Willy Sommerfeld ist ein Liebling der Berliner Kinogänger, seit er in ihr Blickfeld trat. Das war 1972, Sommerfeld hatte Kontakt zum Kino Arsenal und seinem Leiter Ulrich Gregor aufgenommen. Man zeige doch Stummfilme dort, und er könne sie auf dem Klavier begleiten. Er kenne das - das habe er schon in der Stummfilmzeit gemacht. Sommerfeld wurde eingeladen, der Erfolg war gewaltig, und fortan gehörte er zu einem vollgültigen Stummfilmabend dazu.Sommerfeld war damals schon fast ein alter Mann. Geboren 1904 in Danzig, besuchte er seit 1920 das Sternsche Konservatorium in Berlin. Kind armer Leute litt er Not, er musste sich nach einer Verdienstquelle umschauen, und so kam er, von seinem Professor vermittelt, als Pianist zum Kino. Jahre lebte er davon, dann kam der Tonfilm auf. Sommerfeld sah, dass er Neues probieren musste. Er arbeitete als Theaterdirigent, Arrangeur, Komponist, kam durch den Krieg, fing nach 1945 neu an im Varieté, dirigierte die Kapelle im Zirkus Barlay und ging wieder ans Theater, diesmal nach Potsdam. Es war der Lebensgang eines Gebrauchsmusikers, wie er nicht immer lustig ist. Ende der Sechzigerjahre musste er bunte Nachmittage für Rentner übernehmen und mit Sängern, die selbst schon den Abend ihrer Möglichkeiten sahen, Operettenprogramme einstudieren. In einem gerade entstandenen Dokumentarfilm über Sommerfeld, "The Sound of Silence" von Ilona Ziok, erzählt der Sohn Sebastian, wie sein Vater darunter litt. Und dann kam die zweite Karriere als Stummfilmbegleiter.Willy Sommerfeld ist ein Musiker der Stimmungsmalerei. In "The Sound of Silence" bittet er einen Gesprächspartner, ihm irgendeine Stimmung zu nennen, und gleich darauf improvisiert er dazu passende Klänge. So muss er auch die Filme begleitet haben, in den zwanziger Jahren und dann wieder seit 1972 - der Film ist da leider weniger neugierig und vermeidet alle technischen Fragen. Sommerfeld sah sich die Filme offenbar vorher nicht an, sondern improvisierte zu den Bildern, die er vom Klavier aus sah. Die Gebrauchsmusik der Zeit, Lieder, Couplets, Hymnen, Märsche, Walzer hatte er in petto, mit dem Material konnte er frei wirtschaften. Und weil er frei spielte (und viele andere seiner Zeit wohl ähnlich) und damals nichts festgehalten wurde, ist es so wichtig, dass man ihn noch einmal hört. Er ist ein Zeuge der Filmgeschichte, wie es wenige gibt.Wirklich schön in dem neuen Dokumentarfilm sind die Aufnahmen, in denen er zu Stummfilmen spielt. Man sieht, wie diskret er arbeitete, mit einer Klangmalerei ohne grelle Effekte. Wenn in "Sinfonie der Großstadt" der Schnellzug in den Anhalter Bahnhof einfährt, so geht die Musik in die "Berliner Luft" über, aber ohne das "verpufft, pufft, pufft". Manches an dem Ilona Zioks Film ist etwas süßlich, so wie gern über Kinder und alte Leute geredet wird, mit Extra-Innigkeit und Respekt (Prädikat deshalb "besonders wertvoll"). Dabei hat Sommerfeld eine solche Zuckerkruste nicht nötig. Selbst spricht er gut. Seine Sätze kommen ruhig und unaufwändig, als hätten auch sie ein Jahrhundert hinter sich. Nichts vom dicken Wilhelm. Heute bekommt Willy Sommerfeld das Bundesverdienstkreuz. Da hat es mal den Richtigen getroffen.The Sound of Silence wird voraussichtlich Ende August in Berlin wiederaufgeführt.------------------------------Foto: Gebrauchsmusik hält fit: Willy Sommerfeld.