Die Leute von Heizöl-Sturm wollten besonders clever sein. Eine Pleitefirma muß man fleddern, solange etwas zu holen ist. Still und heimlich sind sie mit ihrem Tanklaster angerückt, haben den Weg hintenrum aufs Firmengelände der Werft genommen, das Schloß geknackt und ein paar tausend Liter Diesel abgepumpt. Ihren Diesel, den die todkranke Werft noch nicht bezahlt hatte.Genau eine Woche nach der gefeierten Einigung über das "Bündnis Arbeit-Ost" hat die Elbewerft im mecklenburgischen Boizenburg Konkurs angemeldet. Noch am Montag hatten die Schiffbauer vor der Treuhand-Nachfolgerin BvS in Berlin demonstriert und Zusagen über 2,6 Millionen Mark Liquiditätshilfe erhalten. Voller Hoffnung waren sie zurück nach Hause gefahren. Einen Tag später beantragte der Geschäftsführer der Werft beim Amtsgericht die Gesamtvollstreckung. Das Traditionsunternehmen ist zahlungsunfähig.Der Tag nach dem Schock. Aus dem Betriebsrats-Fax quellen ein paar Solidaritätserklärungen. Der Landrat bekundet pflichtgemäß seine Bestürzung, und im Landesarbeitsamt wird schon mal ausgerechnet, wie sich 300 zusätzliche Arbeitslose auf die Statistik auswirken werden.Hammerschläge klingen über das Werftgelände. Die Belegschaft arbeitet. Kein Streik, keine Betriebsbesetzung, kein Protestmarsch durch Boizenburg. Nur zwei Arbeiter stehen vor dem Werkstor und passen auf die Transparente auf. "BvS = Bundes-Verbrecher-Syndikat" steht da, aber der Regen hat die rote Farbe längst ausgewaschen. Das Protest-Rot ist einem zarten Schweinchenrosa gewichen. Gewissenhaft stellt der Pförtner die Besucherscheine aus. Auch im Untergang muß alles seine Ordnung haben.Im Büro des Geschäftsführers sitzt schon der Zwangsverwalter über den Akten und versucht sich Überblick zu verschaffen, bevor die Lieferanten ihr Material vom Hof schleppen. Ein Stahlhändler war schon da und hat mit Kreide "Eigentum Stinnes" auf jede seiner Stahlplatten gekritzelt.Versickerte Millionen Es ist ein Stück aus der Reihe der Trauerspiele, von denen es im deutschen Osten schon so viele gab. Fehlgeschlagene Privatisierung, enttäuschte Hoffnungen, versickerte Millionen. Der von der Treuhand ausgewählte Erwerber, ein Arbeitsverleiher aus Bremen, kaufte Lastwagen und versprach neue Jobs in einem neuen Gewerbepark ­ doch es reichte nur für ein paar Briefkastenfirmen, die nie Aufträge hatten. Auf seltsamen Wegen wurden etliche Millionen ­ wieviel genau, kann niemand sagen ­ aus der Kasse der Elbewerft in die anderen Firmen des vermeintlichen Werft-Sanierers gespült. Millionen, die den Schiffbauern für die Vorfinanzierung von Aufträgen fehlten.Auf der Helling liegt ein Containerschiff, das am 12. Juni vom Stapel laufen soll. "Ein Zahnwal-Schiff", sagt Schiffbauer Lothar Wuttke, der 54 ist und im Plattenlager arbeitet, seit die rechte Schulter streikt."Zahnwal-Schiff?""Ja, Zahn für Zahnärzte, Wal für Anwälte. Die legen ihr Geld gern in lukrativen Schiffs-Beteiligungen an."Das Schiff wurde von vornherein mit einem Verlust von drei Millionen Mark kalkuliert. Da mögen die Elbewerft-Werker sich noch so sehr mühen und Material sparen ­ nie und nimmer können sie das Schiff kostendeckend bauen. Soviel zum Thema Wirtschaftlichkeit."Man darf so ein Schiff eben nicht verschleudern", sagt Wuttke."Aber würde man denn einen Käufer finden, wenn es vier oder fünf Millionen Mark teurer ist?"Darauf weiß Schiffbauer Wuttke auch keine Antwort.In der Montagehalle sitzen ein paar Schiffbauer um einen Tisch herum, die Gesichter auf Halbmast, trinken Kaffee aus Thermoskannen und essen riesige Wurstbrote. Soll man sie etwas fragen? Wie die Stimmung ist? Ob Sie woanders Arbeit finden werden? Nein, besser nicht.Für den Betriebsrat ist die Sache klar: Kein Job, nirgends. Nicht mal im Westen, und der ist nur ein paar Autominuten entfernt.Das stimmt nicht ganz. Die Region ist geradezu ein Paradies für Investoren: Die A 24 nach Hamburg geht mittendurch, Grund und Boden ist phantastisch günstig, und die Wirtschaftsförderung vergoldet auch das kleinste Stück betonierten Boden.Etliche Investoren haben angebissen: Oetker und Danone sind schon da, Chinesen bauen gerade eine Bleistiftfabrik. Manager aus dem Westen haben zwei Gummibärchenfabriken hochgezogen. In einer Geflügelschlachterei ziehen Arbeiterinnen in weißen Gummischürzen und schweren Gummistiefeln den ganzen Tag schweigend Gedärme aus den Hähnchen, die an Haken vor ihnen vorbeibaumeln.Die Arbeitslosigkeit in der Gegend liegt bei 14 Prozent. Fünf Prozent weniger als der Schnitt in Mecklenburg-Vorpommern, zehn Prozent weniger als in Demmin oder Torgelow, im dunklen Osten des Landes.Sogar am ehemaligen Todesstreifen brummt es. Auf dem Gelände des Grenzübergangs Zarrentin, wo Weihnachten 1989 glückliche DDR-Deutsche die einreisenden Bundesbürger mit Tannenzweigen und Aldi-Weinbrandbohnen begrüßten, wuchert ein "Mega Park". Logistikzentren haben sich breitgemacht, riesige Waren-Umschlagplätze wurden aufs Gelände geklotzt. Ein Spediteur nutzt die Gebäude der Grenztruppen.Der Lohn wird gezahlt Es gibt einiges zu tun im äußersten Westen von Mecklenburg-Vorpommern ­ für Leute, die noch keine 40 sind, die bereit sind, auch für weit weniger als 20 Mark Stundenlohn zu arbeiten, die eine Stunde Anfahrt zum Job in Kauf nehmen. Aber es gibt wenig zu tun für Boizenburger Schiffbauer, die in Boizenburg bis zur Rente Schiffe bauen wollen.Die Leute vom Betriebsrat kommen über den Hof. Sie gehen zum Sequester, der ihnen sagen wird, daß zumindest die Löhne für die nächsten drei Monate gezahlt werden.Was sie jetzt unternehmen werden? Ratloses Schulterzucken. Dann kommt das Gespräch wieder auf Heizöl-Sturm, der den Diesel abgepumpt hat. "Der ist aus Boizenburg", sagt einer der Betriebsräte, "der lebt von unserem Geld. Wir werden das nicht vergessen." Keiner spricht von Boykott. Es genügt der Hinweis, daß Sturm in der Stadt auch eine Tankstelle und ein Autohaus besitzt. Er dürfte wirtschaftlich schweren Zeiten entgegensehen.