Wie hält Miguel das bloß aus? Die Sonne sticht vom Himmel und wird von den flachen Salinenbecken reflektiert. Pausenlos läuft Miguel barfuß über die scharfkantigen Grate, die die einzelnen Salzpfannen trennen. Seine Eile hat einen Grund: Die Zeit der Salzernte ist begrenzt. Im Juli können die ersten Salzbecken abgeschöpft werden, Mitte September die letzten, bevor die herbstlichen Regenfälle die Salzgärten wieder überfluten. Die Sonne ist für den Mann ein Segen, weil sie das Meerwasser verdunsten lässt. Das verdunstende Salz wiederum sorgt dafür, dass Regenwolken oft gebrochen werden. "Wenn es landeinwärts regnet, scheint bei uns meist die Sonne", sagt Miguel und lächelt. Zurück bleiben kiloweise schneeweiße Kristalle. Die erntet Miguel, ein Salzbauer aus Tavira in der Ostalgarve.Mit durchschnittlich 300 Sonnentagen im Jahr gehört die Algarve zu den klimatisch verwöhnten Regionen in Europa. Das Meer sorgt zu jeder Jahreszeit für eine milde Brise; im Sommer wird es nicht zu heiß, und im Winter ist es niemals frostig. "Algarve - das ist, für mich, immer wie ein Tag Urlaub vom eigenen Vaterland.Ich fühle mich frei, erleichtert und zufrieden.Die Harmonie zwischen den Menschen und der Landschaft waschen den Belag ab, der sich mir auf die Knochen gelegt hat, und machen die blinden Stellen im Herzen wieder blank." So der Dichter Miguel Torga über die Algarve.Jeder Reisende merkt es: Kaum ist er in diesem südlichsten Streifen Portugals angekommen, spürt er die weichere Luft, vom Meer bestimmt, vom Wind, vom Salzgehalt in Luft und Boden. Vielleicht ist das die eigentliche touristische Attraktion: Dass man sich den Sonnen- und Badefreuden hingeben kann, ohne sich ständig an Besichtigungs- und Bildungspflichten ermahnt zu fühlen."Besucher mögen von der Stimmung der Salzlandschaften beeindruckt sein" erzählt Miguel, "aber für viele junge Leute, Kinder und Enkelkinder der Salzbauern ist die Beschäftigung in der Industrie oder im Büro eine echte Befreiung und wahrer Fortschritt." Miguel hat die letzte große Krise seiner Branche miterlebt, hat gesehen, wie viele andere das Handtuch warfen. "Für die Fischer zum Beispiel lohnt sich die nächtliche Ausfahrt gar nicht mehr. Sie vermieten ihre Häuser an Touristen, während ihre Söhne tagsüber in ihren Fischerbooten geduldig auf Kunden für Ausflüge in die Grotten der umliegenden Klippen warten."Probleme des Wandels, wie sie viele Urlaubsländer durchmachen. Eine Weile schien es sogar, als würde Portugal in die Fußstapfen des großen Nachbarn Spanien treten. Kaum ein Ort an der Algarve, wo nicht Baukräne das Bild bestimmten, Betonmischer das Rauschen des Meeres übertönten. Gesichtslose Ferienhaussiedlungen entstanden an der ganzen Algarve, die Idylle schien für immer verloren.Auch das ehemals beschauliche und einsame Fischerdorf Carvoeiro an der West-Algarve wurde in ein Korsett aus Hotels und Ferienhäuser gezwängt. Doch die schmalen Gassen, gesäumt von pastellfarbenen Häusern, die sich über der kleinen Bucht die Felsen hinaufziehen, gibt es noch. Und sie atmen noch immer jene Melancholie, die für den Süden Portugals so typisch ist. Wer durch die Seitenstraßen spaziert, entdeckt vor Hauseingängen noch schwarzgekleidete Frauen, die Knoblauchknollen verlesen, Sardinen säubern oder ein Huhn rupfen. Bilder, die sich seit Jahrzehnten kaum verändert haben.In träger Nachmittagsstunde grüßt Lagos, das als heimliche Hauptstadt der Algarve gilt. Von hier brachen die Boote Heinrich des Seefahrers auf, um die Küsten Afrikas zu entdecken und die damit den (Fortsetzung auf Seite R2) (Fortsetzung von Seite R1) Sklavenhandel einleiteten. Anfangs waren die Sklaven noch "Mitbringsel" der Kapitäne aus Afrika, später entwickelte sich daraus ein organisierter Handel, mit dem hohe Gewinne erzielt wurden. Heute fahren von Lagos Ausflugsboote zur Ponta da Piedade, eine