Der Markt habe ihn "an den Eiern gepackt", hat Nick Leeson in der Frankfurter Haft über seine fatalen Spekulationsgeschäfte geschrieben. Und da habe er eben darauf gehofft, dass ein steigender Nikkei-Aktienindex ihm die Eier wieder freigegeben würde. Das hätte Peter Baring, Leesons Arbeitgeber und Chef der ältesten Privatbank der Welt, sicher anders ausgedrückt. Dabei waren Leesons Sorgen ziemlich bald auch seine: Die Barings Bank hat die Milliardenverluste des 27-jährigen Derivathändlers nicht verkraftet. Aber Peter Baring gehört zum Londoner Geldadel, Leeson ist ein Handwerkersohn aus Watford. Die gesellschaftliche Kluft, die die beiden trennt, ist ein wiederkehrendes Thema in James Deardens Film "High Speed Money" (so heißt, man staune, die deutsche Fassung von "Rogue Trader"). Hier die Bankspitze, die im Londoner Haupthaus bei Schummerlicht und unter Ölgemälden Tee trinkt, dort der Aufsteiger (Ewan McGregor) mit den schlechten Manieren, der ein paar Zeitzonen entfernt im Pub die Hose runterlässt. Da der Film auf Leesons eigenen Darstellung beruht, kann man davon ausgehen, dass diese soziale Kluft tief empfunden ist. Aber auch, dass Leeson jedes Interesse daran hat, sie möglichst tief darzustellen. Denn die Geschichte vom gesellschaftlichen Außenseiter birgt zugleich eine andere: Hier das Frontschwein, das sich im Chaos der asiatischen Börse um die Beute prügelt und für seine Kameraden eintritt, dort die feinen Herren, die die Profite verzehren. Diese weinerliche Note wird gleich zu Beginn angeschlagen. In einem englischen Pub belästigt Nicks Freund Steve eine Frau, Nick will im Folgenden Streit schlichten und bekommt dafür einen Barhocker über den Kopf gezogen. Das ist die Parabel auf Leesons Schicksal, wie er es sieht: Andere machen Fehler, Nick muss die Rechnung zahlen, weil er zu gut für diese Welt ist. Das Missgeschick im Pub ist auch fast das Einzige, was wir im Film über Nicks Vorgeschichte erfahren. Die Handlung hastet in großen Sprüngen voran, bis der Held mit Schwung die Tür zum Tatort aufstößt: dem Parkett der Singapurer Börse. Von da an kämpft der Film mit zwei Schwierigkeiten. Zum einen ist das Geschehen schwer begreiflich zu machen, schließlich geht es um Dinge, die sogar Leeson selbst als "unreal" erschienen. Zahlen flimmern im Sechszehnteltakt über den Bildschirm, es wird ausgiebig telefoniert, die Händler zanken sich in ihrer Taubstummensprache mit heftigen Handbewegungen und Augenrollen, bis das Hemd unter der bunten Jacke durchgeschwitzt und der Boden mit Papierschnipseln bedeckt ist und Leeson auf der Toilette dem Spiegel fassungslos seine Tagesverluste beichtet. Die andere Schwierigkeit ist der farblose Held selbst. Über ihn weiß man wenig, aber es ist unklar, ob es da überhaupt mehr zu wissen gibt. Die Vermutung, dass ein Mann, der mit 27 Jahren hunderte Millionen Pfund in den Sand setzt, auch ein besonders interessantes Privatleben hätte, wird im Film eindrücklich widerlegt. Trotzdem, und trotz der sklavisch genauen Orientierung an den Erinnerungen eben dieses farblosen Helden, scheitert der Film nicht. Das ist Ewan McGregor in der Hauptrolle zu verdanken. Er verkörpert den liebenswerten, verlorenen Schuljungen, der ständig auf der Flucht vor den Folgen seiner eigenen Streiche ist und dabei doch sehnlich hofft, dass irgendwann jemand seinen Schwindel aufdeckt. Vor dem Geschäftsessen im Poloclub wird noch mal schnell zwischen die geparkten Rolls-Royces gekotzt, der Magen spielt schon lange nicht mehr mit, aber es will ja niemand das schreckliche Geheimnis wirklich wissen. Bis auf die Frauen in Leesons Arbeitswelt, denn die treten als Anwälte des gesunden Menschenverstands auf ganz einfach deswegen, weil sie es bis in die korrupte Chefetage gar nicht schaffen und stattdessen in niedrigeren Kontrollfunktionen auftreten. Ash von der Revision, Brenda von der Zahlungsabteilung und Mui von Coopers und Lybrand stellen quälende Fragen. Die Herren dagegen nehmen s nicht so genau und verlangen Gewinne pünktlich zum Bonus-Tag, dem Weihnachten für Investment-Banker. Und Gewinne kann Leeson vorweisen wie kein anderer, denn die davon abzuziehenden Verluste hat er ja sozusagen abgeschafft.Peter Baring selbst, der von Leesons Machenschaften kaum mehr verstanden haben dürfte als der Zuschauer, erläutert im Film, dass die "Old School Ties", die City-Oberschicht alter Prägung, von einer jungen, "hungrigeren Sorte" abgelöst werden. Er sollte Recht behalten. Wer allerdings die hungrigeren sind die jungen Aufsteiger oder Leute von Barings Schlag mag der Zuschauer am Ende nicht entscheiden.NEU IM KINO High Speed Money // High Speed Money (Rogue Trader), Großbritannien 1998, 101 Min.Regie und Drehbuch: James Dearden Darsteller: Ewan McGregor, Anna Friel, Christian Solimeno, Sarah Liew