BERLIN. Die Kündigung steht auf einem einzigen Blatt, es sind knapp dreißig Zeilen. Links ist der deutsche, rechts der englische Text zu lesen. "Sofortige Freistellung" heißt auf englisch "garden leave".Gundolf Brasch recherchierte die für ihn neue Vokabel im Internet, am Abend des 13. Februar, einem Freitag. Gegen Mittag war er bei Norman Foster gekündigt worden und hatte sofort seinen Schlüssel abgeben müssen, wie etwa 75 andere Kollegen auch. Das gesamte Berliner Büro des Stararchitekten Lord Norman Foster wird geschlossen. Nur drei Mitarbeiter wechseln in die Londoner Zentrale.Die Methode "garden leave", erfuhr Brasch aus einem Online-Wörterbuch, kommt dann zum Einsatz, wenn nach einer Kündigung Sabotage oder Spionage befürchtet werden. "Garden leave" ist aber auch eine Beschönigung für "Arbeitslosigkeit" und ein schönes Beispiel englischen Humors. Engländer lieben ihre Gärten, ohne Arbeit haben sie endlich Zeit dafür.Gundolf Brasch hat keinen Garten und er heißt auch nicht Gundolf Brasch. Über die Abwicklung mag er nicht unter seinem richtigen Namen sprechen. Bis überhaupt jemand aus Fosters Büro reden wollte, dauerte es eine Weile. In den ersten beiden Wochen nach der Schließung befanden sich die Entlassenen in einer Art Schockstarre. Aber dann waren einige doch bereit, über die Innenansicht einer überraschenden Abwicklung zu sprechen, die sich dort abspielt, wo Berlin vermeintlich am glanzvollsten ist: im Zentrum der Kreativ-Branche.Mathis Malchow, 34, und Sebastian Gmelin, 31, werfen ihrem ehemaligen Arbeitgeber nichts vor. Im Gegenteil: "Wir haben dort in fünf Jahren so viel gelernt wie woanders in zehn." Malchow war fünf, Gmelin drei Jahre bei Foster. Beide hatten zuvor bei Foster in London gearbeitet. Sie erinnern sich an "Normans Präsenz", wenn er einen Raum betrat. Und an seine Offenheit. Schon Studenten hatten die Möglichkeit, ihre Entwürfe zu präsentieren. Auf Malchows Visitenkarte steht "Associate Partner", davon gab es etwa neunzig bei Foster. Als Malchow in London anfing, war er 29 Jahre alt und lebte mit seiner Frau und seinem neugeborenen Kind in einem Zimmer in einer Wohngemeinschaft. Er verdiente 1900 Euro, damit kommt man in London nicht weit. Malchow sagt trotzdem: "Es war eine fantastische Zeit."Gundolf Brasch ist dagegen enttäuscht von seinem ehemaligen Arbeitgeber. Das Unternehmen Foster + Partners, Weltmarktführer unter den Architekturbüros, preisgekrönt und gerühmt für spektakuläre Bauten wie den Reichstag oder die Philologische Bibliothek der Freien Universität Berlin, hat am Ende eine Seite enthüllt, die Brasch nicht bei ihm vermutet hatte. Nicht die Kündigung ist es, die ihn wütend macht. "Es ist die Art, wie sie mit der Situation umgehen. Selbst in der größten Krise kann man einen gewissen Anstand bewahren."Wie als Beweis für die beiden Gesichter von "F+P" legt Brasch zwei Dokumente auf den Tisch eines Cafés in Mitte. Den Arbeitsvertrag, mehrere Seiten, auf schwerem Papier gedruckt mit dem Firmenlogo in leicht erhabenen Silberbuchstaben. Die Schrift hat Otl Aicher entworfen, ein deutscher Designer. Daneben sieht das Kündigungsschreiben auf Kopier-Papier aus wie die Teilnahme-Bestätigung an einem Volkshochschulkurs. "Ein Wisch", sagt Gundolf Brasch.Der 32-jährige Mann ist schmal und angespannt, in seinen dunklen Jeans und dem dunklen Hemd könnte er in jedem Fernsehfilm den Kreativen darstellen, aber er verwendet einige Wörter, die im coolen Jargon der Branche nicht vorkommen. "Herz" ist so ein Wort. "Warum hat sich der Bürochef kein Herz gefasst und uns über die Lage informiert?" Und zwar nicht erst am Freitag den 13., sondern am Dienstag, den 10. Februar.An diesem Tag meldet die Berliner Morgenpost die Schließung des Berliner Foster-Büros. Die Meldung kommt aus Abu Dhabi