Die Eingangstür ist bunt bemalt, im Hof stehen Schrottautos und wenige Meter neben dem Haupthaus einige alte Wohnwagen. Auf der großen Freitreppe spielen Kinder in der Märzsonne. Daß das halb verfallene Haus am Zeesener See vor sechzig Jahren Schauplatz rauschender Feste war, ist heute kaum noch zu ahnen.Schloß Zeesen wartet darauf, seinem rechtmäßigen Besitzer zurückgegeben zu werden. Seit 1990 liegen die Nachkommen der ehemaligen Besitzer im Streit um das Anwesen. Heute wird er vor dem Cottbusser Verwaltungsgericht fortgesetzt. Die Villa gehörte einst dem jüdischen Bankier Ernst Goldstein, der sie 1934 an den Schauspieler Gustaf Gründgens verkaufte. Der Schauspieler machte das Haus in den dreißiger Jahren zu einem Treffpunkt damaliger Berühmtheiten. Ufa-Stars wie Zarah Leander, Marikka Röck und Hans Albers gingen hier ein und aus. Nach dem Krieg besetzten erst die Russen das Anwesen, danach gehörte es dem DDR-Außenministerium. Seit der Wende reklamiert es der 75jährige Adoptivsohn Peter Gründgens-Gorski ebenso für sich wie der Sohn von Ernst Goldstein, Rudolf Goldstein.Während des Rechtstreites der beiden alten Männer ist die Villa zwar weiter verfallen, unbewohnt geblieben ist sie jedoch nicht. 1991 besetzten etwa zwanzig junge Leute das Haus. Sie reparierten notdürftig die elektrischen Leitungen und stellten Öfen in den Zimmern auf. Und sie gründeten den alternativen Verein "Splirtz".Das Haus ist seitdem eine Art Freizeitzentrum für die Jugendlichen aus der Umgebung und steht allen offen. Hier können sie Billard spielen, Musik hören oder einfach nur quatschen. An den Wochenende finden regelmäßig Konzerte mit verschiedenen Bands statt. "Unerwünscht sind bei uns nur die Rechten", sagt Sozialarbeiter Ralf Müller, der selbst seit fast sechs Jahren hier lebt. Fast so lange ist auch Daniel dabei. Der 22jährige Umschüler ist vor über fünf Jahren in die alte Villa eingezogen, weil "zu Hause alles auseinanderging". Sein Zimmer im ersten Stock ist eiskalt. 120 Mark Miete zahlt er pro Monat an den Verein, für Kohlen muß er im Winter fast noch mal soviel aufbringen. Doch Daniel wirkt ohnehin nicht gerade wie ein Anhänger wilhelminischer Gemütlichkeit. "Ich bin viel unterwegs." Besonders viel Mühe geben sich die Bewohner nicht mit dem Haus. Sie wissen alle, daß sie nur so lange hier geduldet werden, bis der Rechtsstreit entschieden ist. Ihre Sympathie gilt dabei dem Goldstein-Erben und das nicht nur, weil er dem Verein 100 000 Mark geboten hat, wenn dieser auszieht. Kindheitserinnerungen"Herr Goldstein war mal hier und hat mit uns Kaffee getrunken", sagt Ralf Müller. "Für ihn ist das hier die Erinnerung seiner Kindheit." Daher wolle er das Haus komplett restaurieren, wenn es ihm zugesprochen werde. Zu Gründgens-Gorksi haben die Besetzer keinerlei Kontakt.Bis das Gericht endgültig entschieden hat, wollen die Besetzer in der Villa wohnen bleiben schon um ihre Abfindung nicht zu gefährden. Sie haben Geduld. Schließlich wird es in den nächsten Wochen allmählich wärmer werden. Spätestens wenn man draußen am See sitzen kann, wird das Schloß wieder zum Treffpunkt in Zeesen. Ralf Müller: "Im Sommer ist es hier wie im Paradies."