MOSKAU. Es gibt gute Zeiten, da jagt das Geld den Waren nach. Es gibt schlechte Zeiten, da jagen die Waren dem Geld nach, weil es sich rar macht. Und dann gibt es Augenblicke, in denen eine Mauer errichtet wird zwischen der Ware und dem Geld. Und dann stehen die Händler vor den Toren des Marktes und verstehen die Welt nicht mehr.Über dem Eingang zum Sirenewaja-Markt in Moskau steht "Waren für jeden Geschmack". Vor dem Tor drängeln sich an die zweihundert Menschen - fast alles Männer, asiatische und südländische Gesichter, Kaukasier, Sikhs. Es wird laut geschrien, Russisch in allen Färbungen, Chinesisch, Vietnamesisch, Aserbaidschanisch. Der Sirenewaja-Markt ist zugesperrt. Vorübergehend, hieß es zuerst, aber das glaubt keiner mehr, weil es einen Monat her ist. Drinnen ist die Ware gefangen, die dringend zu Geld gemacht werden müsste. Draußen sind die Händler. Manchmal schwillt ihr Geschrei an, dann öffnet sich das Gittertor für kurze Zeit, riesige Stapel von Stoffballen werden auf Wägelchen herausgeschoben. Ein Wagen bricht im Eingang zusammen und wird sofort in seine Einzelteile zerlegt. Wütend wirft ein Wachmann Bretter aus dem Weg, in die Menge hinein. Das Tor fällt wieder zu.Der Sirenewaja-Markt ist nur einer von einem Dutzend, die zusammen den Tscherkisowski-Marktkomplex bilden, den größten Markt Moskaus und vermutlich ganz Europas. Genauer gesagt - bildeten. Denn Tscherkisowski oder Tscherkison, wie er liebevoll und verächtlich abgekürzt wird, ist Geschichte. Ein mehr als 200 Hektar großes Gewirr von überdachten Einkaufspassagen, ein Markt der Märkte, ein Knotenpunkt des Handels zwischen Moldawien und der Mandschurei, eine Art Chinatown Moskaus hat über Nacht aufgehört zu existieren.Am 29. Juni hieß es aus der Moskauer Stadtverwaltung, der Markt werde für ein paar "Reinigungstage" geschlossen, von einer unzumutbaren Kloake war die Rede. Dann sprach Russlands oberster Ermittler Alexander Bastrykin sogar von einer Schlangengrube und berichtete von Strafverfahren wegen Schmuggel und Markenfälschung. Die Hygiene-Aufsicht meldete giftiges Kinderspielzeug aus China und beeilte sich anzumerken, dass im vergangenen Jahr unter den Händlern 36 Fälle von Syphilis und 13 Fälle von Aids festgestellt worden seien."Das ist Rassismus, die Behörden schüren den Fremdenhass. Dabei sind die meisten Händler russische Staatsbürger", sagt Muhammad Amin Mojumder. Der gebürtige Bangladeschi mit russischem Pass sitzt im kleinen Büro der Föderation der Migranten Russlands, einer Organisation "mit einem sehr herzlichen Verhältnis zur Administration des russischen Präsidenten", wie Mojumder versichert. Auf dem Tisch liegt die von der Administration unterstützte Zeitschrift "Migrant 007" - 007 ist Russlands Telefonvorwahl.125 000 Menschen hätten auf dem Tscherkison gearbeitet, sagt Mojumder, die stünden jetzt auf der Straße. Die Behörden nennen weniger, aber sie zählen nur die Mitarbeiter der Firmen, die den Markt betreiben, also den Händlern die Infrastruktur vermieten. "Das ist sozusagen nur das Dienstpersonal für die anderen", sagt er. Schließlich habe der Markt ja auch hunderttausende Besucher täglich gehabt, 25 000 Verkaufsstellen, allein 300 Cafés. Und all die Menschen, die dort arbeiteten, sind nun ohne Gerichtsbeschluss, sozusagen aus einer Laune der Behörden heraus, um ihre Existenz gebracht. "Drei Wochen lang konnten die Händler nicht an ihre