Herr Häußermann, was sagen Sie zu dem Hype, der heute um 1968 gemacht wird?Ich sage immer, wenn man von '68 spricht, ist eigentlich '67 gemeint. Denn '68 war schon das Jahr des Niedergangs. Die Geschichtsschreibung berücksichtigt zwar leider nur die dokumentierten Fakten, aber '68 war vor allem ein Geist, eine Situation: Auch Leute wie Benno Ohnesorg, die sonst nie auf die Straße gegangen wären, wurden davon angesteckt.Von Ihnen gibt es aber auch kaum Interviews, in denen Sie über diese Zeit erzählen.Ich wehre mich eigentlich dagegen. Meist wird gefragt, warum die Studenten von heute so lahm seien. Das ist wirklich Unsinn. Aber vor allem bin ich gegen die Glorifizierung von bestimmten Persönlichkeiten aus jener Zeit. Eine antiautoritäre Studentenbewegung und ein Führer? Es gab keine Führer, sondern nur die ersten medial inszenierten Personen. Rudi Dutschke zum Beispiel hat ein Interview gegeben, danach stand er auf der Spiegel-Titelseite, und seitdem wird er als Studentenführer stilisiert. Dabei war er eigentlich eine Lachnummer: Der konnte gut reden, aber niemand hätte ihn ins Studentenparlament gewählt.Warum wurden Sie denn gewählt? Sie waren ja AStA-Vorsitzender der FU.Ja, im April 1967 wurde ich zum AStA-Vorsitzenden gewählt, weil sich die linke Koalition auf einen Kandidaten einigen musste. Und ich war der am wenigsten Umstrittene. Aber ich bekam wohl auch deshalb so viele Stimmen bei den Wahlen, weil ich vorher Chefredakteur der Studentenzeitung FU-Spiegel war. Ein Jahr zuvor hatten wir dort Vorlesungsrezensionen veröffentlicht. Studenten berichteten über Seminare, wir nannten das Vorlesungskritik und bewerteten die Leistung der Professoren. Es gab also eine Professoren-Benotung, und das war für die Uni eine große Katastrophe. Sogar die ZEIT berichtete darüber, und ich als Chefredakteur wurde vom Uni-Rektor unter Druck gesetzt. Unter Androhung von Exmatrikulation sollte ich nennen, wer das geschrieben hatte. Dann gab es ein Disziplinarverfahren gegen mich, das Schreiben habe ich heute noch zu Hause: vom Disziplinarrichter Dr. Roman Herzog eingeleitet (lacht). Das ist aber später niedergeschlagen worden.Welche Position hatte der AStA-Vorsitzende damals - wurde er in der Öffentlichkeit wahrgenommen?Das ging damals durch alle Zeitungen und Medien. Man hatte eine anerkannte Position: Die FU war die einzige Universität in Deutschland, die so ein Mitbestimmungsmodell besaß. Die Amerikaner hatten bei der Gründung 1948 darauf geachtet, dass zumindest Anklänge von demokratischer Organisation eingeführt wurden. Das hieß, dass der AStA-Vorsitzende ein eigenes Büro bekam, einen Stab von eigenen Mitarbeitern. Wir hatten sechs oder sieben Sekretärinnen, Referenten, sogar Dienstwagen. Damals wurde in den Berliner Zeitungen mit Foto berichtet, wer AStA-Vorsitzender war. Das ist heute unvorstellbar! Für mich war es eine unglaubliche Erfahrung und auch ein Albtraum. Man hatte nämlich einen 14- bis 16-Stunden-Job und war Anlaufpunkt für jeden. Sogar eine Krankenschwester kam einmal auf uns zu und fragte, ob wir nicht helfen könnten, die Schwesternschule zu revolutionieren. Wir waren nicht nur im positiven Sinne Anlaufpunkt für die Öffentlichkeit - ich kriegte auch manchmal Päckchen, wo Scheiße drin war.Und wie stand die Uni-Leitung Ihnen als AStA-Vorsitzendem gegenüber?Ich hatte ein schönes Erlebnis während der Anfangszeit: Es gab eine Ur-Abstimmung, weil Rektor Hans-Joachim Lieber Disziplinarmaßnahmen gegen mich und andere einleiten wollte, denn wir hatten an einem Sit-in teilgenommen. Die Studenten sollten dann darüber entscheiden, ob ich AStA-Vorsitzender bleiben soll oder nicht. Der Rektor ist damals durch die Hörsäle gegangen, durch die großen Vorlesungen, und hat Propaganda gegen mich gemacht. Und ich kam immer hinterher. Wenn er redete, habe ich auch geredet - wie im Wahlkampf. Damals hab ich, glaub ich, mit 