auf die Bildschirme in Berlin. In dem arabischen Emirat baut Foster einen traditionellen Markt zur hochmodernen Shopping Mall um, offensichtlich wurde auch im Berliner Büro daran gearbeitet. Morgens um 9.05 Uhr öffnet eine Frau im Berliner Büro ihre Mailbox und findet eine Nachricht vor, die aus drei Wörtern besteht. "Team, Rettungsweste an!" Im Anhang findet sich der Zeitungs-Artikel, in dem die Schließung des Büros mit der üblichen Quellenangabe "aus gut informierten Kreisen" als beschlossene Sache gilt. Die Mitarbeiterin leitet die Mail an das gesamte Berliner Team weiter. Unruhe bricht aus. Die Küche wird zum Umschlagplatz für diffuse Nachrichten und Befürchtungen.Nachmittags kommt über das Intranet eine Meldung des Chief Executive Mouzhan Majidi herein, er ist der mächtigste Mann nach Foster in der streng gegliederten Firmenhierarchie. Seine "notice to staff" betitelte Dienstmitteilung bestätigt indirekt die Zeitungsmeldung."Wie alle anderen auch in unserer Branche sind wir von der Finanzkrise und dem Zusammenbruch des Kreditwesens betroffen", schreibt Majidi, was später auch eine Unternehmenssprecherin offiziell verlautbaren wird. "Einige unserer internationalen Kunden sind Opfer des wirtschaftlichen Klimas geworden und haben in der Folge ihre Projekte zurückgestellt oder aufgegeben ... dies hat unvermeidlich zur Folge, dass wir eine sehr schmerzhafte Entscheidung treffen müssen und einige Menschen darüber informieren müssen, dass ihr Job in Gefahr ist. Während wir unsere Arbeit in Übersee konsolidieren, indem wir im Mittleren Osten expandieren, schließen wir Berlin und Istanbul."Im letzten Abschnitt der Mitteilung versichert Majidi, dass die Firma weiterhin kreative Talente an sich ziehen werde und dass man trotz der unvorhersehbaren und schwierigen Zeiten in eine bessere Zukunft sehe. "A brighter future".Der Bürochef in Berlin bestätigt dem Team das Unabwendbare, vorerst aber möge jeder an seinen Arbeitsplatz zurückkehren. Per Mail ordnet er "business as usual" an.Noch am 13. Februar verzeichnet die Website von Foster + Partners unter der Rubrik "Latest News" eine Erfolgsmeldung. Von einem Durchbruch in Marokko ist die Rede: "Foster and Partners unveils first development to break ground in Marocco". Darüber schimmert ebenso vage wie die Nachricht eine Computerzeichnung, die nicht so recht erkennen lässt, worum es sich bei dem Zukunftsprojekt in Nordafrika handelt - Flughafen, Shopping Mall oder vielleicht auch eine neue Stadt. Am gleichen Tag verlieren dann zwischen drei- und vierhundert der mehr als eintausend Mitarbeiter des weltweit operierenden Foster-Unternehmens ihren Job.Jemand beginnt in diesen Tagen eine Art Chronik der Ereignisse aufzuschreiben, die er oder sie anonym an die Berliner Kollegen verschickt. Wie um sich selbst Orientierung zu geben, wo es sonst keine gab. Dieser "offene Brief" ist ein Dokument für den Realitätsverlust in Folge eines Schocks. Oder hat hier jemand die Wirklichkeit ausgeblendet, weil er keine andere mehr hatte als die des Büros? Von schlechtem Gewissen ist die Rede, wenn man abends um zehn das Büro verließ, während die anderen noch bis ein Uhr nachts an den Plänen saßen. Manche blieben bis früh um vier, schliefen drei Stunden und saßen um neun wieder am Platz. Nachts durften sie sich Pizza auf Bürokosten bestellen.Heldengeschichten von durchgearbeiteten Tagen und Nächten gehören in Berlin wie überall zum Beruf des Architekten wie das unvermeidliche Schwarz der Kleidung. Brasch kennt Kollegen, die 2 000 Überstunden vor sich herschoben. Bezahlt wurden diese nicht. Wer vor einer Abgabe durchgearbeitet hatte, durfte dafür mal einen Tag zu Hause bleiben."Slavery", Sklaverei, schreibt jemand in den Branchen-Blogs, in die sich nun auch Londoner und Istanbuler Kollegen