Am Gartenplatz spukt es. Um Mitternacht flackert hinter den Fenstern der katholischen St.-Sebastian-Kirche ein schwaches Licht. Das ist die Laterne der Witwe Meyer, die hier an der Ackerstraße begraben liegt. 1837 wurde die Alte gehenkt, sie hatte ihren Gatten ermordet. Es war die letzte Hinrichtung in Berlin. Ein findiger Wirt kaufte die hölzerne Galgenanlage und baute daraus das Fundament für eine Kneipe am Gartenplatz. Seitdem hat sich die Gegend dort sehr verändert, und deshalb irrt die alte Witwe Meyer manchmal stundenlang auf der Suche nach ihrem Grab umher. Mit dieser Geschichte, die eine Nachbarin erzählte, hat alles angefangen. "Ich wollte mehr über die Ackerstraße wissen und fing an, zu recherchieren", erinnert sich Andreas Robert Kuhrt, der damals im Haus Nummer zwölf in einer Wohngemeinschaft wohnte. Der gelernte Verkäufer und ehemalige Schriftsetzer war Anfang 1997 gerade mal wieder arbeitslos und lernte für den Taxischein. In den nächsten vier Monaten verbrachte Kuhrt einen Großteil seiner Zeit in Archiven und Bibliotheken, las in Geschichtsbüchern und alten Dokumenten.Er lernte, daß der ehemalige Sandweg nördlich der Berliner Stadtmauer vor knapp 250 Jahren von Handwerkern aus Sachsen erstmals besiedelt wurde. Von Anfang an galt die überwiegend von armen Leuten bewohnte Gegend als verrufen: Das Hochgericht war um die Ecke, und viele Kriminelle suchten in der von Prostituierten und Freiern frequentierten Straße Unterschlupf. Das "Gesindel" blieb, als Mitte des 19. Jahrhunderts die ersten Arbeiter von Schwartzkopff und der AEG die inzwischen errichteten Mietskasernen mitten im Industriegebiet bezogen. "Hier, aus den völlig überbelegten Elendsquartieren, kommt angeblich der Spruch her: Wir haben fließend Wasser zu Hause von den Wänden runter", meint Kuhrt. Schaurige Berühmtheit erlangte vor allem Meyer s Hof in der Ackerstraße 132/133. In dem Vorderhaus mit fünf Quergebäuden lebten zeitweise bis zu 2 000 Menschen. "Heute stehen da häßliche Neubauten."Viele Hinweise bekam der Hobby-Historiker auch von den heutigen Anwohnern der Ackerstraße, die nun wieder die Bezirke Wedding und Mitte miteinander verbindet. Kuhrt hängte Zettel an die Bäume und besuchte seine Gewährsleute: in den Neubauten und im Altersheim auf der ehemaligen Westberliner Seite und in den zumeist immer noch recht heruntergekommenen Altbauquartieren im früheren Ostberlin. In der Nähe wohnte auch die SPD-Politikerin Regine Hildebrandt. Sie wuchs in der Bernauer Straße/Ecke Ackerstraße im Grenzgebiet zwischen Ost- und Westberlin auf. Im Gespräch mit Kuhrt erzählte sie von Chorproben in der Versöhnungs- und in der sogenannten Schrippenkirche, die durch die Obdachlosenspeisungen zu Beginn des Jahrhunderts berühmt und 1980 abgerissen wurde. Der Schauspieler Erwin Geschonneck, der in der Akkerstraße 6/7 aufwuchs, erzählte Kuhrt von den im Hinterhaus gelegenenen Borussia-Festsälen, wo er als Junge Laientheater-Aufführungen von Handwerkern und Arbeitern sowie deren anschließende Saufgelage bestaunt hatte. "Ich wollte auch noch Walter Plathe interviewen, der früher mal in der Ackerstraße wohnte", erinnert sich Kuhrt. Doch statt einer Antwort schickte der Schauspieler ein halbes Jahr später eine Autogrammkarte.Nach kurzer Zeit hatte Kuhrt so viel Material gesammelt, daß es für ein Buch reichte. Das war ursprünglich gar nicht geplant gewesen, aber "ich hatte dann einfach Lust dazu, das zu veröffentlichen". Ein befreundeter Drucker schoß die Kosten vor, das Kulturamt Mitte gab 1 000 Mark dazu.Kuhrt arbeitete fast unentgeltlich, denn "das Buch sollte ja nicht mehr als zehn Mark kosten, damit es sich die Leute aus der Gegend leisten können". Nach sechs Wochen war die im