51 Prozent der Stimmen gewonnen.Welche Ziele verfolgte der AStA?Na, wir wollten erstens die Weltrevolution, zweitens die Hochschulrevolution und drittens ein Gehalt für Studierende (lacht). Nee, die konkreten Ziele waren natürlich die Hochschulreformen. Im Zentrum standen die Demokratisierung der Hochschule, die Mitbestimmung der Studenten, aber auch andere Lehrinhalte, andere Lehrformen. Mit dem Thema Nationalsozialismus zum Beispiel setzte man sich so gut wie nicht auseinander.1965 hörte ich in einem Seminar zum ersten Mal überhaupt vom Massenmord an den Juden, und zwar von einem Lehrbeauftragten der evangelischen Kirche, der eine moralische Verpflichtung fühlte, darüber eine Veranstaltung zu machen. Im offiziellen Lehrbetrieb gab es das alles gar nicht. Wir hatten ja Professoren, die selber Nazis gewesen waren. Darüber redete keiner. Dass solche Dinge endlich in Angriff genommen werden, gehörte zu unseren Forderungen.Heute richtet sich die gesellschaftliche Aufmerksamkeit eigentlich nur noch während eines großen Streiks auf die Belange der Studierenden. Woher kommt dieses Desinteresse?Die studentische Selbstverwaltung ist natürlich aus dem Tritt geraten. Vor allem durch die Phase in den siebziger Jahren, als sich K-Gruppen aller Art bildeten - also die kommunistischen Kaderparteien. Das war eine Art der Radikalisierung und des Sektierertums, die begleitet wurde von der Verachtung für alle Institutionen. An der FU habe ich das noch eine Weile beobachtet: Der AStA wurde nur noch ausgebeutet, er selbst machte gar keine konsistente Politik mehr. Man sah sowieso alles als Unterdrückung und Repression an, deshalb musste man auch gar nicht mehr in den Institutionen mitarbeiten. Daraus entwickelt sich eine Dialektik, die irgendwann zuschlägt: Die institutionelle Mitbestimmung wird unwichtiger, weil man sie nicht mehr wahrnimmt, und man nimmt sie nicht mehr wahr, weil sie unwichtig geworden ist. Und eines Tages war die Verbindung zerrissen. Der AStA, zumindest an der Freien Universität, wurde nicht mehr als relevant betrachtet.Heute gehört die FU zu denen, die zur "Exzellenzuni" gekürt wurden. Von der revolutionären zur exzellenten Uni - haben Sie diesen Weg auch verfolgt?Mich freut das für die FU. Aber ich finde nicht, dass der Exzellenzwettbewerb die Universitäten positiv verändert. Diejenigen, die das Geld bekommen, haben jetzt zwar mehr Möglichkeiten. Aber das führt zu einer doppelten Zwei-Klassen-Uni. Erstens natürlich in der gesamten Uni-Landschaft, aber auch innerhalb der Universitäten selbst: Es ist ja nicht die ganze Uni, die exzellent ist, sondern es sind einzelne Projekte, Cluster, die jetzt plötzlich viel Geld haben. Andere Bereiche werden dadurch abgewertet, und das ist eine ganz unglückselige Entwicklung. Sie wertet vor allem die Wissenschaften ab, die nicht empirisch, sondern nur mit den Gedanken - mit Bleistift und Büchern - arbeiten. Die kommen eigentlich gar nicht vor.Das entspricht ja auch der grundlegenden Entwicklung an den Universitäten: der Einführung von Bachelor und Master. Wie sehen Sie diese Veränderung vor dem Hintergrund der Ideen, die Sie einst von der Universität hatten?Diese hat mit unseren Forderungen natürlich gar nichts mehr zu tun. Wir haben damals gesagt: Studenten erbringen gesellschaftlich nützliche Arbeit, und dafür wollen wir von der Gesellschaft bezahlt werden. Das war der erste Punkt. Eine solche Vorstellung über die Bedeutung der Wissenschaft hatten wir! Und der zweite war: Unser Studium sollte so organisiert sein, dass selbstständiges Lernen und Denken gefördert wird, so dass wir auch in eigenem Ermessen Hausarbeiten und Aufsätze schreiben können. Konkret hieß das: Abschaffung von Prüfungen! Beides ist, aus der Ferne gesehen, unglaublich elitär. Man kann sich zwar vorstellen, dass es so funktionieren könnte, aber die meisten Studierenden wären damit vollkommen