SONNEBERG, im Dezember. Ein stechender Geruch von Lacken liegt in der Luft - wie nach der Renovierung einer Wohnung mit Ölfarbe. Es ist aber ein Doppelstock-Bahnwaggon im Miniaturformat der die charakteristische rote Lackierung im Design der Deutschen Bahn (DB) aufgespritzt bekommt. "Bis der Waggon fertig ist, sind noch viele weitere Arbeitsschritte nötig", erzählt René Wilfer, Chef des Modellbahn-Herstellers Piko im thüringischen Sonneberg. Dazu gehören 25 Druckvorgänge, um Details wie Wagennummer, Zugzielanzeige oder DB-Logo aufzutragen. Größte Sorgfalt ist dabei gefragt, denn Kenner bemerken kleinste Fehler.Winzige Plastikstückchen"Die Liebe zur Modellbahn ist nach wie vor eine Domäne der Männer", erzählt der 55-jährige Unternehmer aus dem fränkischen Erlangen über seine Kundschaft. In der Produktion dominieren aber die Frauen. In den Werkhallen werden für das Weihnachtsgeschäft zurzeit neue Dampfloks der Baureihe BR 94 sowie graue Güterwaggons zusammengesetzt. "Hier wird weibliche Fingerfertigkeit besonders geschätzt", betont René Wilfer. Etwa zehn bis zwölf Kesselwagen bestückt eine Mitarbeiterin pro Stunde mit Rohrleitungen, Deckeln und Klappen. Die einzelnen Plastikstücke sind teilweise so klein, dass sie nur mit einer Pinzette angebracht werden können. Gerade in der Vorweihnachtszeit ist die Nachfrage nach Modellbahnen besonders groß. "Wir arbeiten hier mit 150 Mitarbeitern in drei Schichten rund um die Uhr", sagt René Wilfer. Das war vor mehr als zwölf Jahren noch ganz anders. Damals am 1. Mai 1992, als Wilfer zum ersten Mal seine gerade neu erworbene Firma besichtigte, herrschte im gesamten Werk feiertägliche Ruhe. "Die maroden Maschinen standen still. An den Wänden sah es schwarz und dreckig aus. Die Böden waren ölig", erinnert er sich. Einen zweistelligen Millionenbetrag investierte Wilfer, um den Betrieb auf den neuesten Stand der Technik zu bringen. Mit 90 Mitarbeitern startete René Wilfer drei Jahre nach der Wende in Sonneberg neu. Kaum vorstellbar, dass hier zu DDR-Zeiten einmal weit über 1 000 Menschen beschäftigt gewesen waren. Bereits 1949 erschienen die ersten Piko-Bahnen, damals noch im sächsischen Karl-Marx-Stadt (heute Chemnitz). Auf der Leipziger Herbstmesse sorgte vor 55 Jahren der vorgestellte Pico-Express für Aufsehen. Er bestand aus einer einfachen Stromlinien-Dampflok mit D-Zugwagen und Blechschienen. Der Firmenname Piko wurde damals noch mit "C" geschrieben. "Erst einige Jahre später wurde das C gegen ein K getauscht", erzählt René Wilfer. "Die Abkürzung Piko stand fortan für Pionier-Konstruktion." Anfang der 50er Jahre zog der volkseigene Betrieb nach Thüringen, in die traditionsreiche Spielzeugstadt Sonneberg.Nach anfänglichen Schwierigkeiten, sich auf dem deutschen Modelleisenbahn-Markt zu behaupten, gelang Piko 1996 der Durchbruch mit einem Doppelstock-Wagen im hellbraunen Reichsbahn-Design. "Ich nenne das den Gurken-Effekt", sagt Wilfer. "Nach der Wende wollte zunächst niemand mehr Spreewäler Gurken essen. So war das auch mit unseren Produkten." Doch inzwischen hält das thüringische Unternehmen in Ostdeutschland einen Marktanteil von 30 Prozent und erzielt mit insgesamt 1 100 verschiedenen Modellen, darunter so ausgefallene wie alte Reichsbahn-Waggons und Lokomotiven, aber auch Triebwagen von Privatbahnen wie Connex, zweistellige Umsatzzuwächse. Neben den alten Bundesländern sowie zahlreichen Ländern in Europa liefert Piko seine Produkte auch nach China und in die USA. Genaue Umsatzzahlen will René Wilfer jedoch nicht nennen. Der Marktführer Märklin, der 361 seiner 1 080 Arbeitsplätze abbauen will, setzte in Deutschland 2003 rund 164 Millionen Euro um. Der österreichische Hersteller Roco kommt auf einen Umsatz zwischen 45 und 50 Millionen Euro, Fleischmann erzielt knapp 30 Millionen. Bei Piko sind es unter zehn Millionen Euro, schätzen Branchenexperten.Aufsehen erregte Piko vor kurzem als er Lokomotiven zwischen 49 und 69 Euro bei Lidl verkaufte. "Damit wollen wir Modellbahn-Begeisterten den Einstieg erleichtern", sagt der Piko-Chef. Anfänglich kritisierte der Fachhandel, dass Modellbahnen damit zum Billigprodukt abgestempelt würden, erklärt Wilfer. Weit gefehlt: "Die Kunden strömen verstärkt in die Fachgeschäfte und fragen auch nach unseren höherwertigen Modellen."------------------------------Foto: Piko-Chef René Wilfer: erfolgreicher Neustart mit ausgefallenen Modellen.