In diesem Jahr ist - nach einer knappen Dekade - mit "Die Analphabetin" endlich wieder ein Buch von Agota Kristof auf Deutsch erschienen. Auf dem Schutzumschlag dieser kleinen Sammlung von Erinnerungsmomenten sieht man vor einer salpeterzerfressenen Hauswand mit vergittertem Fenster ein Mädchen mit Schleife im Haar - und ein schwarzes Huhn. Das Huhn hat das rechte Bein gehoben und scheint sich aus der Aufmerksamkeit des Betrachters stehlen zu wollen. Das Mädchen steht fest und lacht mit offenem Mund in die Kamera. Die Schwarz-Weiß-Aufnahme wurde in Czikvand gemacht, dem ungarischen Dorf, in dem Agota Kristof geboren wurde und aufwuchs. Das Kind auf dem Foto ist fünf Jahre, kann aber schon lange fehlerfrei lesen und noch länger Geschichten erfinden. "Die Lust zu schreiben wird sich später einstellen, wenn der Silberfaden der Kindheit zerrissen ist, wenn die schlechten Tage kommen und die Jahre, von denen ich sagen werde: ,Ich mag sie nicht.'" Das schwarze, argwöhnische Huhn lebt nicht mehr, das lachende Mädchen wird am Sonntag siebzig Jahre alt. Ob Agota Kristof ihren Geburtstag feiert, wissen wir nicht.Mit vierzehn kam Kristof ins Internat. Vom Vater, der im Gefängnis saß, hat sie schon Jahre nichts gehört. Nun wurde sie auch von ihrer Mutter und ihren beiden Brüdern getrennt. Um den Schmerz zu ertragen, stellt sie in "Die Analphabetin" fest, sei ihr nur eine Lösung geblieben: Schreiben. Der "Silberfaden zur Kindheit" war nicht der letzte, der Agota Kristof reißen und sie zum Schreiben zwingen sollte. 1956, nach der Niederschlagung des Aufstandes, floh sie zusammen mit ihrem Mann, der bis zu ihrem Abitur ihr Geschichtslehrer war, und ihrer viermonatigen Tochter in die Schweiz. Sie verlor die Eltern, die Kindheit, die Heimat - und langsam auch noch die Sprache. Als Kristof in den Siebzigern anfing, auf Französisch zu schreiben, droht ein weiterer Silberfaden zu reißen. "Aus diesem Grund nenne ich auch die französische Sprache eine Feindessprache: diese Sprache tötet allmählich meine Muttersprache."Wieso kommt man nicht auf die Idee, Kristofs Leben als eine glückliche Erfolgsgeschichte zu erzählen? Schließlich gelingt ihr in den Achtziger Jahren mit der Romantrilogie "Das große Heft", "Der Beweis" und "Die dritte Lüge" ein fulminanter schriftstellerischer Durchbruch. Ihre Texte werden in 20 Sprachen übersetzt, für den Film und die Bühne adaptiert. Hat sie sich über ihren Erfolg gefreut? "Die Wörter, die die Gefühle definieren, sind sehr unbestimmt, es ist besser, man vermeidet sie und hält sich an die Beschreibung der Dinge, der Menschen und von sich selbst, das heißt an die getreue Beschreibung der Tatsachen." So steht es in dem Roman "Das große Heft". Nach dieser Schreibregel halten Claus und Lucas, zwei Zwillingsbrüder, die unter erbärmlichen Bedingungen bei ihrer als Hexe verschrienen Großmutter aufwachsen, ihr Dasein in einem Heft fest. Sie überleben, indem sie sich abhärten. Körperlich, indem sie sich systematisch gegenseitig verletzen, bis es nicht mehr wehtut. Geistig, indem sie sich beschimpfen, bis die Wörter nicht mehr ins Gehirn dringen. Sie üben sich im Betteln, in Blind- und Taubheit, in Fasten und schließlich in Grausamkeit.Ihre "objektive Schreibweise" hat Agota Kristof beim Verfassen von Hörspielen entwickelt. Dabei lernte sie, sich "streng an das Sichtbare und Hörbare" zu halten. Diese sprachliche Askese erinnert an die Lebensweise der Zwillinge. So, wie die beiden ihre Gefühle wegschließen, verpackt sie Kristof, um sie unverfälscht von der Sprache an den Leser zu übermitteln. Sie bringt dem Leser ganz sorgsam und vorsichtig Lebensschmerz bei, indem sie Tatsachen nennt und nichts hinzufügt. Kristof vermag auf diese Weise Unsägliches sprachlich festzuhalten. Es ist das Festhalten einer Entwurzelten: "Wie wäre mein Leben gewesen, wenn ich mein Land nicht verlassen hätte?", fragt sich Kristof. "Härter, ärmlicher, denke ich, aber auch weniger einsam, weniger zerrissen, vielleicht glücklich. Was ich sicher weiß, ist, dass ich überall und in jeder Sprache geschrieben hätte."------------------------------Foto: Agota Kristof, aufgenommen in Paris