Herr Schneider, ich gestehe, ich habe Ihr erstes Buch über das Glück, was 1978 erschienen ist, nicht gelesen.Das lohnt sich auch nicht. Es ist ein wesentlicher Anstoß hinzugekommen, ein neues Buch zu schreiben, das Sie lesen sollten.Hab ich doch. Aber welchen Anstoß meinen Sie?Die Inflation der Glücksratgeber. Mein altes Buch krankte daran, dass Glück noch kein richtiges Thema war, und es war kolossal theorielastig. Ich habe es nun als Steinbruch verwendet, um in den philosophischen und historischen Kapiteln herumzuwühlen: Was hat eigentlich Karl Marx gelehrt und wie hängt das mit Hutcheson zusammen und so weiter. Alles andere ist neu, insbesondere die Würdigung der aktuellen Glücksratgeber, und überhaupt ein mehr auf Beratung angelegter Ansatz. Mit der klaren Dreiteilung: Was man wirklich empfehlen kann, was strittig ist und was sowieso nicht mit ja oder nein zu beantworten ist - wie die Ehe. Das scheint nun der richtige Ansatz zu sein, es läuft ja ganz gut.Aber nicht so gut wie Dale Carnegies "Sorge dich nicht, lebe!" oder Werner Tiki Küstenmachers Bücher à la: Simplify your life!.Sicher nicht.War vielleicht auch ein bisschen Neid der Anstoß, ein weiteres Glücksbuch zu schreiben?Gar nicht. Ich habe ein polemisches Temperament. Das Buch ist zu einem Drittel die Verspottung der klassischen Glücksphilosophie und zu einem Drittel die Verspottung der heutigen Ratgeber. Ich wollte weder Aristoteles noch Kant noch Werner Tiki Küstenmacher übertreffen. Sondern ich wollte sie alle nur angemessen ohrfeigen. Das restliche Drittel ist mein Versuch, etwas Ordnung in die Systeme zu bringen und einige vorsichtige Ratschläge zu resümieren. Wenn ein seriöses Buch von einem Genre, das ich mir zutraue, riesig verkauft würde und meines nicht, wäre ich vielleicht neidisch. Aber auf diese Ratgeber? Ich bitte Sie, die sind doch wie die Bild-Zeitung.An einer Stelle schreiben Sie: "Es ist zum Speien, wie Christen und Atheisten, Kapitalisten und Kommunisten uns gleichermaßen mit der Religion der Arbeit in den Ohren liegen". Doch lautet Ihre erste Regel zum Glücklichsein: Tu was!Sie heißt nicht: Renn in die Fabrik!, sondern: Sei aktiv! Der Extremfall des Tu was! bedeutet, den Keller aufzuräumen, wenn dich das Schicksal gebeutelt hat. Nicht die Hände in den Schoß zu legen, das ist der Rat. Dagegen steht die Religion der Arbeit, dieses "Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen" von Paulus bis Stalin, das finde ich grauenvoll.Wenn aber das schon zum Speien ist, war da nicht die Lektüre der Ratgeberbücher noch übler für Sie?Nein, ich habe mich frühzeitig amüsiert. Und ich finde, das sind keine vergleichbaren Kategorien. Wenn uns einerseits die Bibel und andererseits Stalin erklären, wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen, dann kann man sich darüber aufregen. Wenn aber einer dieser modischen Ratgeber sagt, man soll nicht mehr Geld ausgeben, als man hat, dann kann man sich nicht aufregen. Das ist einfach was zum Lachen.Braucht man Lebenserfahrung, um über Glück und Unglück reden zu können?Das ist sicherlich kein Fehler. Um über Glück oder Unglück in der Ehe oder das Glück des Kinderhabens schreiben zu können, braucht man Lebenserfahrung. Mein Kapitel über die Kinder setzt wohl voraus, dass ich Kinder habe. Auch den Segen der Arbeit habe ich an mir selber erfahren, als ich von Springer sozusagen über Nacht auf die Straße gesetzt wurde und am selben Abend anfing mit meinem Buch "Wörter machen Leute". Am selben Abend! Also: