Nach einer Stunde wird es Thomas Springstein zuviel. "Warum reden wir ständig über Doping?" Warum nur? Der Leichtathletik-Trainer hat das Gespräch sehr schnell selbst darauf gebracht. Die Betrugsaffäre um die Weltmeisterin Katrin Krabbe läßt ihn nicht los. Er hatte sich Anfang der neunziger Jahre gesonnt im Erfolg, hatte alle Erfolglosen ausgelacht und für Interviews tolle Gagen verlangt. 1992 platzte dann der Luftballon. Es blieb ein Bild von Springstein, das manche als Vorurteil bezeichnen. Thomas Trickstein. Oder wie es der "Stern" in einer Nachbetrachtung zur Weltmeisterschaft in Athen umschrieb: Tom-Selleck-Verschnitt, breitbeinig, arrogant, verächtlicher Gesichtsausdruck.Darin wittert Springstein eine "oberfiese" Kampagne. Ohnehin hält er fast jede Äußerung über sich für den Teil einer großangelegten Verschwörung. "Ich merke, daß mir aus sportpolitischen Gründen mit Absicht Unrecht getan wird." Er liegt auf der Lauer. Seine Augen verlieren nur dann ihren flackernden Blick, wenn er über die sportliche Entwicklung der 400-Meter-Läuferin Grit Breuer doziert. Dann fühlt er sich sicher. Dozieren ist in diesem Zusammenhang kein böses Wort. Zahlen, Fakten, Zwischenzeiten, Bewegungsabläufe, Motivationsmethoden. Im Mikrokosmos des Sprints kennt sich der 39jährige Trainer aus. Er hat an der Deutschen Hochschule für Körperkultur und Sport (DHfK) in Leipzig studiert. Seit mehr als einem Jahrzehnt betreut er Grit Breuer. Zunächst beim SC Neubrandenburg, nach dem Krabbe-Skandal bei Sportvereinen in Schwerin und Hannover, wo das Duo noch lebt, obwohl die 25jährige Grit Breuer derzeit für den OSC Berlin läuft.Springstein spricht fast ausschließlich von "Grit Breuer". Selten sagt er nur "Grit", immer wenn er über seine Musterschülerin redet, nennt er ihren Vor- und Zunamen. Vielleicht ist es der Versuch, den öffentlichen Bereich vom Privaten zu trennen. Aber für Außenstehende kann dadurch leicht der Eindruck entstehen, er rede über einen Markenartikel. Grit Breuer, beste Rundenläuferin Deutschlands, Staffel-Weltmeisterin.Springstein hat gelesen, daß sechs Millionen Deutsche das Staffelfinale von Athen im ARD-Fernsehen verfolgt haben. In jenem Rennen rannte Grit Breuer die schnellste Zeit und brachte ihr Quartett als letzte Läuferin von Rang vier auf Platz eins. "Wahrscheinlich", sagt Springstein, "haben wir damit fünf Millionen Leute glücklich gemacht." Glücklich waren auch jene Fernsehkommentatoren, die das Ohr immer an der Masse haben. Am Tag als Breuer "Gold für Deutschland" errang, forderten die Reporter ein Ende der "Ausgrenzung" des Trainers. Wie die Krabbe-Kollegin Grit Breuer sich nach einer zweieinhalbjährigen Sperre wieder unter den Besten der Leichtathleten etabliert hat, soll auch Springstein rehabilitiert werden. Und damit aufgenommen werden in den Kreis derer, die im nationalen Auftrag Medaillen produzieren.Muß er das? Will er das überhaupt? Wer hat eigentlich wen ausgegrenzt?Grit Breuer hat ihre Forderungen gestellt. Immer lauter, je nach sportlichem Erfolg. Ohne sie hätte die Staffel keine Medaille geholt. Und ohne Springstein hätte sie das nie geschafft, erklärt Grit Breuer, eine Frau, die allein die Familie ernähren muß. "Thomas ist der Macher." Zwischen ihrer Leistungsfähigkeit und dem persönlichen Wohlergehen des Partners bestehe ein zwingender Zusammenhang. Die Sorgen wurden größer, weil sich ein Sponsor des LT Hannover, der Breuer und Springstein eine hohe Gage über fünf Jahre versprochen hatte, plötzlich zurückzog. Die Leichtathletik-Abteilung des Vereins gibt es nicht mehr. Springstein ging, erfolglos, vor Gericht. Nun sollen der OSC Berlin, der dem Duo Asyl gewährte, und der Deutsche Leichtathletik-Verband (DLV) den arbeitslosen Trainer entlohnen.In der Szene gilt Springstein jedoch immer noch als "Unperson", wie ISTAF-Manager Rudi Thiel sagt. DLV-Präsident Helmut Digel will nun Brücken bauen. "Wir werden Trainern, die an Dopingvergehen beteiligt waren, den Weg zurück eröffnen." In Athen sprach Digel bereits mit Springstein. Rüdiger Nickel, der Sportwart des Verbandes, sieht allerdings keinen akuten Handlungsbedarf. Die längerfristigen Trainerstellen wurden gerade erst vergeben. Im Herbst wird nur über Honorarstellen diskutiert. "Es ist die Frage, von wem die Initiative ausgehen sollte", sagt Nickel. Bei der Beschäftigung von dopingbelasteten Trainern aus Ost und West habe sich der DLV immer von einer "Prognoseformulierung" leiten lassen. "Ich bin von Beruf Anwalt, und ich habe tagtäglich damit zu tun, ob und in welchem Umfang man Geständnisse zu würdigen hat."Geständnis? Nur einmal hat sich Springstein "Asche aufs Haupt gestreut", wie er sagt. In Schwerin, am 12. Dezember 1994. Damals gab der Sportklub Schwerin die ­ inzwischen wieder gelöste ­ Zusammenarbeit mit Springstein und Grit Breuer bekannt. Wunschgemäß, aber eher widerstrebend, erklärte der Trainer auf der Pressekonferenz, er habe sich in der Krabbe-Affäre am Rande des Regelwerks bewegt. Heute sagt Springstein: "Das war für mich schon sehr viel. Ich empfinde das als absolut erniedrigend, so etwas nach drei Jahren guter Arbeit noch mal zu tun."Springstein sieht sich und seine ehemalige Trainingsgruppe (Katrin Krabbe, Grit Breuer, Manuela Derr und Silke Möller) als Opfer bösartiger Kampagnen von Medien und Verbands-Funktionären. In dieser Rolle hat er sich fest eingerichtet. Das war schon so, als er für bunte Bilderblättchen noch eine große Nummer war und deftige Honorare für ein paar Sätze bekam. Da wetterte er über die von Westdeutschen dominierte Sportpolitik. Nichts davon nimmt er zurück. Das macht die Sache komplizierter, weil die Angegriffenen ihrerseits nicht so recht auf Springstein zugehen mögen.In einem zweistündigen Gespräch mit dieser Zeitung äußerte sich Springstein ausführlich zu der Dopingaffäre. Zwei Tage später untersagte er unter Androhung juristischer Konsequenzen eine Veröffentlichung. Am Wochenende war er Gast in einer Talkshow des NDR-Fernsehens. Dort gab er sich äußerst zurückhaltend, bis auf eine harsche Attacke gegen "die Funktionäre", die er allerdings nicht näher benannte."Herr Springstein ist ein Brunnenvergifter", hat vor Jahren Manfred von Richthofen gesagt, heute Präsident des Deutschen Sportbundes (DSB). Mitarbeiter aus der DSB-Zentrale in Frankfurt am Main haben nicht vergessen, wie sie von Springstein verhöhnt wurden, auf dem Höhepunkt seines Schaffens, dem doppelten Triumph von Katrin Krabbe 1991 in Tokio. "Er hat uns gesagt, wie dusselig wir sind, was wir für ein Scheiß-Sportsystem haben", erinnert sich Rolf Ebeling, der im Bereich Leistungssport (BL) des DSB für die Verbandsförderung zuständig ist. Ebeling sagt aber auch, er habe Vertrauen in den DLV-Präsidenten Digel. Wenn der Leichtathletik-Verband Springstein eine Honorarstelle verschaffen will, werde der BL diese Zusammenarbeit nicht blockieren. Wenn die "Prognose" stimmt.Prognose ist ein Wort, das Springstein ständig begleitet. Es klingt nach Resozialisierungsprogramm. Und das hält Springstein für völlig unangebracht. "Es geht mir ums Prinzip. Sie nehmen die Leistung in Anspruch, aber honorieren es nicht. Was ist, wenn Grit Breuer keine Staffel mehr läuft, sondern nur noch das macht, was sie braucht, um uns zu ernähren?" Dann hätten die Deutschen keine Medaillenchance.Springstein verlangt, der Verband solle seiner Athletin "optimale Bedingungen schaffen". Dazu