Waren, obwohl die gar nicht konfisziert waren", wundert sich Mojumder. "Es ist wie in den 1990ern: Kein Gesetz, kein Gericht nimmt sie in Schutz, weder Ausländer noch Inländer. Wo sind die Proteste der Gewerkschaften, der Wirtschaftsverbände, der Provinzpolitiker?"Hamid, der aus Afghanistan kommt und einen Anhänger mit einer Moschee um den Hals trägt, hat auf dem Sirenewaja-Markt zwei Container voller Ware gelassen - und zehn Lebensjahre. "Ich bin jung reingekommen und drinnen alt geworden", sagt er und tippt an seine grauen Schläfen. Die Jahre kriegt er nicht zurück, aber die Ware will er sich holen. Es sind Portemonnaies und Taschenlampen, aus China importiert. Manchmal ist er selbst zum Einkaufen dorthin gefahren. 60 000 Dollar habe er für die Verzollung eines Containers mit Taschenlampen gezahlt, von wegen Schmuggel!"Und überhaupt, wenn es um Schmuggel geht, dann muss man doch die Grenzen schließen und nicht den Markt", sagt er. Wie die meisten hat er Großhandel betrieben: Täglich kamen auf den Tscherkisowski mehr als tausend Autobusse voller "Weberschiffchen", wie es im Russischen heißt: Händlern, die zwischen dem Zentrum und den Provinzmärkten hin- und hereilten. Nun stehen auch viele Provinzmärkte erst einmal leer. 300 000 Rubel, knapp 7 000 Euro, hat Hamid im Monat Umsatz gemacht, davon gingen 60 000 Rubel für die Miete ab. Wie es weitergeht, weiß er nicht - die Mieten auf dem nächstkleineren Markt in Ljublino seien dreimal höher, da wollten ja nun alle hin.Nun stirbt der Markt so, wie er gelebt hat: nach den Gesetzen des Marktes eben. Alle berichten über die sagenhafte Korruption, die bei seiner Räumung herrscht. Jede kleine Schubkarre, die das Tor mit Waren beladen passiert, kostet den Besitzer 3 000 Rubel Wegezoll. "Und kommen Sie mal nachts her, was dann hier los ist!", wirft ein Händler ein. Neulich, hat Hamid gehört, sei eine Frau gleich nach Verlassen des Marktes beraubt und ermordet worden. Nur wer absolut einwandfreie Papiere hat und lange warten kann, braucht nicht zu zahlen. Das trifft auf kaum einen zu. Zeit ist Geld."Wollen Sie rein? Tausend Rubel!", flüstert ein Mann vor dem Tor des Ilijew-Marktes. "Verzichten Sie auf die Hilfe verdächtiger Personen", warnt daneben ein Schild auf Russisch, Chinesisch, Vietnamesisch. Drinnen ist es beängstigend still. Die in zwei Reihen gestapelten Container, aus denen heraus Kleider verkauft wurden, sind oft schon leergeräumt. Die Rollläden sind geschlossen, die Gitter, an die Kleiderbügel gehängt wurden, zur besten Einkaufszeit frei. Hier und da liegen Schaufensterpuppen auf dem Boden wie nach einem Massaker. Kein Schaschlik-Rauch mehr, keine vietnamesische Essensmeile, keine Träger, die sich "Straße frei! Straße frei!" rufend durch die Menge zwängen.Was der eigentliche Grund für die Schließung war, ist ungewiss. Gewiss ist aber, dass der Tscherkisowski-Markt ein Staat im Staate war. "Polizisten in Uniform konnten das Gelände gar nicht betreten, auch die Migrationsbehörde und der Zoll hatten keinen Zutritt", sagt Mojumder von der Föderation der Migranten. Kassen habe es überall gegeben, aber die seien nicht benutzt worden. Die Schließung des Marktes haben die Behörden Jahr für Jahr angekündigt - aber nicht verwirklicht. Deshalb glaubte keiner, dass es damit ernst wird. "Der Tscherkisowski hatte ein sehr starkes 'Dach'", sagt Mojumder. So nennt man in Russland Strukturen, unter