Auf insgesamt 143 Kilometern durchqueren heute die Tunnel der U-Bahn den Berliner Boden. Vor genau hundert Jahren wurde dazu eine wichtige Voraussetzung geschaffen: der erste Tunnel wurde unter der Spree gebaut, allerdings für eine Straßenbahn. Am 18. Dezember 1899 fuhr die erste Bahn von Alt Stralau nach Treptow. Doch nur wenig erinnert heute an die damalige technische Sensation. Das 1891 von AEG entwickelte Konzept der Tunnelbahn war zunächst umstritten. Der Schwemmsandboden schien den Bauexperten des Magistrats nicht geeignet. Die "Gesellschaft zum Bau von Untergrundbahnen", gegründet von der AEG, der Deutschen Bank und der Baufirma Philipp Holzmann, lieferte mit dem als Probetunnel genehmigten Bauwerk ab 1895 den Gegenbeweis. Ende der Bahn nach 30 JahrenSo riskant wie das Projekt einer Flussuntertunnelung war, so sensationell war auch die Bautechnik: das Schildvortriebsverfahren. Ein Stahlschild, der mit vier Meter Durchmesser der Größe des Tunnels entsprach, wurde hydraulisch in einer Überdruckkammer durch den Spreegrund getrieben. Der ausgebaggerte Raum wurde mit gusseisernen Ringen verkleidet. Die Gewerbeausstellung von 1896 war zunächst als Eröffnungstermin vorgesehen. Doch das Vorhaben verzögerte sich. So konnten die Ausstellungsbesucher nur 160 Meter der geplanten 454 Meter langen Strecke besichtigen. Unter ihnen war auch Wilhelm Niebuhr, Großvater des Friedrichshainer Werner Niebuhr. Tief beeindruckt habe der Opa davon erzählt, erinnert sich der heute 73-Jährige. Er sammelt alles, was er über den Spreetunnel bekommen kann: Fotos, Pläne, Bauzeichnungen. Die Strecke vom Schlesischen Bahnhof durch den Tunnel zum Treptower Park entwickelte sich kurz vor der Jahrhundertwende zum beliebten Verkehrsmittel für Ausflügler. "Knüppelbahn" nannte sie der Volksmund nach dem einfachen, wie wirkungsvollen Sicherungssystem der eingleisigen Tunneldurchfahrt. Einfahren durfte stets nur der Zugführer, der den hölzernen Signalstab, den "Knüppel", hatte. "Das funktionierte allen Dokumenten zufolge prima", sagt Niebuhr. War die Tunnelbahn vor dem Ersten Weltkrieg ein beliebtes Verkehrsmittel, verblasste ihre Bedeutung danach. Zudem nagte das Wasser an der Außenhaut. Da sich eine Reparatur nicht mehr lohnte, wurde 1932 der Betrieb auf der Strecke eingestellt. Erst 1936 gewann der Tunnel als Fußgängerunterführung wieder an Bedeutung. "Die muffige Röhre, in der es tropfte, war unheimlich", erinnert sich Niebuhr. Im Zweiten Weltkrieg diente der Tunnel als Luftschutzkeller. "Wir Stralauer hatten keine Angst. Das Wasser dämpfte dort unten die Detonationen", erinnert sich Erika Jacob, die als Kind dort die Bombennächte verbrachte. Auch die Nacht vom 3. Februar 1945, als US-Bomber Stralau und Treptow in Schutt und Asche legten. Der Tunnel bekam einen Treffer und lief langsam voll Wasser. Die Entwicklungsgesellschaft Rummelsburger Bucht hatte Pläne, den Tunnel wieder zu eröffnen. Doch für ihre Verwirklichung fehlt das Geld. Als Mitarbeiter der Enwicklungsgesellschaft 1997 den Eingangsbereich des Tunnels auf der Stralauer Seite vorübergehend leer gepumpt hatten, fanden sie dort Gegenstände, die von Schutz Suchenden im Bunker zurückgelassen worden waren. Gefunden wurde auch die alte Milchkanne von Erika Jakob. "Es hat mich irgendwie befreit", sagt sie, "ein Lebensabschnitt ist jetzt abgeschlossen." Traurig ist sie dennoch, dass der Tunnel nicht mehr existiert.SPREETUNNEL Am 18. September 1899 war Eröffnung // 1891 entstanden in Berlin Pläne, ein Schnellbahnsystem einzuführen. Dabei konkurrierte das Hochbahnkonzept von Siemens & Halske mit dem der Untergrundbahnen der AEG. In London gab es schon eine U-Bahn.Nach vier Jahren Bauzeit wurde der fertige Spreetunnel im September 1899 erstmals gestestet. Am 18. Dezember erfolgte die offizielle Eröffnung. Um die Streckenführung der Straßenbahnlinie gab es jahrelang Streit.Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde der Spreetunnel 1968 zunächst in Treptow zugeschüttet. Seine Ausfahrt lag etwa am Parkplatz des Gasthauses "Zenner". In Stralau waren noch einige Jahre die Sicherungsgitter der Rampe zu sehen.

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