Der steinreiche griechische Reeder Kyriakou führt das hellenische NOK und strebt wichtige Positionen im Weltsport an: König Minos

ATHEN, 15. März. Es ist so lange her: Der kretische Sagenkönig Minos, Sohn der Europa und des Zeus, galt als überaus mächtig und gerecht. Nachdem ihn der König von Sizilien getötet hatte, war er wegen seines Gerechtigkeitssinns Richter der Unterwelt. Die Frage ist nun, wie weit sich die Sage wiederholt: Ob im Jahre 2005 Minos Kyriakou eine Art minoische Gerechtigkeit walten lässt in der Welt des neugriechischen Sportwesens, die dem Hades ja nicht unähnlich ist.Wahl mit BombendrohungMächtig ist Minos Kyriakou jedenfalls. Der 62-Jährige ist seit Februar der 47. Präsident des Nationalen Olympischen Komitees von Griechenland (NOK). Kyriakous Wahl beendete ein Tauziehen zwischen der konservativen Regierungspartei Nea Dimokratia (ND) und den im März 2004 abgewählten Pasok-Sozialisten. ND-Sympathisant Kyriakou feiert im zweiten Anlauf mit 23 von 26 Stimmen einen Triumph und gab gleich ein kleines Beispiel seines Machtwillens: Demonstrativ blieb er auf seinem Stuhl sitzen, obwohl die Polizei nach seiner Wahl wegen einer Bombendrohung die Räumung des NOK-Gebäudes anordnete: "Ich bleibe hier. Auf eigene Verantwortung."Kyriakou sollte eigentlich schon auf einer früher anberaumten NOK-Sitzung den von 1985 bis 1993 und seit 1997 amtierenden NOK-Präsidenten Lambis Nikolaou ablösen. Dafür hatte Sportminister Georgios Orfanos schnell mal vier neue, ND-nahe Wintersportverbände gegründet, darunter das in Hellas inexistente Curling sowie Bob und Skeleton. Diese politische Provokation hatte dafür gesorgt, dass eine Gruppe von elf Pasok-nahen Sportverbandsbossen, darunter Vassilis Sevastis (Leichtathletik) und Vassilis Gagatsis (Fußball), der NOK-Wahl fern blieben.Immerhin: Minos Kyriakou plädierte dann selbst für eine Neuansetzung des Urnengangs. "Ich will nicht Präsident von nur zehn Prozent des griechischen Sports sein", sagte er. Lambis Nikolaou, der alte NOK-Chef, der auch Mitglied des IOC-Exekutivkomitees ist, forderte von IOC-Präsident Jacques Rogge Wahlbeobachter an.Die Krise erreichte ihren Höhepunkt, als Rogge sogleich schriftlich die Legitimation der neuen Sportverbände anzweifelte. Jetzt schlug Kyriakous große Stunde. Fieberhafte Konsultationen, sogar Regierungschef Karamanlis und Oppositionsführer Papandreou intervenierten, mündeten in einen Kompromiss: Der Pasok wurde der Posten des zweiten NOK-Vizepräsidenten und zwei der vier NOK-Ausschüsse versprochen. Ferner werden die vier neuen Wintersportverbände nun erst pünktlich vor den Winterspielen 2006 legalisiert. So wurde also Kyriakou zum hellenischen NOK-Oberhaupt gekürt.Kyriakou hat einen Traum. Er will IOC-Mitglied werden. Dass zum Jahresende der Grieche Nikos Filaretos altersbedingt aus dem IOC ausscheidet, hat indes nicht automatisch zur Folge, dass ein Hellene in den Lausanner Klub aufrücken darf. Kyriakou aber ist zielstrebig. Ende 1997, kurz nach der Vergabe der Olympischen Sommerspiele 2004 an Athen, übernahm er in Panellinios Athen einen der hier zu Lande ältesten Sportklubs. Seither organisiert der "Verein der Olympioniken" das zum Super Grandprix aufgewertete Leichtathletik-Meeting Tsiklitiria. Im Sommer 2003 wurde Kyriakou völlig überraschend Mitglied des Exekutivkomitees im Weltverband IAAF. Es ist ein offenes Geheimnis, dass er es auf die Position des deutschen Vizepräsidenten Helmut Digel abgesehen hat, der derzeit in der IAAF für Marketing zuständig ist.Kyriakou macht für den Sport viel Geld locker. Er zahlt es aus der Portokasse. Der Reeder erregte zuletzt mit einer Mammut-Order Aufsehen, als seine Firma Athenian Sea Carriers beim koreanischen Werftriesen Hyundai für 400 Millionen US-Dollar den Bau von zwölf hypermodernen Schiffen in Auftrag gab. Kyriakou ist auch ein Medien-Zar: 1987 gründete er den Radiosender Antenna FM. 1989 folgte der TV-Sender Antenna, der rasch zum Marktführer avancierte und Millionen Auslandsgriechen erreicht. Die Expansion auf den Balkan leitete er später mit dem Erwerb von Privatsendern in Bulgarien ein.Backpfeife vom Herrn PapaMinos Kyriakou ist das Glück stets gewogen. Bei einem Flugzeugabsturz in Beirut starben Ende der 70er-Jahre 22 der 29 Insassen, sechs Personen wurden schwer verletzt. Einziger Unverletzter: Kyriakou - ohne eine Schramme.Schon Papa Xenofon Kyriakou war Reeder, hatte aber nur vier Schiffe. Weil der Sohn nur mit einer mäßigen Note das Gymnasium abschloss, verpasste er ihm eine schallende Ohrfeige. Minos flüchtete, wurde Matrose, machte bald erste Geschäfte in Brasilien und in den USA, studierte in Boston Geschichte, lernte sechs Sprachen - und kehrte erst nach acht Jahren nach Hause zurück. Die Backpfeife hat er seinem Vater nie verziehen.------------------------------Foto: Minos Kyriakou: Ehrgeiziger Multifunktionär. NOK-Chef mit Ambitionen im IOC und in der IAAF.