Wer macht denn so was? Ein älteres Ehepaar steht kopfschüttelnd vor dem Mausoleum. In grellem Neongrün leuchten die Sandsteinsäulen und die Ornamente des Grabmals. Olaf Ihlefeldt lächelt, er kennt das. "Viele Besucher reagieren bei dem Anblick erst einmal empört", sagt der Verwalter des Stahnsdorfer Südwestkirchhofs. "Sie vermuten, dass Sprayer das Mausoleum so knallig angesprüht haben." Aber die exzentrische Farbgebung ist nicht von Menschen verursacht. Eine seltene Alge hat sich auf dem Stein angesiedelt.Die Grabstätte Boedefeld ist ein Beispiel dafür, wie sich die Natur als Baumeister in die Gestaltung des Friedhofs einmischt und ihn zu einem einzigartigen Ort macht. Viele der schmalen Wege auf dem 206 Hektar großen Areal sind zugewuchert und nur noch schwer zu begehen. Sträucher und wilde Hecken verdecken die Grabsteine, Efeu rankt über Statuen. Wie im Dschungelbuch wachsen Bäume aus Mauerspalten und sprengen mit ihren Wurzeln die alten Steine.Der evangelische Kirchhof in Stahnsdorf liegt 35 Kilometer vom Zentrum Berlins entfernt im Brandenburgischen. Vor gut hundert Jahren, am 28. März 1909, wurde er eröffnet. Er sollte letzte Ruhestätte für die Toten aus dem gesamten Südwesten Berlins werden. Die Anlage war damals eine Sensation. "Louis Meyer, ein Schüler von Peter Joseph Lenné, der die berühmten Gärten von Sanssouci angelegt hat, hat das Areal in der Parforceheide gestaltet," erklärt Ihlefeldt. "Anstatt, wie damals üblich, das Gelände zu planieren und von Grund auf neu zu gestalten, hat er die vorhandene Natur einbezogen und gezielt Wege und Sichtachsen freigeschlagen." Zwischen Wannsee und Stahnsdorf wurde eine eigene Bahnlinie gebaut, die sogenannte Leichenbahn. Im vorderen Zugteil saßen die Besucher, in den angehängten Wagen wurden die Särge transportiert.Mit dem Bau der Mauer 1961 war der Friedhof vom Westteil der Stadt abgeschnitten. Familien etwa aus Charlottenburg oder Wilmersdorf konnten die Gräber nicht mehr besuchen. Der Friedhof fiel in einen Dornröschenschlaf, aus dem er bis heute noch nicht wieder vollständig erwacht ist. "In der Zeit der Teilung ist der Friedhof zur Ruhe gekommen", sagt Ihlefeldt.Auch in seiner Friedhofsverwaltung scheint die Zeit stehengeblieben zu sein. In dem Backsteinhaus sind die alten Möbel aus dunkel gebeiztem Buchenholz noch erhalten. In den Schrankfächern liegen Pläne aus Pergament. Früher waren hier bis zu sechs Architekten angestellt, die ihre Zeit damit zubrachten, die neu erschlossenen Grabfelder zu zeichnen. Auf alten Karteikarten sind oft noch in altdeutscher Schrift die 120 000 Toten verzeichnet, die hier begraben sind. Unter ihnen auch viele Prominente wie der Maler Lovis Corinth, der Komponist Engelbert Humperdinck, der Unternehmer Werner von Siemens, der Sprachwissenschaftler Gustav Langenscheidt, der Zeichner Heinrich Zille, der Architekt Walter Gropius, Elisabeth Baronin von Ardenne, Vorbild für Fontanes Effi Briest, sowie der Stummfilmregisseur Friedrich Wilhelm Murnau, der "Nosferatu" inszenierte.Fledermäuse in GrüftenNach Ohlsdorf in Hamburg hat Stahnsdorf den zweitgrößten Friedhof Deutschlands. Für Besucher, die Probleme mit langen Fußmärschen haben, hat Ihlefeldt ein Golfmobil angeschafft. Mit dem dunkelgrünen Caddie fahren er oder seine Angestellten Besucher, die sich dafür vorher anmelden müssen, über das Gelände.Mit 25 Kilometer pro Stunde zuckelt der 42-jährige Friedhofsverwalter die Auffahrt hoch. Durch eine Heidelandschaft, vorbei an dem streng symmetrisch angelegten englischen und dem italienischen Soldatenfriedhof. Neben der norwegischen Holzkirche, in der die Trauerfeiern abgehalten werden, liegt das Mausoleum von Albert Harteneck. Ihlefeldt nimmt einen großen, alten Schlüssel aus der Jackentasche und öffnet das Metalltor. Im Innenraum, über einem Altar, thront die Statue eines Pharaos, das Dach ist eine Pyramide aus Glas. "Der Mann war Ägyptologe", sagt der Verwalter und klettert eine schmale Wendeltreppe nach unten in die Gruft. Der massive Deckel des steinernen Sargs ist zerbrochen. Grabräuber