Die Bundesregierung hat den Initiatoren eines Mahnmals für die ermordeten Juden Europas schon vor einigen Jahren ein Grundstück geschenkt. Die Fläche knapp südlich des Brandenburger Tors gilt als "historisch wenig kontaminiert". Abgesehen davon, daß sich einschlägig "belasteter" Boden für ein Denkmal durchaus empfehlen kann, war die Annahme einer Neutralität des vorgesehen Orts unvorsichtig. Es handelt sich um einen Teil des Grundstücks, auf dem einst das Reichsministerium für Ernährung- und Landwirtschaft stand. Neben dem Reichssicherheitshauptamt wurde 1941 gerade hier Völkermord geplant und gefordert.Allerdings nicht der, dem das Denkmal gewidmet sein wird. "Zweck des Rußlandfeldzuges", so sagte Himmler wenige Tage vor dem Beginn des Überfalls, "ist die Dezimierung der slawischen Bevölkerung um 30 Millionen." Kurz zuvor hatte er sich mit dem Mann besprochen, unter dessen Federführung die Begründung für diesen Mordplan ausgearbeitet worden war: mit Herbert Backe, dem Staatssekretär und eigentlichen Chef des Ernährungsministeriums in der Wilhelmstraße 72.Hunger den RussenIn den Richtlinien, die er als Dienstdrucksache in einer Auflage von 2 000 Stück jedem deutschen Landwirtschaftsführer ­ also den Backe unterstellten Fachleuten für den Raub von Getreide, Fleisch und Fett ­ im Juni 1941 mit auf den Weg nach Osten gab, wurde eindringlich erklärt, wie sich die Deutschen an der zu besetzenden Sowjetunion "gesundstoßen" wollten: "Viele Millionen Menschen werden in den Industriestätten im Norden überflüssig und werden sterben", heißt es da, und ermahnend hämmerte Backe seinen Leuten ein: "Versuche, die Bevölkerung dort vor dem Hungertode dadurch zu retten, daß man aus der (ukrainischen) Schwarzerdezone Überschüsse heranzieht, können nur auf Kosten der Versorgung Europas gehen. Sie unterbinden die Durchhaltemöglichkeit Deutschlands, sie unterbinden die Blockadefestigkeit Deutschlands und Europas im Kriege. Darüber muß absolute Klarheit herrschen." Diese Strategie galt "auch für die ferne Friedenszukunft Deutschlands". Kriegsziel blieb bis 1944, die Sowjetunion auf Dauer zu entindustrialisieren, sie auf den ökonomischen Status von 1905 zurückzuwerfen und zum "Ergänzungsraum" für Rohstoffe, besonders für Getreide zu machen. Für eine seiner Vorsprachen bei Hitler notierte sich Backe: "Raumenge ­ Volksdezimierung".Man kann es sich heute kaum noch vorstellen, aber das westlich der Sowjetunion gelegene Europa war in den dreißiger Jahren darauf angewiesen, den vollständigen Lebensmittelbedarf für 30 Millionen Menschen aus Übersee zu importieren. Infolge der Verwüstungen des Krieges, des Mangels an Maschinen, Transportmitteln und Dünger mußte die Ernährungslücke im Krieg noch wachsen. Wie schon im Ersten Weltkrieg erwies sich die britische Seeblockade auch im Zweiten als äußerst wirksam. Im Mai 1941 mußten die Lebensmittelzuteilungen für Deutsche erstmals fühlbar gesenkt werden. Backe hatte das bereits im Januar prognostiziert; Goebbels befürchtete "Stimmungseinbrüche". Eben deshalb forderten die Verantwortlichen im Reichsernährungsministerium "ein Absterben sowohl der Industrie wie eines großen Teils der Menschen" in den besetzten Ostgebieten. Sie entwarfen einen Plan, den Göring so populär machte: "Wenn in diesem Krieg gehungert wird, dann hungert nicht der Deutsche, sondern andere." Und genau so erinnern es die Älteren noch heute, die mit einem anklagenden Unterton bemerken, daß man im Krieg nicht gehungert habe, wohl aber in der Zeit danach.Zur reichlichen Ernährung des deutschen Schwerarbeiters, der werdenden Mutter, des privilegierten arischen Säuglings und des sogenannten Normalverbrauchers, sollte die Abriegelung des agrarischen Südens der Sowjetunion vom industriellen Norden erreicht werden. Daher der schnelle Vorstoß der Heeresgruppe Süd, der mit der Eroberung von Saratow, Stalingrad und Astrachan seinen vorläufigen Abschluß gefunden hätte ­ und dort scheiterte. "Die Ukraine und dann das Wolgabecken werden einmal die Kornkammern Europas sein", monologisierte Hitler. Rosenberg, Reichsminister für die besetzten Ostgebiete, meinte in seiner Rede am Vorabend des Krieges: "Die deutsche Volksernährung steht in diesem Jahr zweifellos an der Spitze der deutschen Forderungen im Osten. Wir sehen durchaus nicht die Verpflichtung ein, das russische Volk mitzuernähren. Wir wissen, daß das eine harte Notwendigkeit ist, die außerhalb jeden Gefühls steht."Getreide den DeutschenVöllige Einigkeit herrrschte in der deutschen Führung darin, die sowjetischen Großstädte durch Hungerblockaden aussterben zu lassen. "Ihre Einschließung ist vorteilhafter", wie Göring sich ausdrückte und gleichzeitig hoffte, daß binnen kürzester Zeit "20 bis 30 Millionen Menschen in Rußland verhungern". Der oberste Ernährungsexperte der Wehrmacht schrieb in sein Tagebuch: "Wir werden uns auch künftig nicht mit der Forderung nach einer Kapitulation Leningrads belasten. Es muß durch eine wissenschaftlich begründete Methode vernichtet werden." Ende November notierte der Hamburger Bürgermeister, der sich für die Schiffe und den Hafen der eingeschlossenen Stadt interessierte: "Man nimmt an, daß der größte Teil der Menschen in Leningrad, ca 5 1/2 Mill, verhungern wird." Im Juli 1941 unterhielt man sich im Oberkommando der Heeresgruppe Mitte darüber, daß in einem "Brandstreifen" um Moskau 30 Millionen Menschen mittels einer organisierten Hungersnot umgebracht werden sollten. Der ostpreußische Gauleiter Erich Koch, einer der widerwärtigsten Nazi-Führer überhaupt, lehnte gleichzeitig den Posten des Reichskommissars für das Moskauer Gebiet ab, weil dies "eine gänzlich negative Aufgabe" sei.Dieses wie das folgende Dokument breitet der Berliner Historiker Christian Gerlach in einer noch unveröffentlichten Arbeit aus: An den Rand eines mehr pragmatisch orientierten Gutachtens über die wirtschaftliche Zukunft Weißrußlands, das 1941 die Verschleppung von einer Million junger Arbeitskräfte nach Deutschland vorsah, setzte einer der wichtigsten Berater Backes die Bemerkung "sollen sterben!" und fügte hinzu, daß in dieser Region erstens die gesamte Stadtbevölkerung und die Hälfte der Landbevölkerung umkommen müsse. Von den 9,2 Millionen Einwohnern, die Weißrußland zu Anfang des Krieges zählte, wären das genau zwei Drittel gewesen. Tat-sächlich haben die Deutschen in (Fortsetzung auf Seite 12)

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