Ein seltsamer Wissenschaftlerstreit hat am Ende der vergangenen Woche seinen vorläufigen Höhepunkt erreicht. Die Historiker Peter Steinbach und Wolfgang Wippermann sowie der PDS-Abgeordnete Uwe-Jens Heuer folgten der Einladung des Fachschaftsreferats des AStA der Freien Universität (FU), des Kritischen Fachschaftsbundes und der Hochschulgruppe der Antifaschistischen Aktion Berlin, um gemeinsam gegen den Forschungsverbund SED-Staat zu Felde zu ziehen. Dessen Vertreter hatte man erst gar nicht eingeladen.Der Forschungsverbund um Manfred Wilke, Klaus Schroeder und Jochen Staadt existiert seit 1992. Er wurde unter maßgeblicher Initiative des FU-Präsidenten Johann W. Gerlach gegründet und befaßt sich mit "Geschichte und Folgen der DDR". Die Hauptvorwürfe gegen ihn kann man in wenigen Stichworten zusammenfassen: Er arbeite unwissenschaftlich. Seine Methode seien die Denunziation und der Verdacht. Sein Zweck sei die Delegitimierung der DDR und alles dessen, "was die Linke gut fand" (Wippermann). Er erhalte sein Geld "nicht auf normalem Wege"; seine Existenz als Angliederung an den FU-Präsidenten sei im Uni-Gesetz gar nicht vorgesehen. Das Gefährliche an ihm sei, daß seine Arbeit "auf der Basis der Totalitarismustheorie" die Singularität von Auschwitz in Frage stelle."Hilfstruppen der Reaktion"Auf diesen Vorwurf hin stand im vollbesetzten Hörsaal 2 der FU-Silberlaube, dem Ort der Abrechnung, ein junger Mann namens Steffen Alisch auf. Leider sei er als Mitarbeiter des Forschungsverbundes hier nicht eingeladen, sagte er, aber er fühle sich tief getroffen: "Meine Arbeit hat nichts mit der Verharmlosung des Holocaust zu tun." Sie untersuche die Verhandlungen zwischen dem Berliner Senat und der DDR-Regierung über humanitäre Fragen in den 60er bis 80er Jahren. Im Forschungsverbund SED-Staat arbeite er mit ehemaligen Linksradikalen aus dem Westen, aber auch mit Leuten aus dem früheren ZK-Apparat und Ex-Bürgerrechtlern zusammen. Er selbst komme aus der DDR.Solche Töne paßten nicht in die Veranstaltung, deren Ergebnis von vornherein feststand: Abrechnung mit rechten Geschichtsrevisionisten. Am Ende machte sie genau das, was sie dem Forschungsverbund vorwarf: Sie produzierte ein Gemisch aus Tatsachen, Vermutungen und Verleumdungen. Der Historiker Wolfgang Wippermann bezeichnete den Forschungsverbund als "eine Kreuzung aus ,Kampfgruppe gegen Unmenschlichkeit (KGU) und ,Notgemeinschaft für eine freie Universität (Nofu)". Er sprach von "politischer Peepshow", "museumsreifen" Ex-68ern, "Hilfstruppen der Reaktion" und deren Zusammenarbeit "mit Pfarrer Gauck und seiner in der Verfassung nicht vorgesehenen Behörde". Der PDS-Bundestagsabgeordnete Uwe-Jens Heuer behauptete, daß der Verbund die Abrechnung mit der einstigen DDR und den heutigen Abbau des Rechtsstaates "ideologisch flankieren" soll, bezog sich aber auf keine einzige konkrete Arbeit. Klaus Schroeder zog bereits seine Schlüsse. Er läßt gerade die Möglichkeit einer Klage gegen den veranstaltenden FU-AStA prüfen, vor allem wegen "verleumderischer Behauptungen", zu denen gehöre, daß der Forschungsverbund "das nationalsozialistische Deutschland mit der DDR gleichsetze". "Auf solche Vorwürfe reagiere ich allergisch", sagt Klaus Schroeder. Es gebe keine einzige Äußerung des Forschungsverbundes in diese Richtung. Zu der Behauptung, daß der Verbund "mit Millionensummen vom deutschen Großkapital" unterstützt werde, sagte Schroeder: "Die Gelder, die wir erhalten, sind Drittmittel von Stiftungen, die mit ganz seriösen Außengutachtern arbeiten." Dazu gehörten die VW- und die Thyssen-Stiftung ebenso wie die Deutsche Forschungsgemeinschaft.Was steckt hinter dem Streit? 1995 hatte es das erste Mal große Schlagzeilen gegeben, als der Forschungsverbund nach der Vergangenheit der FU fragte. Anlaß gab unter anderem die Enttarnung des damaligen Dekans des Otto-Suhr-Instituts (OSI) als "MfS-Agent". Welchen Einfluß übten die SED und das MfS auf die FU aus? fragte der Forschungsverbund. Klaus Schroeder sagte: "Bei der Auseinandersetzung geht es nicht nur um die SED und ihre versuchte Einflußnahme, sondern auch um die Politik- und Sozialwissenschaft und die Irrtümer und Blauäugigkeiten der Linken an der FU." Sofort brach ein Sturm der Entrüstung los. Peter Steinbach warf dem Forschungsverbund vor, Bereiche der FU nachträglich als "rote Kaderschmiede" diffamieren zu wollen. Der FU-Sozialmediziner Alexander Schuller brachte die Auseinandersetzung auf den Punkt: Hier bekämpften sich "die Fraktion, die Aufklärung will, und die Fraktion, die vergessen will". Hinzu kam die immer katastrophaler werdende Finanzlage der FU. Während die meisten Bereiche sparen müßten, genieße der Forschungsverbund eine Sonderstellung, hieß es. Parallel dazu seien mit dem Zentralinstitut für sozialwissenschaftliche Forschung und seiner Bibliothek die Grundlagen einer "bedeutenden DDR-Forschung" (Steinbach) zerschlagen worden. Vielfalt der Themen Die Methode des Forschungsverbundes, Ergebnisse möglichst schnell zu publizieren ­ unter anderem in der eigenen Zeitschrift ­ und auch Personen konkret zu benennen, ist nicht unumstritten. Doch im Grunde setzt der Forschungsverbund das fort, was einige an wirklicher Aufarbeitung interessierte DDR-Forscher bereits 1989/90 begonnen hatten. Der Forschungsverbund gab ihnen Gelegenheit, ihre Arbeit weiterzuführen. Zu ihnen gehören Lutz Prieß und Peter Erler vom einstigen Institut für Marxismus-Leninismus (IML). Im Rahmen des Verbundes entstanden bisher zehn Bücher, darunter "Die SED und der Prager Frühling" (Lutz Prieß/Vßclav Kural/Manfred Wilke) oder "Geschichte und Transformation des SED-Staates" (Hg. Klaus Schroeder). "In den Projekten geht es bunt und wild durcheinander", moniert Steinbach. Doch im Grunde ist es die Vielfalt der Themen und Handschriften der äußerst verschiedenen Wissenschaftler aus Ost und West, die den Forschungsverbund ausmachen. Und wer sollte den hochmotivierten Forschern die Arbeit abnehmen? Denn, so der FU-Politikwissenschaftler Peter Grottian: "Viele sind an diesem Thema interessiert, haben aber inzwischen keine Lust mehr." Das kann nicht im Interesse der Universität sein.