Im 17. Jahrhundert schließt der französische Philosoph und Mathematiker Blaise Pascal eine Wette ab. Im Angesicht der Moderne, die auch die letzten Dinge dem radikalen Zweifel überantwortet, setzt der von allen guten Geistern Verlassene sein ganzes Leben auf den Glauben, ohne daß er den Ausgang des Spiels berechnen könnte ­ vielleicht gibt es ja doch nicht etwas, sondern vielmehr nichts. John Banvilles neuer Roman "Der Unberührbare" zeigt einen postmodernen Lebenslauf, in dem selbst diese Wette ihren Sinn verliert: "Reicht die Pascalsche Wette als Lebensgrundlage für ein wirkliches Leben in der wirklichen Welt? Daß man auf Rot setzt, bedeutet schließlich nicht, daß es Schwarz nicht mehr gäbe." Und so setzt Victor Maskell dann auf Rot und auf Schwarz wie sein historisches Vorbild Sir Anthony Blunt, seines Zeichens Kunsthistoriker und Kurator der königlichen Gemäldesammlung, der lang gesuchte vierte Mann der großen englischen Doppelspione Kim Philby, Guy Burgess und Donald Maclean. Der snobistische, den Eliteuniversitäten in Oxford und Cambridge entwachsene Männerklüngel versorgt Rußland im Zweiten Weltkrieg und in der Nachkriegszeit mit Informationen aus der gesellschaftlichen und politischen High-Society, teils aus Langeweile und Lust am Spiel, teils aus ernsthafter Infizierung mit dem "Virus" des Marxismus.Banville zeichnet die Biographie Maskells nach, seine Jugend in Irland, seine Universitätskarriere, seine Kontakte zum Geheimdienst, die rauschenden Feste der Londoner Schickeria, und zwar aus der Perspektive des in aller Öffentlichkeit entlarvten Spions im Ruhestand, der sein akademisches Ansehen und seinen Adelstitel gerade verloren hat und die Scheinheiligkeit seiner Umgebung durchleuchtet. Maskell lebt sein ganzes Leben im Doppelsinn. Anders als der Engländer Blunt muß er sich als Ire aus gediegenen Verhältnissen in den Kreisen des englischen Establishments zurechtfinden. Er heiratet eine Frau und liebt heimlich Männer, er ist Royalist und Marxist. Wie der wahrhaft Gläubige kann er viele Widersprüche ertragen, nur fehlt ihm der Glaube. Und so läßt der Kleist-Übersetzer Banville seinem Protagonisten das berühmte "Ach" der Alkmene entfahren, mit dem Kleist den "Amphitryon" beendet, das Drama der sich in Spiegelungen verlierenden Identität: "( ) habe ich dieses doppelte Spiel so lange gespielt, daß mein wahres Ich zur Fälschung geworden ist? Mein wahres Ich. Ach." Nur die Liebe zur Kunst bleibt für Maskell "das einzig Echte, durch und durch Authentische". Nicolas Poussins "Tod des Seneca" begleitet sein Leben, aber zuletzt gerät auch dieses Werk unter Fälschungsverdacht, und vielleicht war das Bild des sterbenden Stoikers der Köder, mit dem Maskell als Agent eingefangen wurde.Für die Doppelsinnigkeit des Lebenslaufs hält Banville viele Symbole bereit, viele kleine Spiegelsplitter und Vexierbilder, die man entziffern kann, aber nicht entziffern muß. Der Roman eines postmodernen Lebens entfaltet insofern auch eine postmoderne Lektürevielfalt. Jeder darf darin seinen Roman lesen ­ ein wenig historisches Kolorit, eine kleine Spionagegeschichte, hie und da gelehrte philosophische und literarische Anspielungen, und das alles eingefaßt in eine stimmige Konstruktion. Der Erfolgsroman gehört zur Banville-Welt. Seit Jahren schreibt der Ire an einem Buch, dem er immer neue Kapitel in Romanumfang hinzufügt. "Der Unberührbare" kommt wie Banvilles Kepler- und