Hans-Joachim Flebbe ist seit Ende der 1970er-Jahre Kino-Unternehmensgründer. Der ehemalige Vorstand der CinemaxX AG betreibt Großkinos in Braunschweig und Hannover - und baute 2008 den ehemaligen Filmpalast Berlin am Kurfürstendamm zur exquisiten Astor Film-Lounge um. Nach diesem Vorbild entstehen ähnliche Kinos in Genf und Hamburg, Mailand und Rom sollen folgen. Flebbe (Jahrgang 1951) hat jüngst auch den Zuschlag für den Zoo-Palast bekommen, der 2012 wiedereröffnet werden soll.Herr Flebbe, Sie sind ja ein alter Hase der - wie sagt man - Kinowirtschaft?Der Kinobranche! Als Student trat ich gegen die Altbranche in Westdeutschland an. Es gab damals einen großen Kinokönig: Heinz Riech. Ihm gehörten alle Ufa-Theater; und er war berüchtigt für die sogenannten Schachtelkinos. In die wunderschönen, aber heruntergekommenen Filmpaläste mit zum Teil tausend Plätzen ließ er bis zu sieben Schachtel-Kinos einbauen. Diese Entwicklung vertrieb letztlich das Publikum aus den Kinos.Das war in den 1970ern und 1980ern. Dann kamen Home-Entertainement-Produkte, also die Videokassette und später die DVD als Konkurrenz. Wie kann das Kino, das früher mal so schön Lichtspieltheater hieß, wieder punkten?Es ist ja so, dass die Multiplexkinos ...... die Sie selbst mit aufgebaut haben... ja - dass diese Kinos für viele Zuschauer absolut nicht mehr akzeptabel sind. Heute muss man eine perfekte Technik haben und natürlich eine Atmosphäre schaffen, die ein gutes Gefühl gibt, mit anderen Menschen im Kino zu sein. Das ist schon etwas grundlegend Anderes, als zu Hause allein vor dem Fernseher zu sitzen.Filme werden bei Ihnen digital projiziert, kommen über die Festplatte. Es gibt also keine Filmrollen mehr.Und damit auch keine Filmrisse und keine Unschärfen! Das gibt es ja im Digitalen nicht mehr. Wir haben eine insgesamt bessere Qualität, denn die klassischen Filmkopien werden immer körniger und unschärfer, weil die Verleiher sparen. Im übrigen verstehe ich Kino als vierte Leinwand im Raum. Das heißt eine große und gute Projektion mit einem super Sound. Dazu kommt die Bequemlichkeit, etwa Liegesessel oder dass man - wie im Astor - am Platz bedient wird, wenn man will.Nun gehört zum Kinoerlebnis nicht nur der bequeme Ledersessel und das kalte Hühnerbein, sondern auch die Filmkultur. Es geht eben nicht nur die Aufwertung des Kinos, sondern auch um die der Ware Film. Das heißt, auch anspruchsvolle Filme zu zeigen ...Ein Kino hat keinen pädagogischen oder bildungspolitischen Hintergrund! Wir werden aber im Zoo-Palast jede Menge Premieren machen, wo vor allem die deutschen Schauspieler kommen. Wir haben hier in Berlin, nach der Lichtburg in Essen, das zweitgrößte Kino der Bundesrepublik mit 800 Plätzen.Die Kinobilanzen 2010 sind erschütternd. Fast 20 Prozent weniger Besucher als im Vorjahr. Woran liegt das?Der Marktanteil an deutschen Filmen hat im letzten Jahr sehr nachgelassen. Und wenn die Deutschen unattraktive Filme machen, ist das für uns ein schlechtes Kinojahr. Abgesehen davon muss die Kinobranche auf zwei Dinge achten: Sie muss das Publikum mehr umwerben, und die Eintrittspreise dürfen nicht zu teuer werden.In der Astor Film-Lounge liegt der Eintrittspreis bei 15 Euro im Schnitt: auch nicht gerade billig.Wir haben da aber steigende Besucherzahlen. Der Eintrittspreis erklärt