An der Freien Universität tobt ein kleiner Stellungskrieg. Die Bunker stehen 250 Meter voneinander entfernt, in der Ihnestraße 21 und 53. Auf der einen Seite sammelt Professor Peter Steinbach am Otto-Suhr-Institut die vermutlich stärkeren Bataillone, auf der anderen Seite stehen Jochen Staadt, Klaus Schroeder und Manfred Wilke mit ihrem eher bunten Haufen des "Forschungsverbunds SED-Staat". Der aber ist für böse Überraschungen gut. Sie stammen aus den Dokumenten-Arsenalen der DDR.Gestritten wird derzeit um Robert Havemann, Walter Ulbricht, Max Hoelz, die SPD und die DDR. In der Sache geht es um die rechte Gewichtung winziger Anteile des insgesamt wenig gewichtigen deutschen Widerstands gegen Hitler in der von Steinbach geleiteten Gedenkstätte in der Stauffenbergstraße. Die Angelegenheit ist nicht übertrieben bedeutend, die enzyklopädisch aufgebaute Ausstellung läßt sich an vielen Ecken kritisieren, das liegt in der Natur eines solchen zwar ermüdenden, aber doch berechtigten Konzepts. Einzelne Gesichtspunkte können jederzeit erweitert oder korrigiert werden. Steinbach hat das bereits im "Tagesspiegel" in Aussicht gestellt.Zur kämpferischen Katharsis in Fußnotengewittern aber verhalf zuletzt die schäbige Hinterlassenschaft eines früheren Reisekaders: die im Hause Gauck verwahrten Berichte von Kurt Finker aus Potsdam. Ein Historiker, der sich, wie andere auch, auf die "zeitgebundene politische Dimension" seines Tuns stets verstand, dies und das über seine West-Kollegen berichtete und in der DDR für den "20. Juli" zuständig war, für die Stauffenbergs, Schlabrendorffs, Tresckows, Hardenbergs, Putbus· ­ die Barone eben. Der Deckname "Baron" lag daher für IM Finker in der Luft. Seinen letzten Dienst erwies Baron-Finker der Gedenkstätte Deutscher Widerstand 1994, als er die als Ehre gemeinte Berufung in den Beirat mit vorgeschobenen Begründungen und einer gewissen Vorahnung nicht annahm. So jedenfalls sieht es der in der Kulturverwaltung zuständige Referent Ekkehard Klausa.Den Kern des aktuellen Streits bildet ein Aufsatz, den Staadt und Schroeder in der Beilage der Zeitung "Das Parlament" im Juni veröffentlichten: "Zeitgeschichte in Deutschland vor und nach 1989". Es geht um die tatsächliche oder behauptete Anbiederung linksliberaler, SPD-naher West-Historiker an die einstige DDR. Objekt ist also die politisch-zeitgeschichtliche Rolle der Historiker selbst. Das aber verstößt gegen die ungeschriebenen Gesetze einer Zunft, die von der Suche nach den Splittern in den Augen anderer und der anschließenden therapeutischen Begleitung lebt.Während viele und namhafte westdeutsche Historiker in den Jahren vor 1989 Wandel, Annäherung, gemeinsame Konferenzen und Buchprojekte forcierten, entdeckten dieselben Leute danach den "Diktaturenvergleich". Während beispielsweise Jürgen Kocka auf einem eigens arrangierten SPD-SED-Historikertreffen 1987 im Bonner Erich-Ollenhauer-Haus mit dem Gestus tausendjähriger Notwendigkeit feststellte, "die Existenz mehrerer deutschen Staatswesen war der Normalfall deutscher Geschichte", erklärte er fünf Jahre später: "Unsere Kontakte mit den DDR-Historikern waren vor 1988/89 fast Null." So war es eben nicht. Als die Westberliner Ausstellung "Topographie des Terrors" im Frühjahr 1989 in Ostberlin und dann in Buchenwald gezeigt wurde, verschwand