denen halblegale Aktivitäten gedeihen können. Am Dach des Tscherkisowski, so wird vermutet, haben höchste Beamte mitverdient - vor allem aus der Moskauer Stadtverwaltung. Das könnte erklären, warum die Stadt den Markt jetzt so überstürzt schließt - um die Spuren eigener Vergehen zu vernichten.Dabei ist Moskaus Bürgermeister Juri Ljuschkow als enger Freund jenes Mannes bekannt, der durch den Tscherkisowski zum Milliardär wurde: Telman Ismailow, ein nach dem deutschen Kommunisten Ernst Thälmann benannter Bergjude aus dem Kaukasus. Die kleine Minderheit hatte sogar eine eigene Synagoge auf dem Markt. Ismailows Firmengruppe führt einen Skorpion im Wappen. Dieser schmückt nicht nur Europas größten Billig-Markt, sondern auch Europas teuerstes Hotel. Ismailow baute für unglaubliche anderthalb Milliarden Dollar das Hotel "Mardan Palace" in Antalya. Zur Eröffnung Ende Mai umgab er sich mit Hollywood-Stars wie Richard Gere und Sharon Stone.Nur eine Woche nach dem Fest gab Premierminister Wladimir Putin den Startschuss für den Angriff auf den Tscherkisowski-Markt: Vor laufenden Kameras schalt er seine Minister, dass der Kampf mit Schmuggelware stocke. "Vor ein paar Jahren hab ich praktisch die ganze Führung des Zolls auseinandergejagt - und dann?", klagte Putin. "Auf einem der Märkte" stünden immer noch Container mit beschlagnahmter Ware im Wert von zwei Milliarden Dollar, und es seien nicht einmal die Eigentümer ermittelt. Die Container, so erfuhr die Öffentlichkeit bald, standen in einem Ismailow gehörenden Lager auf dem Markt.Einige vermuten, Ismailow habe sich Putins Zorn zugezogen, weil er seinen Reichtum außer Landes verbracht und dann auch noch mitten in der Krise zur Schau gestellt habe. Wenn es denn so wäre, dann träfe Putins Zorn jetzt jene Opfer der Krise, die auf dem Tscherkison billig einkauften. Protest regte sich bisher, trotz aller Verzweiflung, nur zaghaft. "Was erwarten Sie", fragt der Kirgise Doma, der seine Ladung Strümpfe immer noch nicht freikämpfen konnte. "Hier sind Chinesen, Vietnamesen, Tadschiken - wie sollen wir eine Sprache finden?" Die Chinesen, von denen es hier allein 30 000 gegeben haben soll, können immerhin auf ihre Regierung zählen. Gerade war der stellvertretende Handelsminister aus Peking da, um die Händler zu unterstützen.Das Gelände des Tscherkisowski soll überbaut werden. Es ist immerhin beste Hauptstadtlage, im Eigentum der Zentralregierung, genauer gesagt, der Universität für Körperkultur, Sport und Tourismus. Die Container-Passagen müssen dafür allerdings erst noch entfernt werden. Unter ihrem Boden vermutete der Schriftsteller Alexander Prochanow "einen spiralförmigen Turm zu Babel, dessen Spitze in den Erdmittelpunkt gekippt wurde". Da spricht die hochentwickelte Fantasie eines Ultranationalisten, der den Markt hasste. Für die Händler ist es einfacher und schlimmer. Ihre Vielvölkerstadt ist im Erdboden versunken, und schwindelnd stehen sie am Abgrund.------------------------------Die Rollläden sind geschlossen. Hier und da liegen Schaufensterpuppen auf dem Boden wie nach einem Massaker.------------------------------Die Chinesen, von denen es hier allein 30 000 gegeben haben soll, können immerhin auf ihre Regierung zählen.------------------------------Foto: Eine Halle des geschlossenen Tscherkisowski-Marktes in Moskau. Die Händler kommen nur noch mit einer Genehmigung an ihre Ware heran.