Der Mensch ist dem Menschen ein Wolf. Der Fisch ist seinen Mitfischen ein Raubfisch, aber es besteht dennoch Hoffnung für eine Welt, die ein Haifischbecken ist, in welchem die großen Fische die kleinen fressen. Das ist in etwa die Moral von "Shark Tale". Zum großspurigen Abschluss der 61. Mostra d'arte cinematografica durften Freitagabend 4 000 geladene Gäste der Premiere des neuen Animationsfilms aus den Dreamworks-Studios auf der Piazza San Marco beiwohnen. Er verstärkte das Prominentenaufkommen um noch ein paar Stars - die Sprecher traten auf - und passte auch in seiner Botschaft trefflich zu diesem Festival.Denn "Shark Tale" erzählt die Geschichte des zwar großmäuligen, im tiefsten Innern aber doch herzensguten Putzfischs Oskar. Oscar arbeitet in einer schäbigen Wal-Wasch-Anlage und ist mit seiner sozialen Position unzufrieden; er möchte zur Oberschicht seines heimatlichen Unterwasserriffs gehören, lebt aber nur auf dessen South Side. Der so genannte Moloch New York City ist das Vorbild des Filmriffs: Gelb-schwarz gemusterte Taxifische mit schwerem Latino-Akzent und dicke Polizeifische schwimmen zwischen den Wasseroberflächenkratzern herum; Kriminalität und organisiertes Verbrechen bedrohen die Stadt - ein tougher Nachrichtenfisch berichtet unermüdlich. Der Pate ist ein weißer Hai: Don Leone - allerdings mit einem Sohn geschlagen, der nicht nur Vegetarier, sondern auch ziemlich tuntig ist: Lenny wäre lieber ein Delphin, bald kleidet er sich entsprechend. Da ist er schon bei dem ehrgeizigen Oscar untergetaucht, der - nachdem er den Unfalltod von Lennys blutgierigem Bruder als seine Heldentat zur Befreiung des Riffs ausgab - von den Medien als "Shark Slayer", als Hai-Würger gefeiert wird. Natürlich wird Oscar mit dieser Lüge Ziel eines Rachefeldzugs. In einem alten amerikanischen Schlager heißt es: "You're nobody till somebody loves you", und dieser Film gibt dem Träumer Oscar denn auch zu lernen auf, dass Kleider und ein Penthouse "on top of the reef" noch keine Leute machen - eine piefige Moral, die vornehmlich den Haien dient. Erst nachdem Oscar den Betrug, der ihn reich und berühmt gemacht hat, ehrlich bekannt hat, ist er auch wahrer Liebe würdig. Er verliert zwar Lola, ein schickes Gangsterpüppchen, gewinnt aber die Hand der ihm schon lange ergebenen, hübschen und selbstlosen Angie. "In meinem tiefsten Innern bin ich oberflächlich", sagt Lola einmal, und so verhält es sich auch mit diesem Film, der nur Spaß macht, wenn er die pädagogischen Ambitionen zurückstellt, um sich an seiner Mobster-Parodie der Welt der Haie und schleimigen Tintenfische zu weiden - im US-Original spricht Robert De Niro den Don und Martin Scorsese einen nicht allzu vertrauenswürdigen Kugelfisch.Der Vielfalt und Buntheit der Meereswelten verdankt "Shark Tale" - wie schon "Finding Nemo" - überhaupt seinen vergnüglichen Überschuss an Buntheit. Der Entwicklung der Animationstechnik fügt er indes kaum etwas hinzu: Als Oscar seinen Kumpel Lenny blutrot bemalen will, um ihn als Killer auszugeben, dissoziiert die Farbe im Wasser. Das sieht schon toll aus, täuscht aber leider nicht darüber hinweg, dass sich Oscar in der Metaphorik von "Shark Tale" nicht nur ganz am Ende der Nahrungskette befindet, wo er gefälligst bleiben soll - der rappende Goldkettchen-Träger Oscar dient auch als prima Zielgruppenköder. Und das passte wieder zu diesem Festival: Die Abgesandten der Industrie wurden immer zuerst in die Kinos eingelassen.------------------------------Foto: Wo, wenn nicht in Venedig, sollte ein Film über ein Riff Premiere haben?