abenteuerliche Ansammlung von über 20 Meter hohen ockerfarbenen Felstürmen im Wasser, Wellen umspülen ihre Felsfüße. Dazwischen drängen sich kleine Badebuchten, wo das Plätschern des Wassers wie verwunschene Musik hallt.Algarve ist nicht gleich Algarve - seit jeher ist die schönste Küste Europas zweigeteilt. Im Westen prägen Felsen ihr Gesicht, es ist zernarbt, zerklüftet und in Falten geworfen. Östlich von Faro dagegen hat sie noch ihre Jungfräulichkeit. Dort erstreckt sich die Sand-Algarve, das Sotavento. Kilometerlange Strände dominieren. Gesäumt von Wanderdünen und flachen Lagunen, in denen Meersalz geerntet wird."Um dieses Salz zu gewinnen", sagt Miguel und weist auf die oberste Schicht, die Crème de la Crème der Salze, braucht es Wind, Sonne, viel Geduld und ein bisschen Glück." Miguel ist in Tavira zu Hause, einer der ältesten Städte der Algarve. Im Zentrum zeugt eine siebenbogige Brücke davon, dass schon die Römer die Stadt als Handelsstützpunkt nutzten, denn die Salzgewinnung brachte beträchtliche Gewinne. Der Begriff "Salär" stammt vom lateinischen Wort "salarium" ab, da die römischen Legionäre ihren Sold teilweise in Salz ausgezahlt bekamen. Das Haltbarmachen von Fisch war zu damaligen Zeiten nur durch Einsalzen möglich, wozu große Mengen nötig waren.Die malerische Oberstadt mit ihren vielen Kirchen und die Unterstadt mit ziegelroten Dächern geben dem Ort ein völlig eigenes Gepräge. Die über 10 000 Einwohner sind nicht unglücklich darüber, dass ihre Stadt bisher vom Tourismus kaum entdeckt worden ist genauso wie Castro Marim, ein verschlafenes Dorf im äußersten Südosten der Algarve. Massentourismus ist ein Fremdwort. Mit südländischer Gelassenheit gehen die Leute noch ihrem Alltag nach, halten penibel die Siesta ein und treffen sich gern zu einem Plausch im Café. Überragt wird Castro Marim von einer alten Burg, von der die gesamte Region bis hin zur Grenze zwischen der Algarve und Andalusien, die durch den Fluss Guadiana markiert wird, zu sehen und damit zu überwachen ist. Das hatten bereits die Kreuzritter erkannt und erbauten die mächtige Burganlage im 12. Jahrhundert mitten im "Feindesland" der Mauren. Sie wurde bald zum Hauptsitz der Tempelritter und später der Christusritter, dem Orden, der entscheidenden Anteil an den Entdeckungs- und Eroberungsfahrten der Portugiesen hatte. Heute erinnert jedes Jahr am ersten Wochenende im September ein mittelalterliches Spektakel an die Zeit und vermittelt einen fröhlichen Geschichtsunterricht mit Turnieren und Spielen.------------------------------SERVICEAnreise: Flug zum Beispiel mit Air Berlin nach Faro.Unterkünfte: In Tavira - Pensao Lagoas, Rua Almirante Candido dos Reis 24, DZ mit Bad 30 bis 40 Euro (ohne Frühstück); Residencial imperial, Rua Jose Padinha 24, Übernachtung mit Frühstück 34 bis 45 Euro.In Carvoeiro - Casa Brigitta, Rampa da Nossa Senhora da Encarnacao 27, Terrasse mit Blick auf Meer und Strand, DZ mit Dusche etwa 45 Euro; Casa de Hóspedes Baselli, am Dorfhang oberhalb der Bucht, DZ mit Frühstück 35 Euro.Essen: Nationalgericht ist der Bacalhau, ein getrockneter Kabeljau, der auf unterschiedlichste Weise zubereitet wird. Er wird roh gegessen, mariniert, gegrillt, gekocht, man verarbeitet ihn in Suppen, Salaten, Vorspeisen, Hauptgerichten und macht sogar Desserts daraus.Souvenir: Ein typisches Mitbringsel ist das bei Tavira gewonnene Meersalz "Flor de Sal". Es ist das edelste und teuerste Meersalz. Erhältlich ist es in Dosen zu 125 Gramm, verpackt in Leinensäcken bis zu 250 Gramm oder in Tüten bis zu 500 Gramm. Die Preise liegen zwischen vier Euro (125 Gramm im Leinensack) und zehn Euro für eine 500-Gramm-Tüte.Mehr Tipps:www.portugal.org/www.algarve-reisen.com/------------------------------Karte: Algarve------------------------------Foto: Die Gewinnung von Meersalz ist ein Knochenjob, das Salz von besonderer Würze.