Mit der Exzellenzinitiative wird seit 2005 versucht, die deutsche Forschung international konkurrenzfähig zu machen. In zwei Ausschreibungsrunden vergeben die Deutsche Forschungs-Gemeinschaft und der Wissenschaftsrat 1,9 Milliarden Euro aus Bundes- und Ländermitteln an Forschungsverbünde, Doktorandenschulen und Eliteuniversitäten. In der ersten Runde wurden die beiden Münchner und die Karlsruher Universität zur Elite gekürt. Die drei Berliner Unis mussten sich mit je einer Doktorandenschule begnügen. Fast erwartungsgemäß brach nach Bekanntgabe der Entscheidung heftige öffentliche Kritik am Vergabeverfahren los.Diese Kritik stellt der Bamberger Soziologe Richard Münch nun auf ein solides Fundament. In seiner lesenswerten Studie "Die akademische Elite" evaluiert er die Exzellenzinitiative, vor allem auf Basis frei verfügbarer Statistiken des Bundesforschungsministeriums und der Deutschen Forschungsgemeinschaft sowie selbst zusammengetragener Zahlen zu den Publikationen und Zitationen unterschiedlicher Bewerber(gruppen).Münch untersucht, wie in der Exzellenzinitiative über wissenschaftliche Qualität entschieden wird und welche Folgen dies für die deutsche Wissenschaft hat. Er zeigt, dass die tatsächliche Förderpraxis wenig mit der "Rhetorik der Exzellenz" gemein hat. Fatal sei, dass nicht mehr die Leistung einzelner Wissenschaftler beurteilt, sondern über Großanträge entschieden werde. Denn bei deren Beurteilung seien einige Universitäten und Fächer im Vorteil.So profitieren große und bekannte Universitäten, etwa in Landeshauptstädten, überdurchschnittlich von der Konzentration der Gelder. Erstens seien sie gut organisiert und hätten es auf Grund der Zahl ihrer Mitarbeiter leichter, interne Forschungsverbünde und damit Förderanträge zu organisieren. Zweitens würden sie oft gezielt politisch gefördert. Drittens entschieden Bewilligungsausschüsse auch nach Standortreputation, gerade weil bei disziplinär unterschiedlichen Großanträgen ein fachlicher Vergleich kaum möglich sei. Und viertens seien große Universitäten in den Vergabeausschüssen überrepräsentiert. Letztlich setzten sich im Exzellenzwettbewerb somit nicht exzellente, sondern mächtige, gut vernetzte oder ganz einfach große Universitäten durch.Unfair gehe es aber nicht nur zwischen den Universitäten zu, sondern auch zwischen den Fächern: Die Naturwissenschaften profitierten stärker als Sozial- und Geisteswissenschaften, denen zunehmend eine "Dienerrolle" zugewiesen werde. Schon im normalen Förderverfahren finanziert die DFG zu 85 Prozent Naturwissenschaftler. In der ersten Runde der Exzellenzinitiative waren es nahezu 95 Prozent.Das Ergebnis, so Münch, sind räumliche und fachliche Monopole in der deutschen Forschungslandschaft, die nicht auf Basis exzellenter Forschung entstünden. Diese Monopole würden noch verstärkt durch die Methoden der Evaluation. Dazu zähle das "Regime der Drittmittel": Dass große Universitäten mehr Forschungsmittel einwerben, wird oft noch zusätzlich belohnt. Denn Drittmittel zählen in vielen Universitätsrankings - und auch bei der Berechnung von Leistungsmitteln an Berliner Universitäten - per se als Ausweis von Exzellenz.Dabei ist egal, ob aus diesen Mitteln tatsächlich neues Wissen und wissenschaftliche Publikationen entstehen. Pikanterweise kann Münch aber zeigen, dass eingeworbene Drittmittel und die Zahl wissenschaftlicher Publikationen nicht immer zusammenhängen. Schlimmer noch, in einigen Fächern gebe es sogar eine negative Korrelation: Je mehr Mittel in diese Fächer fließt, desto geringer ist der Output! Es sei daher dringend notwendig, so Münch, künftig Publikationen und andere Maße für wissenschaftlichen Output einzubeziehen.Und noch ein Messfehler befördert die Monopolisierung an großen Standorten. Münch nennt ihn das "Regime der absoluten Zahlen": Leistung werde oft an der Gesamtmenge von Drittmitteln, Veröffentlichungen usw. gemessen - ohne Rücksicht darauf, wie viele Personen diese Leistung produziert haben. Die Zweck-Mittel-Relationen sei aber gerade an kleinen Universitäten oft besser.Die auf diese Weise entstandenen Monopole mindern nachhaltig die wissenschaftliche Vielfalt und Kreativität in Deutschland, so Münchs Fazit. Damit wird genau das Gegenteil dessen bewirkt, was die Exzellenzinitiative eigentlich bezweckte - nämlich die Konkurrenzfähigkeit der deutschen Wissenschaft zu steigern. Münch fordert mehr wissenschaftlichen Wettbewerb; durch gezielte Wissenschaftsfinanzierung und Nachwuchsförderung müsse man Monopolbildung aktiv verhindern. Denkbar sei auch ein wissenschaftliches Kartellamt, das die Vielfalt innerhalb von Disziplinen überwache, oder die rotierende Besetzung hoher Positionen in den finanzierenden Institutionen.Münchs Kritik ist profund und plausibel. Wenn er Recht behält, dann können sich die Berliner Universitäten künftig auf weitere Mittel aus der Exzellenzinitiative freuen. Denn dann dürfte die Bundeshauptstadt als attraktiver Großstandort in der zweiten Förderrunde, über die am 19. Oktober entschieden wird, schwer zu übergehen sein. Dass dies auf Basis eines derart fragwürdigen Verfahrens geschieht, sollte die Vorfreude jedoch trüben.------------------------------Foto: Als exzellent gilt eine Universität nur, wenn sie groß genug ist, kritisiert Münch. Das lässt ja für Berlin hoffen. Hier ein HU-Hörsaal der Charité.------------------------------Foto: Richard Münch: Die akademische Elite. Zur sozialen Konstruktion wissenschaftlicher Exzellenz. Suhrkamp, Frankfurt am Main 2007. 475 S., 15 Euro.

Lesen oder hören Sie doch weiter.

Erhalten Sie unbegrenzten Zugang zu allen B+ Artikeln der Berliner Zeitung inkl. Audio.

1 Monat kostenlos.

Danach 9,99 € im Monatsabo.

Jederzeit im Testzeitraum kündbar.

1 Monat kostenlos testen

Sie haben bereits ein Abo? Melden Sie sich an.

Doch lieber Print? Hier geht’s zum Abo Shop.