der heikle Teil der Havemann-Biographie. Jürgen Fuchs protestierte damals schriftlich, vom Ausstellungsmacher Reinhard Rürup erhielt er nie eine Antwort. Prinzipiell ähnliche Rücksichten monieren Staadt und Schroeder im Fall "Gedenkstätte deutscher Widerstand". Die historische Rolle von Männern, die "Gegner und Opfer der NS- und SED-Diktatur" waren, habe "quer zum ,verantwortungsgemeinschaftlichen Geschichtsbild der achziger Jahre" gestanden.Ob das Konzept "Wandel durch Annäherung" in den siebziger und achtziger Jahren falsch oder richtig war, braucht hier nicht entschieden zu werden. Selbst der Springer-Konzern verzichtete im letzten, dann grandios falschen Moment auf die berühmten Anführungszeichen vor und nach dem Unwort DDR, von den öffentlichen und geheimen Spritztouren des Franz Josef Strauß nicht zu reden.Der Konflikt ist auch anders gelagert. Den Forschern der Arbeitsgruppe SED-Staat geht es eben nicht allein um die dokumentarische und analytische Rekonstruktion eines auf die Ex-DDR und deren Bürger beschränkten Phänomens, sondern auch um blinde Flecken im Selbstbewußtsein derer, die im Westen handelten, wie beispielsweise Historiker. Staadt und Schröder personalisieren, wo andere in strukturgeschichtlicher Abstraktheit unanstößige Positionen suchen. Hier beeinflußt das Eigeninteresse des Forschers die wissenschaftlich-methodischen Verfahrensweisen unvermeidlich. Ziel ist dabei aber nicht die Zerstörung der Reputation einzelner, die auch mit einem beliebigen MfS-Vermerk nicht zu zerstören ist, wohl aber die Störung einer bis zur Langeweile satten, selbstgewissen Reputierlichkeit.Das Projekt "Forschungsverbund SED-Staat" arbeitet erfolgreich. Neulich erst wurde es evaluiert ­ mit ausgezeichneten Ergebnissen. Die Archivarbeiten und Publikationen übertreffen den selbstgenügsamen FU-Durchschnitt um ein Vielfaches. Sie treffen mal diesen, mal jenen unter den Lebenden. Das hat gute Zeitgeschichtsforschung so an sich, zumal wenn sie sich mit Diktaturen beschäftigt, die niemals von anonymen Verhältnissen und Strukturen erzeugt, sondern von Menschen gemacht und beeinflußt werden.Es ist gegen jede Pluralität von Wissenschaft gerichtet, wenn die andere Seite, die selbst massive Forschungsinteressen vertritt, die Forschungsgruppe in der Ihnestraße 53 fast ununterbrochen und mit den rüdesten Worten abqualifiziert. Es ist angesichts der wissenschaftlichen Leistungen ungehörig, wenn Jürgen Kocka im "Focus" jüngst erklärte: "Staadt und Schroeder sind Meister der politischen Demagogie, Wissenschaftler ohne Glaubwürdigkeit und Seriosität." Sie seien "Kampfgelehrte", wird von anderen behauptet, sie betrieben "journalistische Enthüllungshistorie" und, wie Steinbach es ausdrückt, eine "Politik der Verdächtigung". Natürlich wirft man den Nestbeschmutzern "Journalismus" vor. Es ist schon wahr: Sie können nicht nur forschen, sondern zum Verdruß ihrer Kritiker ­ und anders als die Mehrzahl deutscher Historiker ­ auch schreiben, vielleicht tun sie es sogar gerne und werden deshalb verstanden.Haltet den Dieb, ruft eine durch und durch politisierte Zunft deutscher Zeitgeschichtler, die in Gedenkstätten, partei- und staatsnahen Beiräten ununterbrochen staatliche Geschichtspolitik mitgestalten. Auch dagegen ist nichts zu sagen. Nur ist dann auch politische Kritik erlaubt.Götz Aly