sich über unseren Personalaufwand.Wie viel verdient eigentlich derjenige, der so ein Kino betreibt an der Eintrittskarte?Das kann ich so nicht sagen.Ist es ein Drittel, die Hälfte?Das sagt ihnen keiner! Mal so viel: Die Hälfte des Eintrittspreises geht an den Verleiher für die Filmmiete, und die andere Hälfte deckt die Unkosten.Dazu gehört die Miete. Stichwort: Kinosterben am Kudamm. Das hat auch etwas mit den Immobilienpreisen zu tun. In die einstige Filmbühne Wien soll jetzt angeblich ein Apple Store einziehen.Es ist den Besitzern vom Zoo-Palast hoch anzurechnen, dass da kein Kaufhaus entsteht. Auch der Berlinale-Direktor Dieter Kosslick hat sich sehr für den Erhalt des Zoo-Palastes als Kino eingesetzt.Kehrt die Berlinale dann zurück an den Standort?Ich gehe davon aus. Kosslick ist ein Fan des Zoo-Palastes.Stimmt es eigentlich, dass die CinemaxX-Kinos am Potsdamer Platz nach dem Umzug der Berlinale dorthin jahrelang subventioniert wurden, damit sie dem Filmmarkt des Festivals erhalten bleiben?Was damals zwischen der Debis AG, der damaligen Tochterfirma von Daimler Benz, und der Berlinale ausgehandelt wurde, weiß ich nicht - das durchblicke ich nicht.Und heute? Fließt da Geld?Nee, Quatsch! Die Kinos am Potsdamer Platz gehören zu den fünf bestbesuchten deutschen Kinos! Da wird nichts subventioniert.Immerhin verbuchte die CinemaxX AG 2008 noch Verluste in Millionenhöhe. Bleiben wir beim Geld. Bei der Digitalisierung. Wer soll die teure Umstellung der Kinos von analoger auf digitale Projektion bezahlen?Eine Umrüstung von analog auf digital kostet zwischen 80.000 und 100.000 Euro. Und die Einzigen, die etwas davon haben, sind die Verleiher. Denn sie müssen keine Filmkopien mehr machen. Die kosten so ungefähr 1.500 Euro pro Stück in der Herstellung, eine Festplatte kostet nur ungefähr 100 Euro. Auch die Transportkosten fallen weg.Aber die Filmverleiher spielen da gar nicht mit. Und die Programm- und Arthouse-Kinomacher argumentieren, dass es - abgesehen von der anfänglichen Finanzierung - völlig unklar ist, was die neue Technik an Folgekosten bringt. Wie lange halten wohl die digitalen Projektoren im Unterschied zu den unverwüstlichen 35mm-Projektoren? Und dann die Frage der Fremdbestimmung des Programms, das dann zentral gesteuert werden kann. Die Situation ist ziemlich vertrackt, oder?Die Verleiher warten ab. Sie denken, irgendwann beugt sich schon einer dem Druck und fängt an mit der Umrüstung. Und dann ziehen die anderen nach. Wenn die kritische Masse an digitalen Kinos da ist, dann haben sie gewonnen.Und die kleinen Kinos haben verloren. Marktbereinigung ist das Wort, das häufig auftaucht, wenn es um die Zukunft der Kinos geht, die keiner großen Kette angehören. Die Hoffnung stützt sich auf die Politik.Da muss etwas passieren! Zur Zeit machen noch viele kleine Kinos auf analog, das geht jetzt noch einigermaßen. Aber wer weiß, wie die Sache in ein oder zwei Jahren aussieht. Wenn in naher Zukunft Monitor und Fernseher die gleiche Funktion haben und man dann zu Hause sehr viel leichter Spielfilme abrufen kann, kommen ganz andere Bedrohungen auf die Kinobranche zu.Interview: Daniela Kloock------------------------------Foto: Damals war's: der Zoo-Palast kurz vor der Eröffnung der Berlinale, Aufnahme vom 21. Juni 1957.Foto: Hans-Joachim Flebbe