gehöre ein Entgelt für ihn. "Ob zwanzig oder zweitausend Mark ist mir eigentlich egal." Es ist eine symbolische Gabe. Zwei Jahre nach Ablauf der Sperre für Grit Breuer will er als herausragender Trainer akzeptiert werden.Auf seine Art ist Springstein ehrlich. Unheimlich ehrlich. Was einige andere Trainer nur in kleinem Kreis zu äußern wagen, spricht Springstein offen aus: Er glaubt nicht an den Erfolg eines internationalen Anti-Doping-Kampfes. "Es ist ein Traum, das wird man nicht erreichen." Ob es auch sein Traum ist, sagt er nicht. "Es geht um Geld und um Rekorde. Da haben die deutschen Athleten ungleiche Voraussetzungen. Denen wird praktisch verboten, Geld zu verdienen. Sie werden zu Teilnehmern degradiert."Als Beweis für seine These erzählt er eine Begebenheit am Rande der Kunststoffbahn von Athen. Nach dem 400-m-Einzelrennen seien die drei Erstplazierten auf die Vierte, Grit Breuer, zugegangen und hätten ihr mit den Worten "du bist die Beste" gratuliert. "Sie wissen ganz genau, warum sie das sagen. Sie haben sehr großen Respekt vor Grit. Das macht einen stolz." Springstein umschreibt damit ein grundlegendes Problem. Grit Breuer untersteht dem strengen deutschen Dopingkontrollsystem. Bei der auswärtigen Konkurrenz weiß man es nicht so genau, das hat die WM an vielen Beispielen bewiesen.Die Welt sei nicht an einer Dopingbekämpfung interessiert, glaubt Springstein. Und er selbst? "Ich sage ja nicht, daß das nicht sein soll." Der entscheidenden Frage weicht Springstein aus. Ist er für die Freigabe von Dopingmitteln? Springstein sagt weder ja noch nein. Erst nach dem Gespräch erklärt er schriftlich: "Ich bin nicht für Freigabe."Wo verläuft für ihn die Grenze zum Doping? "Doping fängt in dem Moment an, wo man gegen das Reglement verstößt", sagt Springstein und wählt damit eine kluge Antwort in einer sehr schwierigen Frage. Denn sie läßt offen, ob Medikamente, die nicht in den jährlich zu aktualisierenden Dopinglisten auftauchen ­ etwa, weil sie in den Labors noch nicht nachzuweisen sind ­ für ihn legale Mittel der Leistungssteigerung sind. "Wenn es irgendwann mal saubere und freie Olympische Spiele geben sollte, bin ich fest überzeugt, daß die Leute dahin gehen, wo die Leistung kommt, wo die Luft brennt, wo Weltrekorde kommen. Nicht wo jemand 10,4 Sekunden rennt."Leistung, Rekorde, brennende Luft. Springstein liebt das Spektakuläre. Es gibt allerdings Begriffe, die kommen in seiner Gedankenwelt nicht vor. Um das zu verdeutlichen, muß man einen kleinen Sprung machen. Von Hannover, wo Springstein in einem Restaurant am Maschsee von der Attraktivität des Sports schwärmt, nach Berlin, wo sich vor Wochen mehrere Dutzend Eltern zu einer Initiative gegen undemokratische Strukturen und Vorgänge im Nachwuchsleistungssport formiert haben. Die Eltern wollen selbst bestimmen, welchen Trainern sie ihre Kinder anvertrauen. Dopingbelastete Übungsleiter zählen nicht unbedingt dazu. Die Sportler sollen nicht nur Material für Medaillenzähler sein, die Eltern glauben tatsächlich an gewisse pädagogische Aspekte, die der Hochleistungssport ihren Kindern vermitteln soll."Wenn die Eltern keinen Leistungssport wollen", sagt Springstein, "dann sollen sie ihre Kinder doch zum Freizeitsport schicken. Oder zum Klavierunterricht."Er wolle nicht Kinder, sondern Leistung entwicklen. Und deshalb kann er sich auch nicht mit der Idee Rudi Thiels anfreunden, auf dem Gelände des Olympiastützpunktes in Berlin-Hohenschönhausen eine Sprintschule zu eröffnen. Springstein sollte dort Talente betreuen. Doch er sagt: "Da ist keine Basis. Das einfachste wäre, Thiel besorgt mir eine Anstellung."

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