Als der französische Regisseur Claude Miller den Roman "Ein Geheimnis" des Psychoanalytikers Philippe Grimbert las, war ihm sofort klar, dass er die Vorlage für seinen nächsten Film bilden sollte. Es geht hier um ein französisch-jüdisches Drama, zehn Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg: Der siebenjährige François, dessen Eltern erfolgreiche Spitzensportler sind, flüchtet sich immer wieder zu seinem imaginären großen Bruder sowie seiner jüdischen Nachbarin Louise. Die vertraut ihm später ein Geheimnis an. François erfährt von seiner eigenen jüdischen Herkunft und der Flucht seiner Eltern vor den Nazis.Monsieur Grimbert, Ihr Roman hat einen sehr filmischen Rhythmus. Haben Sie beim Schreiben insgeheim schon an eine Kinoadaption gedacht?PHILIPPE GRIMBERT: Seltsamerweise nie. Aber Sie haben recht, das Kino war bei meiner Arbeit sehr gegenwärtig - sie ähnelte der Montage. Ich habe viele Passagen immer wieder an eine andere Stelle versetzt. Es gab auch einige Szenen, die ich wie auf einer Leinwand vor mir sah, zum Beispiel die Verhaftung der Jüdin Hannah ...... die im Film ganz anders ist! In Ihrem Roman wird sie von Deutschen verhaftet.GRIMBERT: Ein Film hat eine andere Logik. Das war einer der Momente, wo ich glücklich war, dass Claude meinem Buch untreu geworden ist, denn historisch ist es viel stimmiger, dass Hannah von französischen Gendarmen verhaftet wird.CLAUDE MILLER: Ich wurde 1942 geboren, habe also keine eigene Erinnerung an die Zeit. Aber aus Erzählungen weiß ich, dass viele Franzosen während der Besatzung kaum mit den Deutschen zu tun hatten. Auf dem Land waren die viel weniger präsent als in den großen Städten. Für die Bevölkerung der Provinz wurden die Besatzer, wurde das kollaborierende Vichy-Regime von französischen Gendarmen repräsentiert.GRIMBERT. Die Filmszene ist viel stärker als die im Roman, weil die Gendarmen mit dem Wirt bekannt sind, in dessen Gasthof sie Hannah verhaften. Während der Okkupation wurden ja plötzlich die Nachbarn zu Verfolgern.Hat der filmische Rhythmus die Adaption des Romans vereinfacht?MILLER: Nein. Die einzige Chance, dem Buch gerecht zu werden, war, dem Strom der Emotionen zu folgen. Seine Struktur ist so anarchisch wie der Fluss der Erinnerungen.Im Roman gibt es keine Dialoge. Bedeutete das für den Film eine Hürde, oder eröffnete es einen Freiraum?MILLER: Da musste ich mir natürlich Freiheiten nehmen. Für viele Dialoge habe ich mich an das erinnert, was in meiner eigenen Familie nach dem Krieg über diese Zeit gesagt wurde.GRIMBERT: Das war für mich eine merkwürdige Erfahrung: Meine Figuren lösten sich von mir.MILLER: Es ist immer heikel, das Werk eines lebenden Autors zu verfilmen, auch wenn man sich seiner Sensibilität nahe fühlt. Als die Hälfte des Drehbuchs fertig war, sagte meine Co-Autorin Natalie Carter: Wenn es ihm nicht gefällt, können wir den Film nicht machen. Denn Philippes Buch ist eminent autobiografisch - das erfordert zusätzlichen Respekt.Monsieur Miller, Sie müssen sich Philippe Grimbert sehr nahe gefühlt haben, denn sein Roman versammelt Themen, die es schon in Ihren früheren Filmen gibt, etwa die Doubles, die sich Ihre Figuren oft erfinden.MILLER: Unsere Lebenswege sind zwar unterschiedlich verlaufen, aber ich hatte das Gefühl einer schicksalhaften