächtigte in der Villa in einem Feldbett, wechselte wegen seiner Angst vor Attentaten mehrmals das Zimmer. Bald nach seiner Ankunft gab er ein großes Staatsbankett: "Das war eine Sache, sage ich Euch", schrieb US-Präsident Truman am 23. Juni 1945 an seine Mutter. "Kaviar und Wodka machten den Anfang, Wassermelonen und Champagner bildeten den Abschluss. Und alle fünf Minuten ein Toast."Die Villenkolonie Neubabelsberg, wo auch Truman und Churchill wohnten, war wie Berlin in verschiedene Sektoren geteilt. Die Sektorengrenzen wurden durch Schlagbäume und Staatswappen markiert. Allein die sowjetische Delegation hatte 62 Gebäude als Unterkünfte beschlagnahmt.Stalins Villa mit ihren 15 geräumigen Zimmern war in den Jahren 1910/11 für den reichen Kaufhausinhaber Paul Herpich gebaut worden. Schon der prachtvolle Vordereingang mit massivem Treppenaufgang beeindruckt noch heute - und dies war nur der Dienstboteneingang. Familie Herpich fuhr von hinten an das Haus heran. Niemand sollte sehen, wer das Haus betrat.Architekt der Villa war Alfred Grenander, der auch die Hochbahn durch Berlin-Kreuzberg gebaut hat. Im Haus am Griebnitzsee ließ er eine damals hochmoderne Etagenstaubsaugeranlage einbauen, die durch eine Unterdruckkabine im Keller betrieben wurde - und heute noch funktioniert. Man braucht nur die Düse an die vergoldete Apparatur an der Wand anzuschließen. Nach Herpichs Tod 1923 wohnte dessen Witwe Luise noch bis 1945 in der Villa. Dann musste sie auf Druck der Sowjets gehen.Stalin selbst blieb bis zum 2. August 1945. Bald prangte am Haus eine Tafel, auf der stand: "Josef Wissarionowitsch Stalin, der große Schüler Lenins und Fortsetzer seines Werkes, wohnte und arbeitete in diesem Haus." Nachdem Stalins Nachfolger die Verbrechen des Diktators 1956 öffentlich gemacht hatten, montierten die DDR-Oberen die Tafel wieder ab.Inzwischen war die Filmhochschule in die Villa gezogen. In den 60er-Jahren gingen hier Studenten wie der heutige Polizeiruf-Kommissar Jaecki Schwarz ein und aus. Seit 1961 zogen sich die DDR-Grenzanlagen gleich hinter der Villa am See entlang. Und Mitte der 80er-Jahre nahm ein heute sehr bekannter PDS-Politiker in Stalins einstigem Arbeitszimmer Platz. Lothar Bisky hatte als Rektor der Filmhochschule sein Büro im ersten Stock. "Das war eigentlich meine schönste Zeit", sagt Bisky heute. Der Professor war bei den Studenten beliebt, gewährte gewisse Freiheiten.Nach der Wende erhielt eine betagte Verwandte der Herpichs die Villa zurück. Diese Alleinerbin aus Bremen verkaufte die Villa 1994 an den Verband der Bauindustrie Berlin-Brandenburg - für umgerechnet 3,27 Millionen Euro. Die Bauindustrie hoffte damals auf den Hauptstadt-Boom. "Heute hätten wir das Haus sicher nicht mehr gekauft", sagt Hans-Jörg Trauer, Verwaltungschef des Verbandes. Denn die Baubranche liegt am Boden. Doch vor zehn Jahren investierte man sogar noch einmal rund 1,5 Millionen Euro in die Sanierung des Hauses. Vom Originalmobiliar der denkmalgeschützten Villa ist noch das kostbare Bibliotheksmobiliar, der Kamin im Empfangssaal oder ein Deckenleuchter vorhanden - und die Staubsauberanlage mit dem vergoldeten Abzugsloch. Parkettboden und Seidentapete wurden originalgetreu wieder hergerichtet. Und vor ein paar Jahren wurde in der Stalin-Villa sogar ein Film gedreht - "Schloss Gripsholm" mit Heike Makatsch. War leider ein Flop.Weitere Orte der Potsdamer Konferenz stellen wir in den nächsten Tagen vor.------------------------------Karte: Wohnorte der drei Mächtigen // Potsdamer Konferenz: Vom 17. Juli bis zum 2. August 1945 trafen sich US-Präsident Truman, der sowjetische Diktator Stalin und die britischen Premiers Churchill und Attlee in Potsdam.Stalin: Der sowjetische Herrscher wollte vor allem die sowjetische Herrschaft über Ostmitteleuropa absichern und hohe deutsche Reparationsleistungen erhalten.------------------------------Foto: Die mächtige Villa am Griebnitzsee hat einen prächtigen Garten. In dem Haus wohnte einst Stalin, heute sitzt dort der Regionalverband der Bauindustrie.