Reck den Kopf aus der Scheiße und tu was! Im übrigen ist leicht ersichtlich, dass man nicht viel Lebenserfahrung braucht, um die Mehrzahl der Ratgeber zu widerlegen. Und auch nicht, um ein bisschen empört zu sein, wenn das Glück bei Kant nur in erfüllter Pflicht bestehen darf. Die Erde ist voll von Aposteln, die meinen, nur wenn du dieses und jenes tust, darfst du überhaupt wagen, dich glücklich zu nennen. Das sind meine erklärten Feinde.Ist Unglück ein stärkeres Gefühl als Glück?Ja, es gibt Unglücke, im extremsten Fall das der Folter oder des Mitansehen-Müssens, wie die eigene Familie untergeht, die stärker sind als irgendein Glück je sein kann. Die Welt ist nicht im Gleichgewicht. Das steht schon bei Schopenhauer: Der kleine Fisch, der vom großen Fisch verschlungen wird, leidet viel mehr, als der große Fisch sich beim Fressen freut. Der schmatzt nur.Denken die Menschen über Glück erst nach, wenn sie einen gewissen Wohlstand erreicht haben?Zum Nachdenken über das Glück gehört in jedem Fall, dass man viel Zeit hat. Ein indischer Bauer mit sieben Kindern denkt darüber nicht nach. Unsere Ahnen hatten meistens keine Zeit, übers Glück nachzudenken. Das, was allenfalls übrig war, nahm ihnen die Kirche ab mit schrecklichen Höllendrohungen oder herrlichen Glücksverheißungen.Obwohl unsere Ahnen nicht immer unglücklich gelebt haben.Die Androhung der Hölle für die Christen war ohne Zweifel eine grauenvolle Form seelischer Folter. Die ganze Tendenz, sich nach seinem Glück zu fragen und es ausdrücklich anzustreben, ist eine Luxuserscheinung von Leuten, die mit Arbeit, mit Kindern, mit Plagen nicht bis über beide Ohren voll gestopft sind. Die Mehrheit der Menschheit kann das bis heute nicht.Nun muss ich natürlich noch fragen, ob Sie selbst glücklich sind.Wenn wir die von mir angebotene Dreiteilung nehmen, ja. Ich meine hier die Unterscheidung zwischen dem kleinen Glück, also dem glücklichen Moment, dem großen Glück, also dem Jubel oder Freudentaumel. Und dann ist da noch die lange Zufriedenheit - ein steter Unterstrom von Genugtuung. Diese dritte Variante nehme ich für mich in Anspruch. Ich habe das Gefühl, vom lieben Gott ganz gut behandelt worden zu sein. Dass ich jetzt hauptberuflich genau das tue, was mir Spaß macht und wonach eine ganze Branche fragt, ist schon ein schönes Gefühl. Ich hatte noch nie so viele Aufträge wie in diesem Jahr.Interview: Cornelia Geißler------------------------------Qualität kommt von QualEtliche Autoren beschäftigen sich mit dem Thema Glück. Manche - wie Dale Carnegie und Werner Tiki Küstenmacher - stehen mit ihren Ratschlägen jahrelang auf den Bestsellerlisten; andere - wie Pierre Franckh und Eva-Maria Zurhorst - monatelang. Wolf Schneider hat sie gelesen und deren Hinweise auf Brauchbarkeit geprüft. Polemisch und humorvoll setzt er ihnen seine Thesen entgegen.Glück! Eine etwas andere Gebrauchsanweisung ist im Rowohlt Verlag Reinbek erschienen (304 S., 19,90 Euro). Es ist Wolf Schneiders 26. Buch.Wolf Schneider leitete von 1978 bis 1995 die Henri-Nannen-Schule in Hamburg und lehrte die angehenden Journalisten, die höchsten Maßstäbe an die eigenen Texte zu legen. "Qualität kommt von Qual" war dort einer seiner Leitsprüche.Im nächsten Buch widmet Schneider sich wieder der Sprache. "Speak German! Warum Deutsch manchmal besser ist" erscheint im Januar.------------------------------Foto : Wolf Schneider, 82, der Journalist und Journalistenlehrer wurde durch seine Bücher zur deutschen Sprache berühmt.