überfordert. Ich wäre es wahrscheinlich auch gewesen, das weiß ich nicht. Denn es setzt eine Disziplin und Bildungsorientierung voraus, also eine Vorstellung von Universität, die wirklich nicht normal ist.Das hieße ja, dass Sie die Verschulung des Studiums durch das BA/MA-System begrüßten.Ich hab das von Anfang an ambivalent gesehen. Ich war dafür, weil im Diplomstudiengang nur knapp dreißig Prozent der Anfänger auch Examen machten. Das ist ein verantwortungsloses System. Ich war immer der Meinung, dass der Bachelor die Chancen auf einen Abschluss derjenigen erhöht, die mit der Selbstständigkeit des Diplomstudiengangs überfordert sind. Ich habe jetzt allerdings gelesen, dass die Abbrecherquoten immer noch sehr hoch sind. Die Lehre wurde eben nicht mit verändert, und damit gibt es nun langweilige, eintönige Lehrveranstaltungen, in denen der Lehrstoff reproduziert, aber kritisches Denken nicht gefördert wird. Ich glaube, dass es auch im Bachelor und vor allem im Master Formen des Lehrens und Lernens gäbe, die eine kritische Auseinandersetzung mit Inhalten fördern könnten. Ich habe jetzt eine Veranstaltung gemacht, bei der wir in jeder Stunde kontroverse Texte zu einem Thema hatten. So dass man verschiedene Standpunkte kennenlernt, sie analysiert, miteinander konfrontiert und dann überlegt, was der richtigere sei. Darüber hatte ich in einem Lehrbuch zur Hochschuldidaktik gelesen. Das bekommt man bei der Studienberatung. Also, da gibt's noch vieles, was man machen könnte, uns Lehrenden aber nicht beigebracht wird. Die Professoren lernen zu publizieren, aber nicht zu lehren. Wer auf Teufel-komm-raus publiziert, der bekommt einen Exzellenzstatus, Geld obendrauf und wird darin bestärkt, sich nicht um Studenten kümmern zu müssen. Diejenigen, die im Exzellenzwettbewerb erfolgreich sind, scheiden im Grunde genommen aus der Lehre aus. Das ist eine ganz üble Entwicklung!In diesem Jahr werden Sie die Universität verlassen. Wie würden Sie es zusammenfassen, das Kapitel "Die Universität und Sie"?Die Universität und ich (lacht). Also, wenn ich das auf die Humboldt-Universität beziehe: Hier habe ich deshalb sehr gerne gearbeitet, weil es eben keine normale Uni ist. Am Anfang, also 1993/94, war die HU noch sehr von der Wiedervereinigung geprägt, von unterschiedlichen Strömungen des Denkens, Lebensweisen, Perspektiven. Zum Beispiel hatten damals fast alle Studentinnen Kinder. Heute finden sie hier keine Mütter mehr. Und die Lebensgeschichten der Studenten waren ungeheuer interessant, in ihnen hat sich eine ganze Welt aufgetan. Die Umwälzung der Wohnverhältnisse in Ostdeutschland - das alles war für mich wie ein zweites Leben. In Westdeutschland hat sich ja kaum etwas verändert. Aber hier gab es sehr viel zu beobachten und zu erklären. Auch viele Studenten hatten ein großes Bedürfnis, zu verstehen: Was geht in meinem Kiez vor? Warum ist das so in meinem Haus? Das fand ich unglaublich spannend.Wenn Sie die heutige Universität mit der früheren vergleichen: Ist eigentlich kritisches Arbeiten überhaupt noch möglich?Ich kann nicht sagen, dass es wesentlich schwieriger geworden ist, aber es ist nicht mehr so üblich. Wir hatten damals die Auffassung, dass die Hochschule eine politische Verantwortung habe - eine gesellschaftliche Verantwortung. Wir vertraten das politische Mandat der Studentenvertretung. Das leitete sich aus unserem Verständnis von Wissenschaft ab: nicht einfach nur Fakten sammeln, sortieren und wiedergeben, sondern als eine kritische Analyse. Das heißt eben auch immer, seine Position gegenüber der Gesellschaft zu verdeutlichen. So eine Position ist altmodisch geworden, aber daran würde ich festhalten. 