Wunderbar!" sagt Stefan Zosel auf die Frage, wie sich das Konzept des Myfests in Kreuzberg bewährt habe. Zosel ist Inhaber des Cafés "Kuchen Kaiser" in der Oranienstraße. Bei ihm herrschte am 1. Mai Hochbetrieb. Obwohl nebenan in der Adalbertstraße Steine flogen, blieb es in seinem Café friedlich - im Unterschied zu den Vorjahren. Am Oranienplatz spielten Bands sogar bis Mitternacht. "Früher war mein Café spätestens um 19.30 Uhr eine Krankenstation für die Verletzten der Auseinandersetzungen. Dieses Jahr habe ich kein Blut gesehen." Hanns Peter Nerger, Chef der Berlin Tourismus Marketing GmbH (BTM), sagt: "Die Idee der Kreuzberger zu dem Fest war hervorragend. Das muss unbedingt noch ausgeweitet werden. Ich kann mir gut vorstellen, eines Tages mal Touristen zum Tanz in den 1. Mai zu werben, auch wenn das derzeit noch zu früh ist."Doch nicht jeder ist von dem Erfolg des Festes überzeugt. "Es war genauso viel Randale wie in den Jahren zuvor", meint Harmeet Bans, Inhaber des indischen Restaurants Amrit in der Oranienstraße. Dem Geschäft habe es allerdings nicht geschadet. "Wir hatten durchgehend geöffnet und es war die ganze Zeit belebt", sagt er. Die Veranstalter des Myfests sprechen von einem Teilerfolg ihres Konzepts. Es setzt darauf, ein breites Publikum mit attraktiven Veranstaltungsangeboten zu typischen Krawallschwerpunkten zu ziehen, sodass für Randale schlicht kein Raum mehr ist. Das habe im Grund gut funktioniert, sagt Andreas Wandersleben, Sprecher der IG Oranienstraße, die das Fest dort organisiert hat. "Die Kreuzberger haben sich die Straßen, in denen sie leben und arbeiten, zumindest teilweise zurückerobert", sagt Wandersleben. Weit mehr als 100 000 Menschen hätten in der Oranienstraße gefeiert, auf zwei Bühnen habe es bis nachts um eins Tanzmusik gegeben. "Da war richtig gute Stimmung". Wandersleben kennt die Maikrawalle seit 1987 und sieht trotz der Ausschreitungen in diesem Jahr keine Alternative dazu, das jetzt erprobte Konzept in Absprache mit Anwohnern, Bezirk und Polizei weiter zu entwickeln. Probleme bereite, dass Jugendgruppen offenbar gut organisiert Gewalttaten verübten. "Da schickt ein Anführer ganze Gruppen los, um gezielt Randale zu machen. Das hat es bisher nicht gegeben," sagt Wandersleben.Von einem Teilerfolg des Konzepts spricht auch die Bürgermeisterin von Friedrichshain-Kreuzberg, Cornelia Reinauer (PDS). Sie sei zwar sehr enttäuscht, dass das Konzert auf dem Mariannenplatz wegen der Krawalle in der Nähe abgebrochen werden musste. Trotzdem sei es insgesamt gelungen, "das Ritual der Gewalt zumindest teilweise zu durchbrechen." Und diesen Erfolg "lassen wir uns auch nicht nehmen", betonte Reinauer. Die PDS-Politikerin lobte die Kooperationsbereitschaft der Polizei.Reinauer räumte ein, dass mit dem Konzept ein großes Risiko verbunden sei. Mit den Gewalttaten von organisierten Jugendgruppen, habe man in dieser Form nicht gerechnet. Über die Motive der Jugendlichen wisse man wenig: "Offenbar sind sie unpolitisch und versuchen, einmal im Jahr ihre Kräfte mit dem Staat zu messen", vermutet Reinauer. Perspektivlosigkeit spiele möglicherweise eine Rolle, mit Sicherheit wirke der "massive Alkoholgenuss" enthemmend. Skeptisch äußert sich Dietmar Lingemann, der für Bündnis 90/Die Grünen das Fest am Mariannenplatz mitorganisiert hat. Wenn man viele Menschen zum Myfest nach Kreuzberg locke, dann vergrößere man auch das Potenzial der Randalierer und Randale-Zuschauer. Das Konzept der "ausgestreckten Hand" habe sich jedoch in den vergangenen Jahren bewährt. Die Intensität der Krawalle habe abgenommen.BERLINER ZEITUNG/GERD ENGELSMANN Für manche ein einschneidendes Erlebnis: Straßenfest in der Oranienstraße in Kreuzberg am 1. Mai.