Verbindung. In meiner Familie gab es kein Geheimnis wie in der von Philippe. Aber mein Vater ähnelte Maxime, seinem Vater: Auch er war ein sehr körperbetonter Mensch und setzte sich bewusst vom Bild des vergeistigten Juden ab. Er hat seine Herkunft verdrängt. Meine Eltern schärften mir ein, ich solle niemandem sagen, dass ich Jude bin.GRIMBERT: Ich glaube, das gilt für die ganze Generation, die das Trauma nicht verwinden konnte, den gelben Stern tragen zu müssen.Buch und Film brechen nachdrücklich mit dem Bild jüdischer Opfer im französischen Kino. Dort sind Juden meist mustergültige Bildungsbürger, die assimiliert sind.GRIMBERT: Es gibt diese Tendenz, Juden stets als tadellos zu zeigen. Aber hier geht es um Menschen, die mit ihrer Herkunft hadern. Es ist ungeheuer zwiespältig, dass François' Vater einem Körperideal nacheifert, das dem der Nationalsozialisten gleicht. Das ist nicht leicht auszuhalten für einen Juden. Ich habe mich beim Schreiben gefragt, ob dieser Körperkult nicht auch ein Mittel ist, die Berge toter Körper zu verdrängen, die sich in den KZs türmen. Zugleich wollte ich eine Geschichte um Begehren und Schuld erzählen; ich wollte Leidenschaften zeigen, die man den Opfern sonst nicht zugesteht, die Lüge, den Verrat .MILLER: . und die Sexualität in all ihren Aspekten. In der Literatur werden Juden meist als asexuelle Figuren dargestellt. Ich denke, die Sexualität bringt einem die Figur näher und lässt die Shoah noch abscheulicher erscheinen.Die Bildsprache dieses Films bricht ein weiteres Tabu: Die Besatzer- Epoche wird hier als Idylle gezeigt.GRIMBERT: Claude hatte dafür eine Formel, die mir sehr gefiel: "Der Natur ist es egal."MILLER: Wir haben uns bewusst von der üblichen Ikonographie entfernt. Die Erinnerungen des Jungen François sind wie ein Filter, durch den das Leben seiner Eltern idealisiert wird. Und die Ereignisse spielen im Sommer, und der blieb auch in dieser dunklen Zeit ein Sommer.GRIMBERT: Dieses Drama in kaltes Winterlicht zu tauchen oder das Verhängnis mit Gewitterwolken anzukündigen, wäre ein simpler Pleonasmus. Ich bin überzeugt, dass in Auschwitz die Vögel nicht aufgehört haben zu zwitschern.MILLER: Meine Eltern haben sich damals im Süden Frankreichs versteckt. Meine Mutter sagte immer, auch dort habe sie Angst und Schrecken empfunden. Für meinen Vater hingegen war dies eine wunderbare Zeit. Der Schrecken und die Beschaulichkeit der Natur lagen also ganz nah beieinander. Deshalb habe ich die Verhaftung Hannahs auch als Außenszene gedreht. Diese Dinge fanden am hellen Tag, im Garten der Nachbarn, statt. Das macht die Alltäglichkeit des Grauens noch eindringlicher.Das Gespräch führte Gerhard Midding.------------------------------Ein Geheimnis(Un Secret) Frankr./Dtl. 2007. 105 Minuten, Farbe. FSK ab 12.Regie: Claude MillerDrehbuch: Claude Miller, Natalie Carter, nach der Romanvorlage von Philippe GrimbertKamera: Gérard de BattistaDarsteller: Patrick Bruel, Cécile De France, Ludivine Sagnier u.a.Ab morgen im Kino.------------------------------Foto: Der Regisseur: Claude Miller.------------------------------Foto: Der Romanautor: Philippe Grimbert.------------------------------Foto: Noch ist die Familie vereint: Vater Maxime (Patrick Bruel), Mutter Hannah (Ludivine Sagnier) und Sohn Simon.