Sommer 1997 erschienene "Reise durch die Ackerstraße" vergriffen. Die meisten der 1 115 im Selbstverlag erschienenen Exemplare hatte Kuhrt den Anwohnern an der Tür verkauft, den Rest brachten Buch- und Zeitungsläden in Mitte und Wedding unter die Leute. Ein Immobilienmakler, der gerade ein Haus in der südlichen Ackerstraße saniert hatte, wollte eine Lesung veranstalten: "Aber nicht mit mir, habe ich dem gesagt." Kuhrts Herz schlägt schließlich für diejenigen, die sich hohe Mieten nicht leisten können.Er selbst ist inzwischen ein paar Blocks weiter zum Rosenthaler Platz gezogen. Ein Zimmer, Küche, Bad, Ofenheizung. Die Einrichtung des 36jährigen ist spärlich: eine Matratze auf dem Fußboden, ein altes Büfett, ein Computertisch und ein kleiner Eßplatz er ist ja auch selten zu Hause. Von fünf Uhr abends an sitzt Kuhrt zehn, zwölf Stunden in der Taxe, meist sechs Tage die Woche. "Man kriegt die unterschiedlichsten Leute und die Stimmung in der Stadt mit", beschreibt er seinen Job, "und man fährt ja auch nicht die ganze Zeit, sondern steht viel." Dann liest er. Neben seiner neuesten Errungenschaft, einem Buch über Berliner Straßennamen, hat es ihm vor allem Jugendliteratur angetan: der Schriftsteller Klaus Kordon zum Beispiel, der mehrere historische Romane aus der Sicht von Kindern über ihren Kiez zwischen Mitte und Wedding geschrieben hat.Kuhrts Kindheit verlief ganz bürgerlich, in Kreuzberg: Seine Mutter ist Bankangestellte, sein Vater Beamter. "Der wollte mich unbedingt aufs Gymnasium schicken, ich hatte ja auch gute Zeugnisse. Aber darauf hatte ich keinen Bock." Kuhrt besuchte die Hauptschule und machte mit 15 Jahren eine Lehre als Verkäufer bei Karstadt am Hermannplatz. Viel spannender als diese Arbeit fand er seinen Nebenjob als Roadie bei seiner damaligen Lieblingsband, den Puhdys, mit denen er in West- und in Ost-Berlin tourte. "Auf den Konzerten habe ich eine Menge Freunde kennengelernt. Und so bin ich dann in der DDR gelandet", erzählt er. Kaum war die Lehre vorbei, übersiedelte der damals 17jährige in ein kleines Dorf nach Sachsen, wo die meisten seiner Kumpel wohnten. Politische Gründe hatte er nicht: "Ich habe mich zwar als Linker begriffen und dachte zuerst, ich kuck mir mal den besseren Staat an. Aber ich habe schnell gemerkt, daß das genauso spießig war wie im Westen." Nachdem er einige Monate später in Leipzig betrunken auf der Straße von der Polizei festgenommen wurde, war Schluß: Die DDR-Behörden wiesen den "westlichen Provokateur" kurzerhand wieder aus.Nach Berlin wollte er nicht zurück. Kuhrt jobbte deshalb in einer Jugendherberge in Rom, schraubte in Schwaben Panzermotoren zusammen und stand als Stricher in Amsterdam auf der Piste: "Damals war ich noch ein bißchen hübscher als heute." Für längere Zeit anderswo als in Berlin zu leben "hat leider nie geklappt", bedauert er.Also doch wieder Berlin. Kuhrt lebte seit Anfang der 80er Jahre in besetzten Häusern und schlug sich mit Gelegenheitsjobs durch. Nach dem Mauerfall boten ihm die besetzten Häuser in der Mainzer Straße in Friedrichshain ein neues Domizil. "In diesen Jahren bin ich politisiert worden: Häuserkampf, militante Friedensbewegung und so, aber ich war immer nur einer von vielen", erzählt er. "Inzwischen kotzt mich Gewalt an, die als revolutionärer Akt verkauft wird."Sein Leitmotiv hat er sich an die Wohnungstür geschrieben: "Bleibe ein Kind, werde nicht erwachsen, denn wenn Du erwachsen bist, siehst Du das wirkliche, häßliche Leben." Ein solches "mit sicherem Job bis zur Rente" will Kuhrt niemals führen. Gerade hat er wieder etwas Neues angefangen: Ein Buch über die Brunnenstraße zwischen Mitte und Wedding.

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