haben hier vergeblich nach Schätzen gesucht. Ihlefeldt knipst seine Taschenlampe an. Von der Decke hängen Stalaktiten, in einer Ecke schläft eine Fledermaus.Insgesamt vier Fledermausarten sind auf dem Stahnsdorfer Friedhof zu Hause. Tagsüber und im Winter ziehen sich die Tiere in die Gruften, Höhlen und die eigens für sie aufgehängten Holzkästen zurück. Auch Dachse, Wildschweine, Rehe und Füchse sind hier heimisch. Dazu kommen 16 Heuschreckenarten, 53 Vogel-, 211 Schmetterlings- und 310 holzbewohnende Insektenarten. Der Friedhof ist nicht nur ein Rückzugsort für Menschen, sondern auch ein Biotop für viele seltene oder vom Aussterben bedrohte Tiere und Pflanzen.Grablichter zwischen BäumenIhlefeldt steuert den Caddie zu einer Ansammlung von hohen, schlanken Buchen. Im Laub liegen Blumen, Grablichter brennen. "Der Friedhain", erklärt der Verwalter. Die Urnen werden zwischen den Wurzeln der Bäume in den Boden eingelassen und der Name des Verstorbenen in backsteingroße Platten eingemeißelt. "Die Sterbekultur hat sich, wohl auch aus Kostengründen, in den vergangenen Jahrzehnten stark verändert", sagt Ihlefeldt, der mit Frau und Tochter in dem Verwalterhaus auf dem Südwestkirchhof wohnt. "56 Prozent aller Deutschen lassen sich verbrennen, in Berlin sind es sogar 87 Prozent. Das hat zur Folge, dass wir zu viele Flächen haben." Vor allem innerstädtische Friedhöfe werden darum geschlossen und zu Parks umgewandelt.Der Unterhalt eines Friedhofs ist teuer. Barock, Jugendstil, Gotik oder Bauhaus - viele der Grabstätten stehen unter Denkmalschutz. Um die Substanz zu erhalten, werden in Stahnsdorf Patenschaften für alte Gräber vergeben. Wer sich verpflichtet, eine Totenstätte zu restaurieren, bekommt das Recht, sich dort später einmal beerdigen zu lassen. "Dieses Grab wurde von einer Familie übernommen", sagt Ihlefeldt und zeigt auf die Statue eines Mädchens. Mit gesenktem Blick, die Hände gefaltet, steht es in einer Reihe anderer Grabmale. Oberst Emil Knorr, gestorben 19. Juni 1878, steht auf einem Sockel. 1878? Der Friedhof wurde doch erst 1909 eröffnet! "In den Jahren 1938/39 wurden 33 000 Gräber von sechs Schöneberger Friedhöfen hierher verlegt", erklärt Ihlefeldt. Weil Hitler und Speer in Berlin ihren Plan von der neuen Reichshauptstadt Germania realisieren wollten, mussten die Friedhöfe weichen. Die Familien mussten die Kosten für die Umbettung selbst übernehmen. Wem die Mittel fehlten, dessen Grab wurde zwangsweise aufgelöst. "Es sagt sehr viel über eine Gesellschaft aus, wie sie mit ihren Toten umgeht", sagt Ihlefeldt. "Wer seine Toten nicht ehrt, hat oft selber keine Würde."------------------------------Führungen jeden ersten SonnabendDer Südwestkirchhof in Stahnsdorf wurde am 28. März 1909 eröffnet. Er ist der zweitgrößte Friedhof Deutschlands.Führungen werden an jedem ersten Sonnabend im Monat angeboten. Treffpunkt ist 10 und 14 Uhr am Haupteingang "Infocafé". Kosten fünf Euro, Dauer drei Stunden. Tel. 03329-614 106.Geöffnet ist der Friedhof in den Monaten Oktober bis März von 8-17 Uhr, April bis September von 7-20 Uhr.Anfahrt mit dem Auto über die A 115, Abfahrt Babelsberg, Richtung Teltow, nach Ortseinfahrt Stahnsdorf die erste Straße links. Vom S-Bahnhof Teltow Stadt mit den Bussen X1 und 601, vom S-Bahnhof Zehlendorf mit dem Bus 623 bis Stahnsdorf, Bahnhofstraße. www.suedwestkirchhof.de------------------------------Karte: Stahnsdorf. SüdwestkirchhofFoto: Der Herr der Gräber: Friedhofsverwalter Olaf Ihlefeldt steht hier vor dem englischen Soldatenfriedhof.Foto: Das viele Besucher irritierende Neongrün der Grabstätte Boedefeld ist nicht von Menschen verursacht, sondern stammt von einer seltenen Alge.Foto: Das Erbbegräbnis Wissinger wurde von Architekt Max Taut entworfen. Es entstand 1920/21. Bei einem orkanartigen Sturm im Jahr 2002 wurde das denkmalgeschützte Grabmal schwer beschädigt. 2004 begann die Restaurierung.Foto: Im Friedhain werden die Urnen zwischen Baumwurzeln in die Erde gesenkt.Foto: Die Friedhofskapelle im Stil mittelalterlicher norwegischer Stabkirchen.