Was rechte Gewalt und Fremdenfeindlichkeit betrifft, gehört die Region Velten zu den Problemregionen in Brandenburg. Der Sozialarbeiter Ralf Bartsch (36) hat sich dort vier Jahre lang mit dem harten Kern der rechten Szene beschäftigt. Er hat mit Jugendlichen an einem Jugendwohnhaus gebaut und dann die dort entstandene Wohngemeinschaft betreut. Sein Projekt war Bestandteil des Aktionsprogramms gegen Aggression und rechte Gewalt (AGAG) in Ostdeutschland. Mit Susanne Lenz sprach er über seine Arbeit.Berliner Zeitung: In Velten gibt es eine große rechte Jugendszene. Gibt es dafür eine Erklärung?Ralf Bartsch: Wenn man in der Veltener Jugendszene etwas gelten und öffentlich wirken will, muß man rechts sein. Links sein ist für Jugendliche hier kaum drin. Warum ist das so?Es fehlt in Velten an Alternativen, an andern Jugendszenen; es ist daher relativ bequem, diesen kleinen Schritt nach rechts zu tun. Dann steht man nicht draußen, dann gehört man dazu. Wenn sie auf der Straße den Skin raushängen, ist das schon o.k., es ist ja sowieso keiner anders. Außerdem orientieren sich die Jugendlichen an dem, was Konsens in der Familie ist. Fremdenfeindlichkeit durchzieht unsere Gesellschaft. Die Jugendlichen äußern sie nur öffentlicher und brutaler als viele Erwachsene. Dann ist Sozialarbeit im Grunde nur Symptombekämpfung.Die Sozialarbeit ist keine Patentlösung für Fremdenfeindlichkeit. Sie ist gefordert, mit Jugendlichen zu arbeiten, die sich fremdenfeindlich äußern oder reagieren. Da gibt es Chancen, die man nutzen sollte, indem man mit einzelnen Jugendlichen eine Alternative zu ihrem Denken und Verhalten entwickelt. Aber die Jugendlichen sind nur ein Teil des Problems.Was bedeutet es, wenn ein Jugendlicher sich als rechts bezeichnet? Die Jugendlichen, die ich kennengelernt habe, haben sich Versatzstücke nationalistischer Ideologie angeeignet. Die einen mögen mehr Hitler, viele eher Heß. Sie sprechen von deutscher Kultur, Deutschland. Man hat etwas gegen Fremde, man hat etwas gegen Europa und etwas gegen Amerika. Aber es steht kein eindeutiges theoretisches Konzept dahinter.Hat denn Rechtssein etwas mit Mangel an Perspektiven zu tun?Es gibt die große Angst, ins Leere zu laufen. Den Erwartungen nicht zu entsprechen, das mit dem Beruf, der Ausbildung nicht hinzukriegen. Die Jugendlichen schielen dabei politisch nach allen Seiten. Dabei läßt man sie allein, die Lehrer genauso wie die Eltern. Da verwundert es nicht, wenn die Jugendlichen mit ihrer Hilflosigkeit im Kopf nach Konzepten schauen, die scheinbar funktionieren, die einfach und griffig sind. Die sagen: Arbeitslosigkeit ist ein großes Problem, aber wir haben ja auch zu viele Ausländer, wir können gar keine Arbeit finden. Die müssen also erst mal raus. Es kommt oft vor, daß Jugendliche sich über so ein einfaches Denkmodell aus ihrer Perspektivlosigkeit heraushelfen. Es heißt oft, daß sich das Skinhead-Problem mit dem Alter erledigt. Daß die Leute mit Anfang, Mitte 20 an eine eigene Familie denken, und sich das Radikalsein für sie erledigt hat. Mit 25 Jahren haue ich vielleicht in einer Auseinandersetzung jemandem nicht mehr so schnell aufs Maul wie mit 17. Da habe ich gelernt, daß so etwas Konsequenzen hat. Aber wenn ein junger Mensch eine rechte Orientierung einmal für sich akzeptiert hat, und er sich nie damit auseinandersetzen muß, nie damit konfrontiert wird, sondern das so glatt durchgeht, dann besteht die Gefahr, daß sich so jemand später politisch eher rechts orientiert. Auch wenn er äußerlich nicht mehr der martialische Skinhead ist. Das Problem erledigt sich nicht von selbst.Haben Sie mit den Jugendlichen über ihre rechte Einstellung geredet?Das ergab sich meistens aus der Situation. Es gab oft entwürdigende Dinge zwischen den Jugendlichen. Sie haben einander erniedrigt oder geschlagen. Es gab auch immer wieder ausländerfeindliche Äußerungen. Darauf habe ich dann reagiert, verletzt oder betroffen. Und da wir eine persönliche Beziehung hatten, war mein Standpunkt ihnen nicht egal. Deshalb war eine Einflußnahme möglich. Würden Sie Ihre Arbeit als erfolgreich bezeichnen?Das ist immer so ein Problem mit dem Erfolg, ich habe das als Riesendruck empfunden. Man kriegt so viel Geld, die Minister kommen und gucken. Ich kann aber nicht mit der Erwartung an die Jugendlichen herantreten, daß sie möglichst schnell keine Glatzen mehr sein sollen und ein anderes Leben für sich hinkriegen. Wenn ich mit zehn, fünfzehn Jugendlichen arbeite und am Ende bei vier oder fünf das Gefühl habe, daß sie selbständig leben können, wieder Perspektiven haben und sich verantwortlich für sich und andere fühlen, dann ist das auch gut. Das habe ich akzeptieren gelernt. Man hat nicht die Kraft für alle und jeden. Sie haben vier Jahre lang kontinuierlich mit Jugendlichen gearbeitet. Was für Menschen waren das, als das Projekt zu Ende war? Auf keinen Fall Glatzen. Es waren junge Leute, die in der Lage waren, eine Wohnung zu mieten, für sich zu Sorgen, die wußten, daß sie das Leben nicht nur streicheln wird, die aber auch wissen, daß ewig weglaufen keinen Sinn hat.Leute, die immer noch einen Schwarzen in der S-Bahn anpöbeln würden?Es wäre vermessen zu sagen, daß so etwas nicht wieder eintritt. Dafür kann ich keine Garantie geben. Aber es sind Jugendliche, die ihre Perspektive nicht mehr an der rechten Zukunft Deutschlands festmachen, sondern an dem, was sie selber können. +++