einklinken. Ein anderer kommentiert höhnisch: "Wie gut für Foster, dass Du entlassen bist, wenn Du Dich in dieser großartigen Firma als Sklave gefühlt hast. Jetzt bist Du frei. Sei jemand." Kränkung schwingt in den Klagen mit. Warum nur entfernt einen der angebetete Star so plötzlich aus seiner Nähe? Für manche scheint es das Ende einer ungleichen Liebesbeziehung zu sein. Der anonyme Verfasser des offenen Briefes aber trifft einen Nerv der Unternehmenspolitik. "Bis zum Ende war das Arbeiten in dieser Firma ein Musterexempel der Undurchsichtigkeit der Firma für die Angestellten." Ein harter Gegensatz zur Transparenz der Glas-Stahl-Konstruktionen, die Fosters Markenzeichen sind.Hätten die Angestellten in Berlin die Katastrophe nicht kommen sehen müssen? Spätestens als das englische Pfund Ende 2008 nur noch einen Euro und 12 Cent wert war, fiel der Wechselkurs-Vorteil des deutschen Standorts für das englische Unternehmen weg. Ein junger Architekt, frisch von der Uni, der 2 000 Euro brutto verdiente, kostete die Briten plötzlich binnen eines Monats 700 Euro mehr. Aber wer denkt schon daran, wie profitabel er ist, wenn die Chefs ständig ihren wirtschaftlichen Erfolg betonen?Am 9. Februar, dem Montag vor dem schwarzen Dienstag, hatte Mouzhan Majidi per Intranet alle Foster-Mitarbeiter wissen lassen, dass es der Firma bestens gehe. Unter "Betreff" stand: "Fastest Growing Profits". Bei näherer Betrachtung war es eine Meldung, die offenbar Zweifel an einer zwei Jahre zurückliegenden unternehmerischen Entscheidung kontern sollte: Im Mai 2007 hatte Foster die private Risikokapitalgesellschaft 3i zu vierzig Prozent an seinem Unternehmen beteiligt. Es gibt Stimmen, die solche Gesellschaften als klassische Heuschrecken bezeichnen. Geldgeber, die nur auf die Rendite sehen. Und von denen nun das Signal zum Rückzug gekommen sein könnte. "Das Problem bei diesen Leuten ist, dass sie selbst Kapital aufnehmen müssen und sehr kurzfristig denken", sagt Gundolf Brasch.Mathis Malchow und Sebastian Gmelin betrachten ihre Kündigung als Chance, das zu tun, was sie eigentlich schon immer wollten: Sie gründen jetzt ein eigenes Büro. Schon wenige Tage nach der Kündigung entwarfen sie ihre Website. Unter dem Titel "designyougo.com" wollen sie ihre Geschäftsidee anbieten: "Foster-Qualität zu unseren eigenen Konditionen und zu unserem geringeren Gewinnstreben." Design für Jedermann."Bei Foster baut man für die 500 reichsten Menschen der Welt", sagt Malchow. Es war nicht erstaunlich für ihn, dass es sich auf das Büro auswirken würde, als die russische Börse um siebzig Prozent einbrach. Das Berliner Büro war in die Planung des "Russia Tower" in Moskau involviert, einen etwa 450 Meter hohen Wolkenkratzer, das Projekt ist jetzt auf Eis gelegt.Wie gelangt man von diesen Höhen unbeschadet zurück in die Niederungen der Häuslebauer? Für die beiden jungen Architekten mit schwäbischen Wurzeln ist das offensichtlich kein Problem: "Es ist nicht weniger erstrebenswert, ein schönes Einfamilienhaus zu bauen als einen schönen Flughafen", sagt Gmelin. Statt Arbeitslosengeld wollen sie nun die Existenzgründungs-Förderung beantragen. Neun Monate lang werden sie damit beim Aufbau ihrer Firma unterstützt.Es bleibt ihnen nicht viel anderes übrig. Die Aussicht, eine vergleichbare Position wie die bei Foster in einem anderen großen Büro zu bekommen, sagt Malchow, ist gering. Gmelin sagt: "Alles, was wir jetzt machen, machen wir für uns."------------------------------"Selbst in der größten Krise kann man einen gewissen Anstand bewahren." Ein entlassener Mitarbeiter von Norman Foster------------------------------Foto: "Foster-Qualität zu unseren eigenen Konditionen": Die entlassenen Architekten Mathis Malchow und Sebastian Gmelin (r.) machen sich jetzt selbstständig.