Slums, Smog und Seuchen - das sind die Probleme der Metropolen der Dritten Welt. Diese Probleme sind weit weg für Zeitungsleser hierzulande, sogar unvorstellbar weit, wenn sie vor den Toren ihrer Stadt idyllisch im Grünen wohnen. Doch gerade diese Eigenheimer sind das größte Problem der europäischen Stadt: Im Umland sind Wohnen, Einkaufen und Arbeiten strikt getrennt. So werden lange Wege erzwungen, Verkehr und Energieverbrauch. Stadt der kurzen Wege Eine Stadt der kurzen Wege fordern darum Planer und Politiker. Doch niemand kennt den Weg zu dieser Stadt, zur zukunftsfähigen "sustainable city", die auf dem UNO-Klimagipfel in Rio 1992 gefordert wurde, in einer zukunftsfähigen Gesellschaft. Wie selbige in Deutschland aussehen könnte, zeigt eine Studie vom Wuppertaler Institut für Klima, Umwelt und Energie ("Zukunftsfähiges Deutschland", erschienen 1996 bei Birkhäuser, Basel). Die Studie ermittelt, mit welcher Umweltbelastung die Erde dauerhaft überleben kann - mit wieviel Ausstoß von Schmutz und Kohlendioxid, mit welchem Verbrauch von Energie und Rohstoffen. Dabei nennt sie konkrete Zahlen für ein Leitbild im Jahr 2050 und für Etappenziele 2010 und 2020. Sehr konkrete Vorstellungen gibt es bisher von der "zukunftsfähigen Stadt" nicht. "Unser Leitbild für die Stadt ist weniger konkret als das für andere Gebiete", sagt Wolfgang Jung vom Wuppertal Institut. Mit einer Ausnahme: Die Studie fordert, den Verbrauch von Fläche bis zum Jahr 2010 zu stabilisieren; danach sollen keine Flächen mehr neu versiegelt oder zugebaut werden. Die Städte sollen nicht mehr wachsen; statt dessen soll die bestehende Stadt verdichtet und verbessert werden.Dafür standen auch Berlins Vorzeigeprojekte auf der Habitat II, der UNO-Konferenz zur Zukunft der Städte: Für die Verbesserung stand die Sanierung am Prenzlauer Berg, für die Verdichtung standen die Plattenbau-Siedlungen in Hellersdorf. Dort gibt es bisher nur eine städtische Funktion, das Wohnen. Zukünftig soll der Stadtteil wieder zur Stadt werden, durch Gebäude für Arbeiten, Handel und Kultur verdichtet. Doch es gibt auch Gebiete, die Berlin auf der Habitat lieber nicht vorstellte: den Speckgürtel rund um Berlin mit weitverstreuten Gewerbeparks, Einkaufszentren und Eigenheimen etwa. Das wilde Wuchern des Speckgürtels einzudämmen wird allerorten gefordert; Umweltexperten warnen vor den Folgen der Versiegelung des Bodens auf den Wasserhaushalt der Region, und selbst die Immobilienbranche klagt über die Zersiedelung des Umlands, weil sie die Geschäftschancen in den Innenstädten schmälert. "Langfristig wird es sich die Gesellschaft nicht leisten können, sowohl die Innenstädte als auch die Vororte auf hohem Standard zu halten", sagt der Stadtplaner Harald Bodenschatz. Besonders die Infrastruktur der "Peripherie" kostet nämlich Geld: Wasser und Strom müssen hingebracht, Abwasser und Müll wegtransportiert werden. Am teuersten aber sind die Straßen, und sie richten gleichzeitig am meisten Schaden an. Während sich früher halbwegs verdichtete Wohnsiedlungen entlang der S-Bahn bildeten, ermöglichen es heute die Straßen jedem Häuslebauer, den Traum vom eigenen Heim im Grünen immer weiter draußen zu realisieren. "Das Automobil und das Einfamilienhaus gehören unzertrennbar zusammen", sagt Harald Bodenschatz. Er fordert: "Das Einfamilienhaus muß den Bauherrn kosten, was es die Gesellschaft kostet." Dafür müßte sich die Einstellung zum Bauen von Grund auf ändern. Für den Volksmund muß ein Mann dreierlei in seinem Leben schaffen - ein Kind zeugen, einen Baum pflanzen und ein Haus bauen. Das Bauen erscheint wie ein Grundbedürfnis. Dabei ist es aus Sicht der Umwelt ein Grundübel. Die Hälfte aller Energie wird in Deutschland rund ums Bauen verbraucht. Der Dortmunder Architekt Günther Moewes: "Selbst Energiesparhäuser sparen keine Energie, jeder Neubau verbraucht Energie." In einer zukunftsfähigen Stadt muß das Bauen zur Ausnahme werden. Extrem formuliert: "Verbietet das Bauen!" Bauen wird gefördert Bislang jedoch wird das Bauen in Deutschland sogar gefördert. Davon profitieren Häuslebauer, Spekulanten und Architekten; darum werden die Speckgürtel fetter. Ein Ende der Bauförderung ist derzeit schwer vorstellbar - das Wohnen im Grünen stellen selbst die Grünen ungern in Frage. Vorsichtig sagt Felicitas Kraus, Parteiexpertin für Eigentumsfragen: "Es kann nicht mehr jeder einen großen Garten um sein Haus haben, vielleicht sind Gemeinschaftsgärten eine Lösung." Die Grünen setzen dabei auf liberale Mittel. Sie wollen Steuern und Abgaben auf Umweltbelastung so extrem erhöhen, daß neue Ansiedlungen auf der grünen Wiese weit vor den Toren der Stadt sich nicht lohnen.Das Problem der bestehenden Bauten wird dadurch nicht gelöst - noch fehlt eine langfristige Vorstellung davon, wie man sie eines Tages wieder beseitigen kann. Ein Fahrplan zu einer zukunftsfähigen Stadt sähe anders aus - wie ein Countdown, bis wann welches Einkaufszentrum seine Tore schließen muß. +++