Der Südsudan wird am 9. Juli unabhängig. Die Menschen haben große Hoffnungen - zum Beispiel die, richtige Schulen zu bekommen: Klassenzimmer unterm Mangobaum

MUNDRI. Im Schatten eines großen Mangobaumes schlagen zwei Jungen mit ihren Macheten zwei kräftige Äste zurecht. Die legen sie dann zwischen die Gabeln von zwei kleineren Ästen, die in den Lehmboden eingegraben sind - fertig ist die Schulbank. Auf solcherart Mobiliar sitzen auch die anderen Schüler der Grundschulklasse von Mundri, einer Stadt im Südsudan. Eine Stadt ist die Ortschaft mit ihren 33000 Einwohnern allerdings nur aus sudanesischer Perspektive. Mit deutschen Augen betrachtet sieht die Siedlung etwa 200 Kilometer nordwestlich der Hauptstadt Juba eher aus wie ein Dorf. Als Klassenzimmer dient der Schatten unter dem Mangobaum. Die Sitzäste sind das einzige Mobiliar neben der Tafel, die der Lehrer auf dem Markt gekauft hat. Tische gibt es nicht. Aber weil die Kinder gar keine Hefte oder Stifte haben, brauchen sie auch keine Tische.Zwei Jahrzehnte BürgerkriegAber immerhin, die Kinder lernen etwas. Lesen, Rechnen, Englisch, naturwissenschaftliches Grundwissen. Das ist keine Selbstverständlichkeit in einer Region, die mehr als 20 Jahre Bürgerkrieg hinter sich hat und ein eigener Staat erst noch werden soll, am 9.Juli, wenn der Süd- vom Nordsudan offiziell unabhängig wird. Für diese Unabhängigkeit haben die schwarzafrikanischen und mehrheitlich christlichen Südsudanesen in zwei Kriegen gekämpft. Allein der zweite dauerte mehr als zwei Jahrzehnte, von Anfang der 80er-Jahre bis Januar 2005. Seitdem ist die Regierung von Präsident Salva Kiir, die aus der Rebellenarmee SPLA hervorgegangen ist, kommissarisch im Amt. Zum Friedensvertrag gehörte die Vereinbarung, dass die Südsudanesen am 9. Januar 2011 darüber abstimmen durften, ob sie als teilautonomer Staat künftig mit dem mehrheitlich arabisch-muslimischen Norden zusammen bleiben oder unabhängig werden wollen. 99 Prozent der Südsudanesen stimmten für die Unabhängigkeit.In Mundri sind die meisten anderen Schülerinnen und Schüler ebenfalls unter Bäumen versammelt. Nur die Klassen sechs bis acht haben so etwas wie eine Hütte als Klassenraum, mit einer Plastikplane als Dach. Unter dieser Plane unterrichtet Baraka Wilson die achte Klasse gerade in Mathe, es geht um das Parallelogramm. Wilson ist 22 Jahre alt, hat während des Bürgerkriegs einige Jahre eine weiterführende Schule in Uganda besucht und sich dadurch zum Lehrer qualifiziert. Er hat sich ein paar Lehrbücher beschaffen können, aber die Schüler haben keine. Auch an Hefte zu kommen ist schwierig. "Als ich zum Beispiel letzten Donnerstag in die Klasse kam, haben sieben Schüler gesagt, ihre Hefte seien voll", erzählt Wilson. "Im Lehrerzimmer waren auch keine mehr, da bin ich auf den Markt gegangen und habe von meinem Geld welche gekauft." Das sogenannte Lehrerzimmer ist ein mit Strohmatten bedecktes Holzgerüst. "Wenn es regnet, werden wir nass, und unsere ganzen Papiere auch", sagt Wilson. Wobei Papiere wörtlich zu nehmen ist: Computer oder auch nur Regale mit Aktenordnern gibt es nicht, nur Holzbänke und einen Tisch, auf dem Stapel mit handbeschriebenen DIN-A4-Blättern liegen.Die Lehrer werden nicht bezahltDie Idee mit der Schule, die er Amalo Modern Primary School nannte, hatte Apaya Morris Apaya. "Amalo", das ist Morris Apayas Programm: "Wir sind eins", heißt das. Der 31-Jährige war mit seinen Eltern während des Krieges aus Mundri nach Uganda geflohen. "Das war in gewisser Weise ein Glück", erzählt er. "Im Südsudan war das Schulsystem völlig zusammengebrochen, aber in Uganda konnte ich etwas lernen." Morris Apaya besuchte sogar die Universität und studierte einige Semester lang Pädagogik, bis ihm 2005 das Geld ausging. Und weil inzwischen im Südsudan Frieden war, kehrte er in seine alte Heimat zurück.Hier stellte er fest, dass viele Kinder Analphabeten bleiben, weil es kaum Schulen gibt. In den Klassen, die er in der Gegend von Mundri sah, saßen 150 bis 200 Kinder. "Da habe ich eine eigene Schule gegründet, um die anderen zu entlasten." Das war im Mai 2008. Die 14Lehrer des Kollegiums sind alle Rückkehrer aus Uganda, die dort bis zur weiterführenden Schule gekommen waren. Ohne Bezahlung, nur unterstützt durch gelegentliche Zuwendungen der Leute von Mundri, kämpfen sie sich durch den Schulalltag. Da gerade Regenzeit ist, heißt das auch, dass der Unterricht wegen tropischen Platzregens jederzeit bis zum nächsten Tag unterbrochen werden kann. Wer möchte schon im Gewitter unter einem Mangobaum lernen?"Das Leben ist nicht leicht", sagt der Mathematiklehrer Baraka Wilson. Weil sein Vater in Mundri einen Acker hat und ihn unterstützt, komme er über die Runden. "Ich hatte Glück, dass ich etwas lernen konnte", sagt Baraka, "das will ich mit anderen teilen. Wir müssen tun, was wir können, damit in unserem neuen Staat alle eine Chance haben." Auch Direktor Apaya Morris Apaya erhält für seine Arbeit kein Geld. Das ist bitter, weil er sein Studium in Uganda unbedingt abschließen möchte und dafür eigentlich sparen will. Aber obwohl sein Schulprojekt diesen Plänen zuwiderläuft, wird er es wohl nicht so schnell aufgeben. "Ständig kommen weitere Kinder. Ich bringe es nicht über mich, einfach zu gehen."Für die Bewohner von Mundri ist das Leben nach wie vor hart. Aber für alle gilt: Sie sind zutiefst dankbar für den Frieden und haben auch sechs Jahre nach Ende des Krieges diesen Alptraum nicht vergessen. "Schauen Sie sich um", sagt Benneth Hissen, der für eine lokale Hilfsorganisation arbeitet. "In Mundri laufen wieder Hühner und Ziegen herum. Die gab es im Krieg nicht, die Soldaten plünderten alles." Dass sie ihre Felder bestellen und ernten können, ohne vertrieben oder beraubt zu werden, macht Mundri für seine Bewohner noch immer zum Vorhof des Paradieses. Und alle hoffen sie, dass ab 9. Juli alles gut wird, dass sie dann auch Arbeit bekommen und richtige Schulen und Krankenhäuser.------------------------------Karte: SudanFoto: Unterricht in Mundri: Wenn ein Gewitter kommt, rennen alle nach Hause.