Im Augenblick des Todes läuft das Leben vor dem inneren Auge angeblich wie ein Film noch einmal ab. Ob dabei ein Director s Cut zur Vorführung kommt, ein schwer verständlicher Avantgardefilm oder schon jene Fassung, nach der über Himmel oder Hölle entschieden wird, ist bisher nicht bekannt. Wer sich um jeden Preis eine Vorstellung vom letzten Genre machen möchte, muss "21 Gramm" sehen, den neuen Film des mexikanischen Regisseurs Alejandro Gonzalez Iñarritu. Denn das ist ein Film, der vor lauter Todesgefahr fast selbst draufgeht.Zu viel Energie, zu viel Angst, zu viel Zufall. Zu viel Sean Penn. Er spielt einen sterbenskranken Mann namens Paul, der auf dem Klo noch eine Zigarette raucht, obwohl sein Herz nicht mehr mitmacht. Paul braucht ein neues Organ - das heißt mit dem Drang zur nackten Wahrheit, der in "21 Gramm" herrscht: Er braucht einen frischen Toten. Am besten ein Unfallopfer. Alejandro Gonzalez Iñarritu ist mit einem Unfall berühmt geworden. In seinem ersten Film "Amores Perros" rammte in Mexico-City ein Auto mit zwei flüchtigen Hundezüchtern den Wagen eines Fotomodells, vor den Augen einer grauen Eminenz. Drei Geschichten, drei Spuren, ein Knoten. "Amores Perros" hatte weltweit Erfolg; den nächsten Film konnte Iñarritu in Amerika drehen - mit Stars, die bereit waren, sich auf seine Ästhetik der Gefahr einzulassen. Und so entwirft er in "21 Gramm" ein hektisches Sein zum Tode, in körnigen, fahlen Bildern, die nach den Regeln des Chaos geordnet sind. Insgesamt ergibt dies natürlich dennoch eine Geschichte, und wieder sind es drei Menschen, die durch einen Unfall zueinander in Beziehung treten. Jack (Benicio Del Toro) fährt das Auto. Er ist ein ehemaliger Häftling, ein schwerer Junge, der die alte Wut nur mit Mühe im Zaum hält. Jack glaubt jetzt an Gott und Jesus; wenn er nicht weiter weiß, betet er. Wenn er weiter weiß, predigt er. Wenn er mit seinem Auto losfährt, ist er in Gedanken ganz woanders - und meistens zu schnell. An einer Straßenkreuzung überfährt Jack einen Mann, dessen Herz wenig später Paul eingepflanzt wird. Cristina (Naomi Watts) ist die Witwe des Organspenders. Sie verliert in dem einen Moment, den Gonzalez Iñarritu entfaltet, ihre Familie. Von der Welt will Cristina nichts mehr wissen, sie verkriecht sich und hadert mit ihrem Schicksal. Sie wird jedoch gefunden, von dem Mann, der das Herz ihres toten Gatten trägt. Paul ist in seinem zweiten Leben ruhelos wie zuvor; er schert sich nicht um seine Gesundheit, sondern folgt seinem selbstzerstörerischen Impuls. Cristina ist davon anfangs abgestoßen, später fasziniert, schließlich überwältigt. Gemeinsam machen sie sich auf die Suche nach Jack, um einen Showdown zu provozieren, der die Unfallszene vergessen machen kann. Die pathetische Anthropologie von Alejandro Gonzalez Iñarritu wird in dem exaltierten Spiel von Sean Penn besonders konkret. Radikaler noch als in "Mystic River" mimt er den Schmerzensmann, den Getriebenen, die Kreatur. Penn sorgt für den morbiden Kick, aber er übertreibt dabei so entsetzlich, dass er auch ein wenig lächerlich wirkt. Selbst der unerschütterliche Benicio Del Toro wirkt wie eine Karikatur, weil der Regisseur einfach schamlos übertreibt. In "21 Gramm" kommt nämlich alles zusammen, was es an schweren Zeichen so gibt - der Film ist aber kein wilder Trip an die Grenzen des Daseins, sondern eine kitschige Fantasie. "21 Gramm" ist die Seele schwer, so wird am Anfang verkündet. Im Augenblick des Todes verlieren die Körper dieses Gewicht. Sie ächzen dann aber immer noch unter der Tonnenlast an Bedeutung, die Alejandro Gonzalez Iñarritu ihnen auferlegt.21 Gramm USA/Mexiko 2003. Regie: Alejandro Gonzalez Iñarritu, Drehbuch: Guillermo Arriaga, Kamera: Rodrigo Prieto, Darsteller: Sean Penn, Naomi Watts, Benicio Del Toro u. a.; 120 Minuten, Farbe.Foto: Umwölkte Stirn 1: Sean Penn & Naomi Watts.Foto: Umwölkte Stirn 2: Benicio Del Toro.