Kopernikus-Biographien (1976 und 1981) aus dem Fach der âfaction , nicht der âfiction . Victor Maskell stellt eine weitere Metamorphose Freddie Montgomerys aus âThe Book of Evidence (1989) dar, der ebenfalls im Rückblick seinen verbrecherischen und kunstverliebten Lebenslauf resümiert. Und wie in âGhost (1993) und âAthena (1995) geht es um die kunsthistorischen Probleme von Echtheit und Fälschung.Das Mechanisch-Routinierte der Beschreibungskunst macht die Raffinesse dieser poetischen Kombinatorik in "Der Unberührbare" bisweilen zu einer Art Thesaurus für den Ratgeber "Wie schreibe ich einen guten Roman?" Sollte ein Leser eine Allergie gegen Vergleiche haben, das Buch brächte ihn vermutlich ums Leben, auch wenn er sich mit Gattungsnormen impfte: "Mir war, als hätte man mir die Augen herausgerissen, hätte sie über glühende Kohlen gehalten und wieder zurückgestopft in ihre pulsierenden Höhlen" ­ das ist die blumig-sarkastische Sprache der âhard-boiled -Helden Chandlers. Jede Situation hat ihre Umgebung, jede Figur ihre Attribute. So sitzen Personen auf Stühlen "wie eine an Verstopfung leidende Bulldogge", "wie ein trauriger alter Büffel", "wie eine altertümliche Götzenstatue auf dem Altar eines Tempels", "wie ein plattgedrücktes Z", "wie ein grinsender, breitschultriger, etwas anrüchiger Engel" oder "gleich einem riesigen, bösartigen Pilz".Doch die verweisende Beschreibung setzt nur stilistisch die Ereignisse des Romans um, wo sich hinter jeder Person eine andere verbirgt, jede Handlung anders scheint, als sie ist. Wie ein Spion simuliert das Buch Offenheit und gibt doch wenig preis. Dabei zeigt vor allem die Beschreibung der gequält verschämten Zuneigung des irischen Aufsteigers zur eigenen Familie, wie dicht Banville erzählen kann.Noch im Lebensrückblick, in der scheinbar klassischen Situation für eine illusionslose Selbstdarstellung, bleibt alles doppelbödig. Maskell selbst erfährt das im Laufe der Erzählzeit immer wieder, und erst ganz zum Schluß begreift er, warum sein Landesverrat öffentlich entlarvt werden mußte, wo der englische Geheimdienst doch so lange schon davon wußte und mit dem Doppelspion ein Gentlemen·s-Agreement geschlossen hatte. Gerade hier bewährt sich ein Überbleibsel aus der Welt des Glaubens: die Liebe, und um der Liebe willen verstellt sich der Schauspieler im Welttheater ein letztes Mal.Am Ende seiner "frei erfundenen Memoiren" blickt Maskell aus dem Fenster. Der Kunsthistoriker, der durch die Welt wie durch ein Museum geht, sieht nicht die Natur, sondern Poussins "Et in Arcadia Ego" von der Natur nachgebildet. Er wartet, wie er es anfangs formuliert, auf jenes "Stück blauen Himmel, wo die Wolken in Form eines rasch fliegenden Vogels aufgerissen sind" und wodurch er verklärt "unter lauter Hallelujas und Maulfürzen, verzückt in erotischer Agonie" in den Himmel "durch strudelnde Wolken von der Farbe goldenen Tees" erhoben werden kann ­ wohin auch immer. Der postmoderne Stoiker steht kurz vor dem Vollzug des einzigen "Sakraments", an das er glaubt: des Selbstmords ("soviel zu meiner Pascalschen Wette, ohnedies eine primitive Vorstellung"). Aber auch hier gibt es zwei Möglichkeiten: "In den Kopf oder durchs Herz? Das ist nun das Dilemma." Anthony Blunt jedenfalls, degradiert und geächtet, lebt nach seiner Denunziation 1979 noch vier Jahre. 1995 ist der Reprint seiner Poussin-Monographie erschienen. >

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