Das comic-hafte Außer- und Übermenschliche hat Konjunktur im Kino. Größer und grüner denn je versucht sich bereits zum zweiten Mal in diesem Jahrtausend nun auch "Der unglaubliche Hulk" unter den zahlreich anlaufenden Superheldenfilmen dieser Saison zu behaupten. Es handelt sich hierbei keineswegs um eine Fortsetzung des 2003 produzierten "Hulk": Mit dem unter der Regie von Ang Lee melancholisch-geworfenen Grünling waren und sind die Verantwortlichen beim Comic-Imperium Marvel vielmehr offenbar so unzufrieden, dass sie diesen Auftritt am liebsten vergessen machen möchten. Ein Neuanfang, der sich stärker an den mutmaßlichen Vorlieben der Fans orientiert, soll diesmal für bessere Einspielergebnisse sorgen. Mehr "Wumm" und "Aaargh", weniger Psychoanalyse - so in etwa dürften die guten Vorsätze bei Marvel im Vorfeld der etwa 150 Millionen US-Dollar teuren Produktion gelautet haben.Konsequenterweise sind nun nicht nur alle Rollen neu besetzt - mit Louis Leterrier wurde zudem ein Action-betonter Regisseur eingekauft. Wo Ang Lee für seinen Hulk noch in aller Ausführlichkeit eine traumatische Kindheit ersinnt, hält sich sein Nachfolger mit derartiger Gefühligkeit nicht lange auf. Knappe zwei Minuten, mehr braucht Leterrier nicht, um den radioaktiven Unfall und die erstmalige Verwandlung des besonnenen Wissenschaftlers Bruce Banner in den grobschlächtigen Riesen abzuhandeln.Vorerst sehen wir allerdings einen - hoffentlich nicht animierten! - anbetungswürdig gut trainierten Edward Norton in der Rolle des Bruce Banner. In einer pittoresken Favela von Rio de Janeiro hausend, versucht dieser Getriebene sein gefährliches Temperament unter Kontrolle zu bringen. Via Internet kommuniziert er mit einem Forscher, der ihm helfen will, den verhassten Hulk in ihm für immer zu vernichten.Doch selbst dieser labile Frieden währt nicht lange. Der perfide General Thaddeus ,Thunderbolt' Ross (William Hurt), Vater seiner großen Liebe Betty, will unbedingt das besondere genetische Material Banners wieder in seinen Besitz bringen - um daraus den unbesiegbaren Soldaten zu erschaffenSo unlauter die Motive sein mögen, so schön ist doch die Verfolgungsjagd durch die Gassen und über die Dächer der Favela. Doch nach dem gemeinen Mord an einem vorbildlichen Hund verliert Bruce Banner die mühselig erarbeitete Selbstbeherrschung, er mutiert zum Hulk. Das ist nicht nur für die Anwohner und Bruce Banner zutiefst bedauerlich, auch der Zuschauer wünscht sich bald die endgültige Eliminierung des grünen Monsters aus den Eingeweiden Banners. Denn wie schon sein CGI-Vorgänger scheitert auch dieser Hybrid aus Shrek und King Kong daran, Einfühlungsvermögen zu erzeugen. Trotz prima definierter Muskeln und Sehnen ist die Hautoberfläche des Hulk unnatürlich straff, und seine Mimik wirkt im Vergleich zu den menschlichen Darstellern arg limitiert. Ein Problem, dass in der Comic-Vorlage so eben nicht gegeben ist.Vorbei ist es nun auch mit jeder Eleganz, ab sofort werden schwere Geschütze aufgefahren - ohne den rechten Erfolg, bis die genetisch manipulierte Geheimwaffe Emil Blonsky (Tim Roth) auf Hulk angesetzt wird. Eine todlangweilige Materialschlacht zwischen zwei unattraktiven Giganten beginnt. Da vermag auch die tragische Liebesgeschichte zwischen Bruce/Hulk und Betty (Liv Tyler) kein rechtes Interesse mehr zu wecken. Zu vollständig ist die äußerliche Verwandlung vom Menschen zum Monster.In diesem Sinne wird der Film seinem Titel "Der unglaubliche Hulk" jedenfalls vollkommen gerecht. Die guten US-amerikanischen Einspielergebnisse machen eine Fortsetzung wahrscheinlich. Unwahrscheinlich ist dagegen eine weitere Zusammenarbeit mit Edward Norton. Seine Plädoyers zu Gunsten psychologischer Tiefe fielen der Schere zum Opfer.------------------------------The Incredible Hulk USA 2008. Regie: Louis Leterrier, Drehbuch: Zak Penn, Darsteller: Edward Norton, Liv Tyler, Tim Roth, Tim Blake Nelson, William Hurt u. a.; 114 Minuten, Farbe.------------------------------Foto: Vorher, nachher: Bruce Banner (Eward Norton) möchte noch etwas an sich arbeiten ...Foto: ... aber das Ergebnis seiner Anstrengungen wirkt wenig überzeugend.