70 bis 80 Prozent von dem, was heute in den Soziologieseminaren produziert wird - also jetzt nicht hier, zu meinen Kollegen will ich gar nichts sagen -, kann man vergessen, das ist langweilig, das ist irrelevant. Das ist nur Reputationsgetue und Karrierebenzin, wenn man so will.Könnten Sie sich trotzdem vorstellen, heute noch einmal zu studieren?Nein, das würde ich nicht. Wissen Sie, was ich damals an Studiennachweisen zur Anmeldung fürs Examen brauchte? Einen Seminarschein. Ein Hauptseminarschein reichte! Heute schreibt man allein während des Masterstudiums fünf Hausarbeiten. Für mich war es aber damals sehr viel passender, weil wir das meiste Wissen eigentlich außerhalb der Universität erworben haben. Und das ist heute nicht mehr möglich.Was ist denn eigentlich geblieben von '68?Die Ziele, die wir hatten, das waren utopische Ziele. Die muss man aber auch haben. Der Sozialismus ist eine Utopie, die nie verwirklicht werden kann, aber ja, es ist eine schöne Utopie. Und wir wollten sie als Maßstab haben für die Verhältnisse, unter denen wir leben, und haben die politische Demokratie kritisiert und die gesellschaftliche Ungleichheit. Es gab damals in Deutschland keine Opposition, es gab eine große Koalition und gesellschaftliche Themen oder liberale Rechte - das waren keine politisch kontroversen Themen da oben. Die Unterdrückung der Frau: Diesen Begriff hätte es damals gar nicht gegeben. Damals konnte eine Frau noch kein Konto eröffnen, wenn sie nicht verheiratet war! Man durfte nicht unverheiratet zusammenleben. Sexuelle Freiheit - schon das Wort in den Mund zu nehmen, war komisch. Das war diese Post-Adenauer-Zeit, wie man sie jetzt nennt - einfach konservativ geprägt und personell durchsetzt von alten Nazis. Gesellschaftlich hat sich so vieles verändert, dass man es sich kaum noch vorstellen kann. Ja, es sind viele Flugzeuge gestartet, und manche sind sehr gut gelandet, manche sind abgestürzt, und manche hat man nie wieder gesehen. Aber es war eben eine Zeit, in der sich weltweit vieles veränderte. Das kann bis heute eigentlich niemand so richtig erklären, aber es ist das Ende der Nachkriegszeit gewesen.Das Gespräch führten Gunnar Zerowsky und Inga Haese.------------------------------Zur PersonHartmut Häußermann, Jahrgang 1943, kam in den sechziger Jahren nach Berlin. Er studierte Philosophie, VWL und Soziologie an der Freien Universität (FU). 1967 wurde er zum AStA-Vorsitzenden gewählt und erlebte die 68er Revolte hautnah. Als sich die politische Landschaft an der FU in den siebziger Jahren zunehmend zersplitterte, verließ er Berlin und ging nach seiner Promotion erst nach Kassel, dann nach Bremen, wo er Stadtsoziologie lehrte. 1993 kehrte er nach Berlin zurück. Seitdem ist er Professor an der Humboldt-Universität (HU), wo er auch 2005 das Georg-Simmel- Zentrum für Metropolenforschung mitbegründete.Stadtsoziologie ist kritische Wissenschaft. Diese Auffassung vertritt der Sozialdemokrat Häußermann auch vierzig Jahre nach '68. Zuletzt machte er Schlagzeilen, als er seinen Doktoranden "Andrej H." unterstützte. Der Wissenschaftler wurde verhaftet, weil seine Texte ihn in die Nähe einer terroristischen Vereinigung gerückt hätten. Scharf verurteilte Häußermann daraufhin die Gängelung der Wissenschaft und das Ende des freien Denkens. In diesem Jahr wird er 65 Jahre alt und verabschiedet sich von der Universität.Bekannt wurde Häußermann durch sein Buch "Neue Urbanität", in dem er zusammen mit Walter Siebel die Gentrifizierung deutscher Großstädte beschreibt. Gentrifizierung heißt Verteuerung, abgeleitet vom englischen gentry, "niederer Adel". Gemeint ist die Verdrängung der alteingesessenen Innenstadtbewohner durch sogenannte Young Urban Professionals, kurz Yuppies. Häußermann selbst lebt im Prenzlauer Berg und ist als Beobachter dieser Entwicklung gleichsam auch ein Teil von ihr: ein Alt-68er, der im bürgerlichen Leben angekommen ist.------------------------------Foto: Hartmut Häußermann, bekannter Professor der Humboldt-Universität. Einst leitete der Disziplinarrichter Roman Herzog ein Verfahren gegen ihn ein.