Der Theologe und Religionsphilosoph Eugen Biser wird 90 Jahre alt: Angst ist das Verhängnis

Es war ein regelrechtes Himmelfahrtskommando. Eugen Biser hatte erklärt: Hitler würde selbst dann noch von Sieg faseln, wenn seine Soldaten alle verblutet sind. Das bringt dem Studenten ein Kriegsgerichtsverfahren und die Abkommandierung auf einen Außenposten mit minimalen Rückkehrchancen ein - Biser überlebt Stalingrad als Schwerverwundeter, große Teile seiner Einheit kehren nicht mehr heim.Die Konfrontation mit totaler Diktatur, kollektivem Wahn und abgründiger Verzweiflung macht den am 6 Januar im Kriegswinter 1918 geborenen auch später als Wissenschaftler empfindsam und ansprechbar für existenzielle Notlagen. In seinem Werk verbindet der Theologe und Religionsphilosoph Friedensliebe und Freiheitswillen mit dem Thema Lebensangst.Wie man Ängste auffängt und selbstzerstörerische Energien umleitet - dafür besitzt auch Biser kein Patentrezept. Aber er weist auf einen bemerkenswerten Umstand hin: Wir leben in einer der sichersten Gesellschaften aller Zeiten und in einer der friedlichsten Phasen europäischer Geschichte. Aber nie zuvor war unsere Angstwahrnehmung so geschärft, wie in der Gegenwart. Mit weit aufgerissenen Augen suchen Zeitgenossen ihre Umgebung nach Gefahrenquellen ab. Depression, Stress und Panik greifen um sich. Phobien werden zum Normalzustand. Aber, so der theologische Befund, bei all dem geht es keineswegs bloß um diese oder jene Befindlichkeitsstörung, sondern um einen Stachel, der tiefer sitzt: eine universal anzutreffende Zukunftsangst. Diese deutet Biser als Preis der Freiheit und des Nicht-festgelegt-Seins des "weisen Menschen", des homo sapiens. Einmal aus dem Paradies seines Nichtwissens vertrieben, gelangt er mit seiner Vernunft immer stärker an Grenzen. Der Religionsphilosoph diagnostiziert zwei Wahlmöglichkeiten: Einerseits stehe dem Menschen der Weg offen, sich zum technisch hochgerüsteten "Prothesengott" (Sigmund Freud) fortzuentwickeln. Andererseits biete sich ihm jedoch die Hoffnung, im personalen Glauben an einen Größeren menschliche Grenzen anzunehmen und damit schöpferisch frei zu werden für eine Humanisierung der Lebenswelt.Eugen Biser gehört neben Karl Rahner und Hans Urs von Balthasar zu den großen katholischen Denkern der Gegenwart. Er schreibt nahezu rastlos. Nach seiner Promotion über zwei Persönlichkeiten, die konträrer kaum sein könnten - die Dichterin Gertrud von le Fort und Friedrich Nietzsche - verfasst er über 100 Bücher. Sein akademischer Weg, der ganz im Zeichen des friedlichen Religionsdialogs steht, führt ihn über Stationen in Passau, Marburg, Bochum und Würzburg auf den Guardini-Lehrstuhl nach München. Der Medientheoretiker, Kunstkenner und Existenzialphilosoph hat ein ausgeprägtes Sensorium für die Zeichen der Zeit. Als Theologe ist Biser ein eminent politischer Kopf. Wo manche Kirchenleute aus dem Westen der Bundesrepublik kaum ein Wort für die welthistorische Zeitenwende von 1989 finden, zeigt sich Biser leidenschaftlich interessiert. Er, für den Jesus Christus als "größter Revolutionär der Religionsgeschichte" gilt, nimmt lebhaft Anteil an den großen Umbrüchen: An die Berliner Humboldt-Universität kam er, um den 1939 von den Nazis verbotenen Lehrstuhl Romano Guardinis wiederzubeleben.------------------------------Foto : Eugen Biser