Der spanische Flamenco-Star Joaquin Cortes im ICC: Ich, ich, ich sagt jede Bewegung

Das Dunkel kommt, und die Musik hebt an. Perkussionstöne treffen das Trommelfell der Zuschauer, als wären sie von uralten und sehr lauten Kassettenspielern ausgesandt worden. Eine Querflöte macht mit. Der Vorhang gibt die Bühne frei. Zwischen vielen Kerzenblumenkübeln sitzen viele Musiker und spielen. Die drei Trommler grooven lang und wichtig mit den Ellenbogen. Ein wilder Flötentriller, ein Lichtkegel. Dann schreitet er mitten durch die Reihen seiner Zuschauer. Seine Brust ist nackt, sein Rock ist schwarz. Über all dem Geradeausschauen übersieht er eine Stufe. Er stolpert, fängt sich aber noch. Er erreicht die Bühne, räkelt ein paar Tanzschritte, Applaus und Rufe heißen ihn willkommen.Wie gut, daß Joaquin Cortes von seiner gut trainierten Compagnie begleitet wird. Ein Dutzend Frauen mit glänzenden Zöpfen streuen sich über die Bühne. Die roten Bodies, die schwarzen Beinkleider und Blazer sind Festlichter der Eleganz, vermitteln eine Ahnung von Mailand, doch schon fliegen die Blazer auf die Seite, die Kastagnetten reißen die Armpaare empor. Frauenliebe scheint durch manche Paarfiguren, dann kommt die breite Frontlinie langsam nach vorn, vibrierend oder in schnellen, ausgreifenden Schritten. Es ist ein Augenschmaus.Die Stille kehrt zurück, die Dunkelheit auch. Cortes steht im blauen Lichtkegel und fängt zu klatschen an. Trommelt mit Füßen. Kreuzt die Hände vor dem Gesicht, durchfegt den Bühnenraum, dreht sich im Sprung zweifach um sich selbst und stöhnt dazu. Wer ist Joaquin Cortes? Er ist ein Tänzer. Er ist ein Größenwahnsinniger. Leider ist sein Wahnsinn wahrhaft unermeßlich und legt sich schwer und mordend auf sein tänzerisches Können. Ich, ich, ich, sagt jede der Bewegungen. Und dabei ist er so langweilig. Das Publikum hat den großen Saal im ICC nur halb gefüllt, doch es jubelt Cortes zu und erwartet den Abschluß eines Auftritts ständig zu früh zu.Der einzige Moment in diesem zweistündigen Nummernmarathon, der immer neue, wunderschöne Armani-Kleider vorführt, doch ohne jeden Spannungsbogen, ohne Entwicklung, fast ohne Suggestionskraft, bleibt der einzige Moment, der wirklich hemmungslose Begeisterung entfacht, das ist der Auftritt von Cristobal Reyes. Er hat nur diesen einen. Er beginnt ganz ruhig. Er ist ein unscheinbares kleines Männchen. Man denkt gerade, was ist das nun wieder. Dann tanzt er, als komme von irgendwoher ein Stier herein, oder ein grauenvoll gehaßter Feind. Reyes tanzt ganz allein. Man hört die Trommel und die Fußarbeit. Den eigenen Atem nicht, der ist vergessen. Nicht auszudenken, wenn der ganze Abend so gewesen wäre. +++